Die Britin Lizzie Richardson ist seit letztem Jahr Professorin für Digitale Geographie am Institut für Humangeographie.

Lizzie Richardson (Foto: privat)

2020 kam Lizzie Richardson an die Goethe-Universität, damit noch kurz vor dem Inkrafttreten des Brexit: Die Britin ist froh, dass ihr Wechsel daher noch ohne Beschränkungen vonstattengehen konnte. Denn sie befürchtet wie viele Wissenschaftler*innen, dass der Brexit der gegenseitigen Freizügigkeit von EU und Großbritannien in vielen Bereichen ein Ende gesetzt hat und die Mobilität von Studierenden wie auch Forschenden nicht mehr dieselbe ist. Sie fürchtet letztendlich Auswirkungen auf die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Richardson hat im eigenen Umfeld beobachtet, dass es viele Wissenschaftler*innen mittlerweile von der Insel nach Europa gezogen hat. Umgekehrt hält sie ihre Heimat nicht mehr für einen attraktiven Arbeitsort, wenn man aus der EU kommt. Sie sagt: „Man muss sehen, dass die Universitäten und Wissenschaftler*innen im Vereinigten Königreich im Moment einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt sind, wobei die Auswirkungen des Brexits nur ein Teil davon sind.“

Die Corona-Pandemie hat die Mobilität natürlich noch zusätzlich eingeschränkt. Und gleichzeitig gerade im städtischen Kontext Entwicklungen befördert, mit denen sich Lizzie Richardson als Humangeographin ohnehin schon länger beschäftigt. Dazu gehören Bringdienste wie Lieferando, die nun auch in Deutschland sehr stark genutzt werden. „Ich denke, es ist wichtig, dass wir über einige der Implikationen dieser Form der Essensversorgung nachdenken. Sie beruht auf einer bestimmten Strukturierung von Raum und Zeit, die bestimmten Menschen (,Kunden‘) einen sofortigen oder bedarfsgerechten Zugang zu einem Produkt ermöglicht, während andere (,Lieferarbeiter‘) ihren Raum und ihre Zeit von diesen Anforderungen diktiert bekommen“, sagt Richardson. Die zunehmende Lieferung von zubereiteten Lebensmitteln könnte sich, vermutet die Humangeographin, langfristig darauf auswirken, wie viele Menschen noch in Restaurants gehen, aber auch weitere Lebensmittel- Lieferkuriere hervorbringen, die die Straßen nutzen, sich vor Restaurants oder in speziellen Wartebereichen versammeln. „Und natürlich sind aus arbeitsrechtlicher Sicht in vielen Ländern diejenigen, die das Essen ausliefern, schlecht bezahlt, selbstständig und haben daher kaum eine Garantie für ein auskömmliches Einkommen.“

Richardsons Forschung konzentriert sich in erster Linie auf „Geographien der Arbeit“, mit einem besonderen Interesse an der Art und Weise, wie digitale Technologien die Räume und Orte der Arbeit verändern. Eine Schlüsselfrage betrifft dabei die sozialen und politischen Implikationen von Arbeitsplatzflexibilität, also flexiblen Arbeitsräumen und -zeiten, manchmal auch verbunden mit flexiblen Vertragsverhältnissen. „Zwei zentrale Beispiele, auf die ich mich konzentriert habe, sind die sich verändernden Geographien der Büroarbeit – mobiles Arbeiten und das Homeoffice – und eben die sogenannte ,Gig Economy‘-Arbeit der städtischen Lebensmittelkuriere durch digitale Plattformen.“ Aktuell arbeitet Lizzie Richardson an einem Buch über diese Geographien von Büros und „digitale Geographien“ von Arbeit im weiteren Sinne. Außerdem befindet sie sich gerade in der Anfangsphase eines neuen Projekts, das diese Fragen der Arbeitsplatzflexibilität noch erweitert. Von Frankfurt hat Richardson bislang noch nicht viel gesehen, was aber vor allem an den Coronabedingten Einschränkungen liegt. „Ich freue mich darauf, Frankfurt mehr zu erkunden, wenn es wieder möglich ist!“

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/2021 (PDF) des UniReport erschienen.