Marco Blasczyk (SSC, links) und Dr. Martin Lommel (LuQ) setzen sich damit auseinander, was die neuen Zugangsbedingungen für die Goethe-Universität bedeuten; Foto: Lecher

Marco Blasczyk (Studien-Service-Center, links) und Dr. Martin Lommel (Abteilung Lehre und Qualitätssicherung) setzen sich damit auseinander, was die neuen Zugangsbedingungen für die Goethe-Universität bedeuten. (Foto: Jürgen Lecher)

Welche Vorkenntnisse dürfen Hochschulen von Studienanfängern erwarten? Mit der Novelle des Hessischen Hochschulgesetzes stellt sich diese Frage in verschärfter Form auch an der Goethe-Universität. War es bisher nur Schulabsolventen mit Allgemeiner Hochschulreife möglich, sich an der Goethe- Universität zu bewerben, können sich ab dem kommenden Wintersemester auch Bewerber mit Fachhochschulreife für Bachelor-Studiengänge einschreiben.

Ein Modellversuch öffnet außerdem beruflich Qualifizierten die universitären Pforten: Wer die mittlere Reife geschafft und eine dreijährige anerkannte Berufsausbildung mit der Note 2,5 oder besser abgeschlossen hat, darf sich um einen Bachelor-Studienplatz bewerben. Damit kommt auf die Goethe-Universität möglicher Weise eine neue Herausforderung zu.

Die Studierendenschaft in Frankfurt ist bereits heute heterogen, und die Goethe-Universität ist auf Studienanfänger mit unterschiedlichem Background gut vorbereitet. In den sogenannten Online-Studienwahl-Assistenten können Studieninteressierte schon vorab erfahren, ob ihr Wunschfach tatsächlich zu ihnen passt. Einmal an der Universität angekommen, unterstützt unter anderem das Programm »Starker Start ins Studium« die Neuen dabei, sich Grundlagenwissen und wissenschaftliche Arbeitsmethoden anzueignen sowie fachliche Lücken zu schließen.

»Dieses Engagement muss dann allerdings jenseits des normalen Stundenplans erfolgen, was letztlich auch aufgrund der Lebensumstände der Frankfurter Studierenden, die oftmals noch neben dem Studium arbeiten müssen, nicht leicht ist«, sagt Dr. Martin Lommel, stellvertretender Leiter der Abteilung Lehre und Qualitätssicherung.

Es gibt erste Studien, die einen Hinweis darauf geben, dass gerade Studierende ohne klassisches Abitur seltener einen Studienabschluss an der Universität erreichen. Für die Hochschulen wird sich noch eine weitere Rahmenbedingung ändern: Die Landespolitik wird künftig für ihre Mittelzuteilung an die Hochschulen verstärkt berücksichtigen, wie viele Studierende die Hochschule erfolgreich zum Abschluss führt.

Wer kommt mit welchem Vorwissen?

»Als sich die gesetzlichen Änderungen abzeichneten, haben wir uns bei anderen hessischen Universitäten, die bisher schon Bewerbern ohne Allgemeine Hochschulreife den Zugang ermöglicht hatten, erkundigt, wie hoch der Anteil dieser ›neuen‹ Studierenden bei ihnen ausfällt«, erzählt Marco Blasczyk, der Leiter der Zentralen Studienberatung im Studien-Service-Center (SSC). Im Schnitt sind es 10 bis 20 Prozent. An der Uni Kassel beträgt der Anteil der Bewerber mit Fachabi sogar bis zu 40 Prozent.

»Aber das scheint etwas Kassel-Spezifisches zu sein, das mit der Historie als Reformhochschule und der geografischen Lage zu tun hat«, schränkt Blasczyk ein. In Hessen gibt es viele Wege, eine Fachhochschulreife zu erwerben. In aller Regel haben die Absolventen im Vergleich zu den Abiturienten jedoch deutlich weniger Stoff in den allgemeinbildenden Schulfächern behandelt, denn für den Erwerb der Fachhochschulreife spielen neben Schwerpunktausrichtungen insbesondere Praxisanteile und Praktika eine große Rolle.

In der Regel wird nur eine Fremdsprache erlernt. »Die Absolventen der Fachhochschulreife sind also in sich schon eine sehr heterogen vorgebildete Gruppe mit deutlich anderem Vorwissen als die Abiturienten«, fasst Blasczyk zusammen. Auch die neuen bildungspolitischen Rahmenbedingungen der regulären Abiturienten ändern sich: Hessen setzt inzwischen auf Kerncurricula und Bildungsstandards als Rahmenvorgaben für die Schulen.

Die konkreten Inhalte des Schulunterrichts müssen von den Schulen selbst in sogenannten Schulcurricula festgelegt werden. Die Schulen erhalten dadurch mehr Verantwortung und die Möglichkeit, ihr Profil selbstbestimmter zu entwickeln. Gleichzeitig werden damit auch die schulischen Vorkenntnisse an den Gymnasien diverser.

Eigene Abfrage gestartet

»Wir versuchen aktuell herauszufinden, von welchem inhaltlichen Vorwissen wir bei den Studienbewerbern mit Fachhochschulreife ausgehen können«, führt Blasczyk aus. »Das ist aber schwierig, weil es eben viele Wege gibt, diesen Abschluss zu erwerben.« Auch das Hessische Kultusministerium kann hierzu keine übersichtliche Zusammenfassung liefern. »Darum hat das Ministerium nun vorgeschlagen, dass wir stattdessen formulieren, welche Voraussetzungen die Goethe-Universität von den Schulabsolventen erwartet.«

Um die entsprechenden Daten zu gewinnen, haben SSC und die Abteilung Lehre und Qualitätssicherung eine Abfrage über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des »Starken Starts« durchgeführt, die sich als Experten für die Lehre in der Studieneingangsphase in den Fächern engagieren. So war es möglich, zumindest eine grobe Übersicht zu erarbeiten. Diese Ergebnisse wurden am 10. Juni 2016 beim »Forum Studienfachberatung« gemeinsam mit Vertretern des Kultusministeriums diskutiert. »Gemeinsam mit den Referenten aus dem Hessischen Kultusministerium, die dort für die Gymnasien, die beruflichen Vollzeitschulformen und die Entwicklung der Kerncurricula zuständig sind, soll so ein erster konstruktiver Austausch über sinnvolle, notwendige und zu erwartende Vorkenntnisse zwischen der Goethe- Universität und dem Kultusministerium initiiert werden«, so Blasczyk abschließend.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.16 des Mitarbeitermagazins GoetheSpektrum erschienen.