Manfred Niekisch, Biologe und Direktor des Frankfurter Zoos; Foto: Lecher

Am 31. Dezember 2017 endet für ihn offiziell seine Amtszeit als Direktor des Frankfurter Zoos. Ein Porträt des Forschers, Hochschullehrers und Tierfreunds Manfred Niekisch.

In einem Fall kann Manfred Niekisch, der im Allgemeinen recht entschlussfreudig ist, sich nicht entscheiden. Zwischen seinen beiden Berufsfeldern muss er das ohnehin nicht tun:

Er ist seit 2008 Direktor des Frankfurter Zoos sowie seit 2010 Kooptationsprofessor der Goethe-Universität, lehrt am „Institut für Ökologie, Evolution und Biodiversität“ des Fachbereichs Biowissenschaften das Fach „Internationaler Naturschutz“.

Aber auf die Frage, welche unter den 450 Tierarten des Frankfurter Zoos sein Lieblingstier ist, antwortet er: „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Stellen Sie sich mal vor, sie fragten einen Vater, welches seiner Kinder er am liebsten mag …“

Liebling des Zoodirektors: die Gelbbauchunke

Und doch gilt seine besondere Sympathie einem vier bis fünf Zentimeter kleinen, froschähnlichen Wesen: der Gelbbauchunke (Bombina variegata), und das aus mehreren Gründen.

Zum einen verdankt er ihr seinen Doktortitel, nachdem er an der Universität Bonn seine Dissertation über die „Besiedlungsstrategie der  Gelbbauchunke“ verfasst hat. „Zum anderen ist sie ein recht unscheinbares Tier; sie  bekommt daher im Zoo längst nicht so viel Aufmerksamkeit wie meinetwegen Tiger, Giraffe oder Orang Utan. Deshalb weiß auch kaum ein Besucher, dass die Gelbbauchunke eine herzförmige Pupille hat – und welches andere Tier hat das schon?“

Die Aufmerksamkeit der Zoobesucher auf bedrohte Tierarten zu richten, ist einer der Wege, auf denen Niekisch den Frankfurter Zoo zu einem internationalen Naturschutz-Zentrum ausbauen will: „Wir zeigen unseren Besuchern Tiere im Zoo als Botschafter für ihre wildlebenden Artgenossen und informieren zusammen mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt über die Bedrohungssituation der Tiere wie auch ihrer Lebensräume.

Dazu sind auch unsere ehrenamtlichen Zoobotschafter mit einem der sieben verschiedenen ‚Infomobile‘ unterwegs. Anhand von Bildern und ganz unterschiedlichen Requisiten informieren sie unsere Besucherinnen und Besucher über Themen wie etwa die vom Aussterben bedrohten Gorillas, Tiger oder den Klimawandel. Außerdem können lokale Naturschutzverbände bei Zoo-Events ihre Infostände aufbauen und für ihr Anliegen werben“, zählt Niekisch auf.

Zudem arbeite der Zoo mit Behörden wie dem Zoll und der Polizei zusammen, berichtet er: Gegebenenfalls nehme der Zoo konfiszierte Tiere auf. So erzählt Niekisch von einem Wüstenfuchs (Fennecus zerda), den die Polizei aus einer völlig vermüllten Wohnung geholt habe – das Tier sei dort in einem Vogelkäfig gehalten worden.

Und einmal habe der Zoll am Flughafen einen Koffer mit rund tausend Vogelspinnen beschlagnahmt; besonders häufig würden dort aber Schildkröten aufgegriffen. In einzelnen Fällen behalte der Frankfurter Zoo die konfiszierten Tiere; die meisten würden jedoch von Niekisch und seinen Mitarbeitern an andere Zoos oder an zuverlässige, qualifizierte Privathalter vermittelt.

Beitrag zum Artenschutz

„Schließlich bemühen wir uns, bedrohte Tierarten zu züchten. Zunächst einmal mit dem Ziel, große und stabile Populationen im Zoo aufzubauen. In selteneren Fällen ist es sogar möglich, Tiere wieder auszuwildern“, sagt Niekisch.

So unterstützte der Zoo Frankfurt die Zucht von Bartgeiern (Gypaetus barbatus) und mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt deren Wiederansiedlung an verschiedenen Orten in den österreichischen, italienischen, französischen und schweizerischen Alpen. Und  in Frankfurt gezüchtete Goldgelbe Löwenäffchen (Leontopithecus rosalia) turnen jetzt durch den Urwald im Südosten Brasiliens.

„Diese beiden Erfolge haben uns sehr gefreut. Sie stellen nämlich einen besonders schönen Beitrag zum Artenschutz dar, auf den wir natürlich auch ein bisschen stolz sind“, sagt Niekisch.

„Aber für den Schutz der Biodiversität ist das gerade mal ein Tropfen auf den heißen Stein. Jedes Jahr verschwinden  tausende Tierarten, vor allem in den tropischen Wäldern. Dort ist nämlich zum einen der Artenreichtum am größten, zum anderen zerstört der Mensch mit dem Abholzen der Tropenwälder den Lebensraum der Tiere auf Dauer.“

Um so wichtiger ist für Niekisch der Kontakt zu den Studierenden, so etwa wenn er in Frankfurt Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten betreut: Vor allem solche zu tiergartenbiologischen Themen, wie etwa die zum Verhalten der Fingertiere im Frankfurter Zoo oder zur Fähigkeit von Seehunden, Mengen zu unterscheiden.

Aber auch solche über Tiere, die fern von Frankfurt und in freier Wildbahn leben, wie beispielsweise die Untersuchungen zur Systematik der Zwerggeckos (Tropiocolotes) aus dem Saharo-Arabischen Raum.

Allerdings kümmert er sich nicht ausschließlich an der Goethe-Universität um den akademischen Nachwuchs, sondern derzeit auch an der Universidad Internacional de Andalucía in Spanien; überdies wirkt er an Lehrveranstaltungen der Universitäten Gießen und Marburg mit.  „Mir kommt es dabei vor allem auf die persönliche Begegnung mit den Studierenden an“, sagt Niekisch.

„Unser Wissen weiterzugeben, ist gerade im Natur- und Artenschutz eine absolute Notwendigkeit, und es gibt viele Zusammenhänge, die man sich nicht so einfach aus Lehrbüchern anlesen kann. Andererseits sind wir auf den Nachwuchs in unserem Fach unbedingt angewiesen. Die Arbeit im Naturschutz muss ja weiterhin gemacht werden.“

[Autorin: Stefanie Hense]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.2013 des UniReport erschienen.