Manchmal kommt es auf sprachliche Feinheiten an. Wer sich etwa auf der Website der Goethe-Universität über Susanne Heeg informieren will, erfährt dort, dass sie am Institut für Humangeographie des Fachbereichs 11 das Fach „Geographische Stadtforschung“ vertritt – und sollte das nicht einfach damit gleichsetzen, dass Heeg Stadtgeographie erforscht. „In Deutschland wohnen inzwischen drei Viertel der Bevölkerung in Städten“, sagt sie, „und ich untersuche, was in Städten vor sich geht, was funktioniert und was nicht und welche Aktivitäten die Menschen entwickeln, die dort wohnen.“ Da sei es irreführend, von einer Stadt als einer Art Container zu sprechen, einer Anordnung von Gebäuden, im Zentrum dichter bevölkert und höher bebaut als zum Rand hin. „Stadt ergibt sich nicht einfach dadurch, dass sie da ist“, stellt Heeg klar, „sie muss in den alltäglichen Lebensvollzügen der Menschen hergestellt werden.“

Als Humangeographin richtet Heeg ihre Aufmerksamkeit vorwiegend auf sozioökonomische Aspekte des Stadtlebens, legt aber Wert auf die gute Beziehung zu den Kolleginnen und Kollegen aus der physischen Geographie: „Die modellieren beispielsweise Wasserkreisläufe. So etwas beruht auf anderen theoretischen Konzepten als unsere Forschung“, erläutert sie. „Ich selbst befasse mich mit der Finanzialisierung der gebauten Umwelt, also damit, dass immer mehr Hedgefonds und andere internationale Unternehmen Gebäude aufkaufen oder Wohnhäuser errichten. Eine Stadt gehört dann immer weniger den Menschen, die darin wohnen und arbeiten, dafür mehr und mehr den Investorinnen und Investoren, die aus städtischem Grund und Boden Kapital schlagen.“

Produktives Nebeneinander der Teildisziplinen

Heeg sieht das Nebeneinander von physischer und Humangeographie nicht als Konkurrenz: „Beiden geht es darum, den Raum zu erforschen. Dabei kümmern sich die einen um die naturwissenschaftlichen, die anderen um die sozialwissenschaftlichen Aspekte – sie teilen sich die Arbeit gewissermaßen auf“, sagt Heeg. Sie empfinde das Zusammenwirken und die Diskussionen, die dabei geführt würden, als ausgesprochen produktiv, betont sie. Streit oder Reibereien zwischen den beiden Teildisziplinen habe sie in den 15 Jahren noch nicht erlebt, seit sie ihre Professur an der Goethe-Universität angetreten habe.

Dass ihre akademischen Wurzeln vor allem in den Gesellschaftswissenschaften liegen, kann und will Heeg nicht verbergen: „Nach dem Abitur habe ich hier in Frankfurt begonnen, Soziologie, Politologie und Geographie zu studieren“, zählt sie auf, „mein Diplom habe ich dann in Stadt-Soziologie gemacht.“ Den ersten Sprung in ihrer wissenschaftlichen Karriere habe sie für die Promotion vollzogen: Ihre Doktorarbeit schrieb Heeg an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder, als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schwerpunkt „Wirtschafts- und Sozialgeographie“ der kulturwissenschaftlichen Fakultät. Nachdem sie dann „ weitergesprungen“ sei, um sich an der Universität Hamburg in Wirtschaftsgeographie zu habilitieren, sei sie schließlich zur Stadtgeographie zurückgekehrt.

„Mich fasziniert, Gesellschaftsforschung zu betreiben, für die ich mich mit Menschen und ihren Ordnungssystemen auseinandersetze“, erläutert Heeg. Anhand von qualitativen Interviews untersuche sie etwa, wie sich die steigenden Mieten in einem Stadtteil wie dem Frankfurter Gallusviertel auswirkten. Das habe lange Zeit keinen guten Ruf gehabt, sei aber seit einigen Jahren deutlich aufgewertet worden; außerdem sei unmittelbar daneben das Europaviertel, ein hochwertiges Neubauviertel, entstanden: „Wir beobachten, dass Menschen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und mit geringen Einkommen sich diesen Teil der Stadt nicht mehr leisten können“, sagt Heeg. Sie folgert: „Dann muss man sich nicht wundern, wenn viele, die pflegende und versorgende Tätigkeiten ausführen, sich Frankfurt nicht mehr leisten können.“

Studierende von Gentrifizierung betroffen

Von solchen Gentrifizierungs-Tendenzen ist auch eine Bevölkerungsgruppe betroffen, die der Hochschullehrerin Heeg regelmäßig begegnet: Studierende, die ihre Vorlesungen und Seminare besuchen oder deren Abschlussarbeiten sie betreut. „Dabei findet ein ganz wichtiger Austausch statt“, betont Heeg. Zum einen stelle sie fest, inwieweit die Studierenden ihre eigenen Konzepte nachvollziehen könnten. Das, was sie aus ihrer Perspektive zu Heegs Veranstaltungen beitrügen, eröffne ihr zum anderen immer wieder die Chance, ihre Kommunikation mit ihrer Umwelt zu verbessern. „Gelegentlich bin ich begeistert, was da an Ideen kommt. Bei so vielen produktiven jungen Kräften muss ich mir um die Zukunft der geographischen Forschung wirklich keine Gedanken machen.“

In ihrer eigenen Zukunft möchte Heeg die Kooperation mit der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) fortsetzen und intensivieren; seit einigen Jahren untersucht sie zusammen mit Forschenden der UNAM mexikanische Wohnungspolitik. „Wir haben zum Beispiel darüber publiziert, wie ein deregulierter Finanzmarkt und eine liberalisierte Planung dazu beigetragen haben, dass an den Rändern der großen Städte schlecht ausgestattete Wohngebiete mangelhafter Qualität entstanden sind“, sagt Heeg. Sie möchte Parallelen zwischen deutscher und mexikanischer Architektur herausarbeiten, und zwar für solche Gebäude, die das nicht unbedingt erwarten lassen: Sportstätten. „Wie kommt es, dass deren Architektur ähnliche Stile und Formen aufweist? Welche Netzwerke stehen dahinter?“ Forschungsfragen findet Heeg auf der ganzen Welt – im Frankfurter Gallusviertel genauso wie in Mexico City.

Stefanie Hense

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 3/2021 (PDF) des UniReport erschienen.