Barbara Asbrand, Erziehungswissenschaftlerin

Von Wissenschaft hatte sie die Nase voll: Während Barbara Asbrand an ihrer Dissertation über Religionsunterricht in der Grundschule arbeitete, erlebte sie den Wissenschaftsbetrieb als ausgesprochen konkurrenzbetont: „Mir hat überhaupt nicht gefallen, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler miteinander umgingen.“

Ihre Doktorarbeit habe sie dann zwar noch fertiggeschrieben, „weil man eigentlich zu Ende bringen sollte, was man angefangen hat“. Aber ansonsten stand für Asbrand fest: „Nie wieder Wissenschaft.“ Dachte sie. „Und nicht einmal ein Jahr später ich mich habe dabei ertappt, wie ich in der Bibliothek saß und wissenschaftliche Aufsätze las“, berichtet Asbrand, die nach der Promotion zunächst drei Jahre in der Erwachsenenbildung arbeitete, dann aber doch in die Wissenschaft zurückfand:

Sie habilitierte sich im Fach Erziehungswissenschaft, folgte 2007 zunächst einem Ruf nach Göttingen und hat seit 2010 am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität am Institut für Pädagogik der Sekundarstufe eine Professur mit dem Schwerpunkt „Allgemeine Didaktik und Schulentwicklung“ inne.

Dokumentarische Methode

Ihr wissenschaftliches Interesse ist heute breit gefächert: Asbrand forscht sowohl zum fachlichen Lernen im Schulunterricht als auch zu den Kommunikationsund Interaktionsprozessen, die in der komplexen Organisation „Schule“ ablaufen: nicht nur zwischen Lehrern und Schülern, sondern genauso zwischen verschiedenen Schülern, innerhalb des Kollegiums, zwischen Schulleitung und Kollegium sowie anderen schulischen Akteuren.

Dazu bedient sie sich der „dokumentarischen Methode“: Sie erstellt sowohl Videoals auch Tonaufzeichnungen und erfasst dabei das Geschehen im ganzen Klassenraum. „Und das ist entscheidend“, kommentiert Asbrand. „Ich analysiere nicht nur das, was der Lehrer, die Lehrerin erklärt und fragt sowie das, was die Schülerinnen und Schüler darauf antworten. Dabei berücksichtige ich auch, was und wie sie untereinander sprechen: sei es mit dem Sitznachbarn, sei es während einer Gruppenarbeitsphase, und wie mit den Dingen im Unterricht interagiert wird.“ Anhand dieser Analysen schließt Asbrand auf die Prozesse, die tatsächlich (und nicht nur bei oberflächlicher Betrachtung) im Mikrokosmos Schule ablaufen.

Wissenstransfer in die Gesellschaft

Ein solcher Mikrokosmos ist insbesondere die Helene- Lange-Schule Wiesbaden. Diese Versuchsschule des Landes Hessen hat die Aufgabe, Neuerungen im Schulsystem wie beispielsweise spezielle Lernformen, pädagogische Konzepte oder Diagnoseinstrumente zu entwickeln, zu erproben und anderen Schulen zur Verfügung zu stellen. Asbrand und ihrer Arbeitsgruppe obliegt es, diesen auf Dauer gestellten Schulversuch wissenschaftlich zu begleiten.

„Unsere Zusammenarbeit mit der Helene-Lange-Schule stellt ein klassisches Beispiel für ‚Third Mission‘ dar“, sagt Asbrand, „die Goethe-Universität sieht sich ja nicht nur Forschung und Lehre, sondern auch dem Wissenstransfer in die Gesellschaft hinein verpflichtet.“ Die Beziehung der Wiesbadener Schule und der Pädagogen von der Frankfurter Universität sei von Anfang an als „Winwin- Situation“ definiert gewesen:

So sei es für sie stets attraktiv gewesen, auf diese Weise einen ständigen „Feldzugang“ für ihre Forschung zu haben, außerdem würden auch die angehenden Lehrerinnen und Lehrer – ihre Studierenden – diesen unmittelbaren Kontakt mit einer aufgeschlossenen und reformfreudigen Schule als hilfreich empfinden: wenn beispielsweise jemand aus dem Kollegium dieser Schule in einem ihrer Seminare vortrage oder wenn sie mit den Studierenden eine Exkursion nach Wiesbaden unternehme. „Und umgekehrt ist es für die Schule natürlich attraktiv, weil sie durch unsere Evaluationen eine wissenschaftlich fundierte Rückmeldung zu ihrer Arbeit bekommt“, erläutert Asbrand.

Wechsel in die Teilzeit

In der Zukunft möchte Asbrand in ihrer Forschung der Frage nachgehen, warum Schulen wie die Wiesbadener Helene-Lange-Schule so innovationsfreudig sind und wie sich Möglichkeitsräume für Veränderung in Schulen eröffnen. Im Oktober reduziert sie ihre Arbeitszeit an der Goethe-Universität, weil ihr Mann, der sich bisher um die derzeit sechs Jahre alte Tochter gekümmert hat, wieder auf eine volle Stelle wechselt. Asbrand wird sich also mehr der „praktischen Pädagogik“ – sprich: der Erziehung ihrer Tochter – zuwenden und möchte außerdem beweisen: Auch als Professorin kann eine Frau Teilzeit arbeiten.

Stefanie Hense

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.19 des UniReport erschienen.