Trumps Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood. Foto: Neelix/Wikimedia

Johannes Völz ist Heisenberg-Professor für Amerikanistik mit Schwerpunkt „Demokratie und Ästhetik“ am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität. Im nachfolgenden Interview äußert er sich zu den Midterm-Wahlen.

Herr Völz, der Ausgang der Midterm-Wahlen wird hinsichtlich der Frage, ob und inwiefern dies eine Niederlage für Trump darstellt, unterschiedlich diskutiert. Wie ist Ihre Einschätzung als Amerikakenner?

Manchmal ist Trump ja geradezu entwaffnend in seiner Offenheit. So einen Moment gab es in der Pressekonferenz am Tag nach den Midterms. Da warnte er die Demokraten davor, in den nächsten zwei Jahren die Regierungsarbeit im Repräsentantenhaus durch Untersuchungsausschüsse zu blockieren: „Wenn wir uns gegenseitig untersuchen lassen, wird zwei Jahre lang nichts passieren. Aber die Demokraten haben die Mehrheit [im Repräsentantenhaus]. Also werde ich [im Präsidentschaftswahlkampf 2020] alles auf sie schieben. Ehrlich, das macht es viel einfacher für mich.“ Da ist vermutlich sehr viel Wahres dran. Das Wahlergebnis verspricht, dass die Polarisierung der beiden politischen Lager noch weiter zunimmt. Diese Polarisierung ist der Treibstoff seiner Politik. Dazu kommt noch die Stärkung der Konservativen im Senat, nicht nur durch die zusätzlichen Sitze für die Republikaner, sondern auch durch das Ausscheiden von gemäßigten Republikanern aus dieser Kammer. Das Ernennen weiterer konservativer Bundesrichter wird dadurch erleichtert. Von daher muss man sagen: Trump kann zufrieden sein.

Wie ist es zu erklären, dass ein Präsident, der seit seinem Amtsantritt innen- wie außenpolitisch so viel Porzellan zerschlagen hat wie wohl kaum ein anderer Präsident vor ihm, immer noch eine vergleichsweise so große Zustimmung findet?

Zunächst einmal muss man festhalten, wie breit die Zustimmung wirklich ist. Dies war keineswegs eine Wahl, in der Trump abgestraft wurde. In den Wählerschichten, in denen er bereits 2016 populär war, ist er jetzt noch populärer. Sein Politikstil kommt an, jedenfalls bei diesem Teil der Bevölkerung. Und dieser Stil beruht ja gerade darauf, dass er Porzellan zerschlägt. Das war schon im Wahlkampf 2016 so, daran hat sich während seiner ersten beiden Amtsjahre nichts geändert und das wird vermutlich auch so bleiben. Was mir in der Berichterstattung meist fehlt, ist eine Erklärung für seinen politischen Rambo-Stil. Der Kern seines politischen Versprechens ist es, im Namen des angeblich wahren Amerikas einen Kampf zu führen gegen einen Gegner, der unter normalen Umständen übermächtig wäre und den allein er bezwingen kann. Seine Politik beruht quasi darauf, sich in fortwährender Opposition zu wähnen, selbst als Präsident.

Aber es ist nicht einfach die Opposition gegen einen politischen Gegner – den hat er ja in den Wahlen besiegt, wie er nie müde wird zu betonen –, sondern gegen ein ganzes kulturelles System. Das ist, wenn man so will, der paranoide Kern seiner Politik. Um diesen – wohlgemerkt imaginären – Kampf zu gewinnen, muss er zeigen, dass er das System zerstört. Daher der destruktive Stil. Ein wesentlicher Vertreter dieses kulturellen Systems sind die Medien, was auch seine Obsession mit dem, was er „Fake News“ nennt, erklärt. Die ominöse Macht, die er CNN und Co. bei aller Verachtung zuschreibt, klingt schon im Begriff „Mainstream Media“ an. In dieses Bild passt übrigens auch, dass er nie auf den beträchtlichen Einfluss des ihn verehrenden Senders Fox News eingeht.

Der Wahlkampf war geprägt von den Trump’schen Rallies, von seinen Veranstaltungen, auf denen er, obwohl man ihn selber gar nicht wählen konnte, Wahlkampf gemacht hat. Welche neue Dimension sehen Sie darin, worin unterscheidet sich Trump in seiner ‚Show‘ von anderen Präsidenten? 

Rallies sind seit Trump eigentlich keine reinen Wahlkampfveranstaltungen mehr, sie finden ja auch während der gesamten Legislaturperiode statt. Anders herum könnte man auch sagen: Seit Trump ist immer Wahlkampf. Trumps Macht hängt von der Zustimmung seiner Basis ab. Diese Basis existiert aber nicht einfach objektiv. Sie muss sich vielmehr immer wieder aufs Neue konstituieren, um sich als Gemeinschaft zu begreifen. Das ist die Funktion dieser Veranstaltungen. Die Basis definiert sich dabei durch die Abgrenzung von Eliten und Minderheiten, durch den Kampf gegen ein ganzes System – in dem Sinne, wie ich es gerade beschrieben habe.

Hinzu kommt noch, dass Trump die ideologische Polarisierung mit der polarisierenden Dynamik des Reality-TV koppelt. Er ist eben, anders als seine Vorgänger, eine Medienberühmtheit, die es seit vielen Jahren versteht, durch Provokation und Spaltung die Aufmerksamkeit an sich zu binden. Bei seinen Rallies offenbart er dabei großes Showtalent, übrigens auch fürs Komödiantische. Viel zu selten weisen die Beobachter darauf hin, wie viel gelacht wird, wenn er auf der Bühne steht. Diese Veranstaltungen sind also eine Art politisches Entertainment, das die Fans mal aufpeitscht, mal unterhält, und meistens beides zugleich schafft.

Seine Anhänger schätzen an ihm, dass er angeblich „authentisch“ und „ungekünstelt“ seine Meinung kundtue. Macht der Begriff des Authentischen bei ihm überhaupt noch Sinn?

Nur, wenn man den Begriff des Authentischen umdefiniert. Trump ist ja reine Oberfläche und Fassade, der Trump-Tower ist das beste Sinnbild dafür. „Authentizität“ dagegen geht von einem Tiefenmodell des Menschen aus, das unterscheidet zwischen dem, was man öffentlich darstellt und dem, was man in seinem tiefsten Innern wirklich ist. Klassischerweise meint nun „Authentizität“ eine Haltung, die das Innerste und damit auch die individuelle Einzigartigkeit zum Ausdruck bringt. Trump aber vollbringt das Kunststück, authentisch zu wirken, indem er sich widerspricht und sogar, indem er lügt. Meine Erklärung dafür ist, dass sich an ihm eine neue Bedeutung des Authentischen kristallisiert, die letztlich aus der Geschichte der amerikanischen Populärkultur mit ihrer Betonung des Performativen hervorgeht.

Der „Authentizitätseffekt“ stellt sich ein, wenn man den Prozess beobachten kann, in dem etwas entsteht. Zwar gibt es keine Tiefe, aber dafür ist man live dabei, in Echtzeit. Hier wird gewissermaßen der Moment des „Jetzt“ radikal aufgewertet. Die wichtigste Form hierfür ist die Improvisation. Passend dazu unterstreicht Trump bei jeder Gelegenheit, dass er ohne Manuskript und ohne Teleprompter spricht. Es ist, als ob man das Entstehen seines Sprechens direkt beobachten kann. Und da er immer wieder seine Anhänger einbindet, können sie an diesem Entstehen regelrecht teilhaben. In den Rallies, könnte man sagen, bringt Trump gemeinsam mit seinen Fans das „Jetzt“ hervor.

Trump kann seine Behauptungen und Lügen anscheinend folgenlos in die Welt setzen. Gefährdet dieses verschwörungstheoretische Vorgehen, das durch soziale Medien und Sender wie Fox News noch befeuert wird, den Diskurs der demokratischen Welt, der auf Überprüfung und Richtigstellung von Fakten basiert?

Was im gegenwärtigen Amerika – nicht erst seit Trump, aber verstärkt durch ihn – deutlich wird, ist, wie voraussetzungsreich dieser demokratische Diskus ist. Trump-Anhänger und selbst Verschwörungstheoretiker sind ja keinesfalls der Meinung, dass sie irrational sind und dass Fakten keine Rolle spielen. Im Gegenteil: die Annahme ist ja, dass ihnen bis jetzt die Fakten vorenthalten wurden. Überprüfung und Richtigstellung – das ist genau, was Trump-Fans einfordern. Das, was liberale Demokraten unter dem „Diskurs der demokratischen Welt“ verstehen, setzt bereits einen Konsens über diese demokratische Welt voraus. Wobei Konsens ein zu schwaches Wort ist. Demokraten müssen sich dem gemeinsamen Bezugsrahmen regelrecht verschreiben, sie müssen an ihn glauben.

Deswegen liegt die eigentliche Gefahr für die Demokratie in der Polarisierung. Denn sie zerstört diesen gemeinsamen Bezugspunkt. Unter dem Vorzeichen der Polarisierung wird seine normative Ausstrahlungskraft  geschwächt. Jede Seite hat dann ihre eigenen Fakten, und eine Auflösung der Widersprüche zwischen den beiden Perspektiven wird nicht nur unwahrscheinlicher, sie verliert auch an Attraktivität. Kellyanne Conways Begriff der „alternative facts“ ist so gesehen viel treffender und weniger zynisch als er meist verstanden wird. Womit ich nicht sagen will, dass es etwa zwischen Wissenschaft und Verschwörungstheorie keinen fundamentalen Unterschied gäbe. Aber eine polarisierte Gesellschaft wird sich nicht darüber einigen können, entlang welcher Linie dieser Unterschied verläuft.

In einem Beitrag für die FAZ setzen Sie die Polarisierung der amerikanischen Öffentlichkeit bereits in den späten 60er Jahren an. Können Sie das erläutern? Was ist denn dann neu an der Spaltung unter Trump?

Die Wählerwanderung im amerikanischen Zweiparteien-System verläuft meist in zwei unterschiedlichen Tempi. Es gibt die beinahe schon revolutionären Wahlen, in denen sich grundlegende Verschiebungen abzeichnen. Darauf folgen dann Wahlzyklus um Wahlzyklus, in denen sich diese Neuorientierungen schrittweise manifestieren. 1968 war so ein Jahr: da wählten viele weiße Demokraten, die der Arbeiter- und Mittelschicht angehörten und die die Bürgerrechtsbewegung  ablehnten, den Kandidaten einer populistischen Drittpartei namens George Wallace.

Wallace, der übrigens wie Trump ein Meister der Kunst der Rally war, gehörte bis kurz zuvor den Demokraten an, insofern war er für diese Wähler eine naheliegende Wahl. Vier Jahre später wählten viele seiner Wähler dann die Republikaner, die traditionell eine Partei für Besserverdienende gewesen waren. Dieses so genannte „Realignment“ formt sich bis heute aus. Bei diesen Midterms zum Beispiel haben die Demokraten gebildete und wohlhabende Bewohner der Vororte für sich gewonnen, die bisher noch zur alten Koalition der Republikaner gehörten. Insofern erleben wir noch immer die Folgen der 60er Jahre, was übrigens darauf hindeutet, wie zentral die Rassenfrage – die der wichtigste Anstoß für das Realignment war – für die  amerikanische Gesellschaft nach wie vor ist.

Die Polarisierung hat sich seit dieser Zeit allerdings nicht nur vertieft, sie hat auch ihre Qualität verändert. Sie hat sich, wie der Soziologe Andreas Reckwitz sagen würde, „kulturalisiert“. Soll heißen: heute betrifft die Polarisierung nicht mehr nur politische Inhalte, sondern den ganzen Lebensstil, bis hin zur Frage, wo man einkauft und welches Auto man fährt. Sein Leben durch den Lebensstil zu definieren, war in den 60er Jahren eine Innovation der Gegenkultur. Diese Innovation hat sich über das Land ausgebreitet und trägt nun zur Polarisierung bei. Heute ist die Zugehörigkeit zum liberalen oder konservativen Lager also etwas, das sich im Lebensstil niederschlägt. Das macht es so unendlich schwierig, für Menschen aus den unterschiedlichen Lagern im Alltag eine gemeinsame Basis zu finden.

[Fragen: Dirk Frank]