Im Anschluss an Christian Krachts Poetikvorlesung an der Goethe-Universität (2018) fand unter Beteiligung des Masterprogramms eine internationale Tagung zu seiner Ästhetik statt. (Foto: Lecher)

Ein Studium, das sich nur um das Gute, Schöne und Wahre dreht? Das gibt es nur in Frankfurt. Seit 2015 wird das Masterprogramm Ästhetik an der Goethe-Universität angeboten. Dabei taucht das Frankfurter Programm in mehrere Disziplinen ein – von der Kunst, über die Philosophie bis hin zur Literaturwissenschaft. Drei Fachbereiche und sieben Fächer sind beteiligt, zudem gibt es Kooperationen mit Kulturinstitutionen im Raum Frankfurt. Wie es ist, zwischen den Disziplinen zu balancieren und warum es nicht nur um die schönen Dinge des Lebens geht, davon erzählen Prof. Heinz Drügh, Leiter des Studiengangs, und drei Studierende.

Ästhetik – schlägt man den altgriechischen Ursprung des Begriffs nach, so erfährt man: Es handelt sich um „die Wissenschaft vom sinnlich Wahrnehmbaren“. Das klingt nach einem ziemlich großen und auf den ersten Blick vielleicht abstrakten Feld.  Doch das „sinnlich Wahrnehmbare“ lässt sich noch genauer eingrenzen: Es geht um Künste aller Art, sei es Film, Design oder Literatur – und um die historische und theoretische Auseinandersetzung damit. Das heißt auch, sie durch verschiedene methodische Brillen zu analysieren. Prof. Drügh hält die Goethe-Uni für einen besonders geeigneten Ort für diese Auseinandersetzung: „Die Ästhetik ist eine Frankfurter Marke. Adornos Ästhetische Theorie ist immer noch ein Basistext und auch heute gibt es hier vor Ort renommierte Philosophen und Philosophinnen.“ Besonders die Philosophen Christoph Menke, ebenfalls Professor an der Goethe-Uni, und Juliane Rebentisch, Professorin an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach, seien nicht nur im deutschsprachigen Raum führend auf diesem Gebiet.

Jedes Jahr bewerben sich rund 80 Bachelor-Absolventen, von denen knapp 20 den Einstieg schaffen. Drügh legt besonders viel Wert auf das Motivationsschreiben der Studieninteressenten: „Wir wollen sehen, inwiefern sie fachlich an die Ästhetik anknüpfen können und was sie während des Studiums vorhaben.“ Wegen der hohen Bewerberzahlen könne man die Besten an die Universität holen. Die Studierenden haben meist einen Abschluss in den Fächern Kunstgeschichte, Germanistik oder Philosophie. „Diese Zusammensetzung ist eine Chance, weil die Studis auch sehr viel voneinander lernen können“, findet Drügh.

Susann Wockenfuß hat ihren Bachelor der Germanistik und Philosophie in Trier gemacht und sagt: „Meine Kommilitonen lesen Fragen oft ganz anders als ich und finden deshalb auch andere Antworten. Dadurch wird die Relevanz eines Themas noch deutlicher.“ Trotz des interdisziplinären Ansatzes können die Studierenden im Verlauf des Studiums einen fachlichen Schwerpunkt wählen. Um eine gemeinsame Ausgangsbasis zu schaffen, findet im ersten Semester das Basisseminar statt, in dem die wichtigsten Grundlagen vermittelt werden. Frederik Kampe, der im letzten Jahr seinen Master abgeschlossen hat, erinnert sich gerne an seinen Studienstart: „Ich war begeistert, wie viel Raum wir zum Austausch bekommen haben. Manchmal sind wir danach noch etwas trinken gegangen und haben in der Kneipe weiter diskutiert. Alle hatten Lust auf das Thema, das war sehr motivierend.“ So sei schnell eine Community entstanden, die jahrgangsübergreifend war. Susann findet, dass die Studiengruppe eine besonders wichtige Anlaufstelle für alle sei und besonders den Erstis helfe sich gut einzuleben.

Kooperationen

Eine weitere Besonderheit des Programms sind die Kooperationen mit Kulturinstitutionen im Raum Frankfurt. An der HfG in Offenbach können die Studierenden auch Kurse belegen, auch das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik und die hessische Film- und Medienakademie sind im Boot. Es kam schon zu sehr unterschiedlichen Studienprojekten. „Im Rahmen des Praxismoduls habe ich mit Kommilitoninnen eine Ausstellung im ‚Projektraum fffriedrich‘ der Städelschule umgesetzt. Es ging um die Sedimentierung von Zeit und das Koloniale Bildarchiv an der UB Frankfurt“, erzählt beispielsweise Tarika Johar. Sie hat Kunstgeschichte und Philosophie in Bonn studiert, bevor sie für den Ästhetik-Master nach Frankfurt kam. In Kooperation mit dem Master Curatorial Studies konnte die Ausstellung unweit des Römers gezeigt werden. Die ästhetische Theorie soll mithilfe solcher Projekte direkt aus der Universität in die Stadtgesellschaft getragen werden. „Wir arbeiten zwar theoretisch, aber unsere Theorie ist immer an der Praxis orientiert – an dem was wirklich in der Welt passiert“, erklärt Frederik. Er selbst beschäftigte sich als Masterstudent mit dem Zusammenhang zwischen Ästhetik und Konsum. Wie beeinflusst Ästhetik unser Handeln? Welche Entscheidungen treffen wir im Supermarkt? Und wie prägt das unsere Identität? Auch in seiner Masterarbeit ging er diesen Fragen auf den Grund: „Die Projekte im Praxismodul sind wichtig, um wertvolle Praxiserfahrung zu sammeln. Viele von uns arbeiten nach dem Abschluss in Kulturinstitutionen und kümmern sich dort auch um Veranstaltungen oder Ausstellungen“, sagt Frederik. Drügh bestätigt, dass man viele seiner Absolventen und Absolventinnen nach dem Studium in Museen, Verlagen oder Medienagenturen antrifft. Einige entscheiden sich auch für die Promotion.

Aber welche Voraussetzungen braucht es, um das Ästhetikstudium aufzunehmen? Tarika findet den Master besonders geeignet für Menschen, die sich thematisch möglichst breit aufstellen wollen. Heinz Drügh sagt dazu: „Heutzutage sind manche Masterstudiengänge zum Teil sehr spezifisch. Davon bin ich kein allzu großer Fan.“ Um mit anderen Absolventen konkurrieren zu können, müssen Studierende fachlich versiert sein, aber auch aus verschiedenen Disziplinen schöpfen können. Für Frederik sind die fachlichen Freiheiten ein Vorteil: So könne man seinen eigenen Fragen und Interessen nachgehen. „Wenn es einem aber schwer fällt Eigeninitiative zu ergreifen, besteht die Gefahr, dass man untergeht bei uns.“ Die Fragen können und sollten sich auch an der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation orientieren. „Politische Phänomene, wie zum Beispiel die Wahl Donald Trumps, können auch aus ästhetischer Sicht analysiert werden. Das kann den Diskurs um wichtige Punkte bereichern“, sagt Susann.

International und interkulturell

Prof. Drügh denkt auch immer über die Weiterentwicklung des Studiengangs nach. Er will besonders die Internationalisierung vorantreiben. „Die ästhetische Theorie ist traditionell in Europa verwurzelt, aber wir wollen den interkulturellen Austausch stärken und den Master um außereuropäische Perspektiven bereichern.“ Zwar kommen schon heute Studierende aus Kolumbien, Südkorea oder dem Iran nach Frankfurt, um sich der ästhetischen Theorie zu widmen, doch künftig soll es noch mehr Studierende aus anderen Ländern geben. Und auch internationale Kooperationen sollen ausgebaut werden. So gibt es Gespräche mit der US-amerikanischen Eliteuniversität Princeton und mit diversen Goethe-Instituten im Ausland. Um diese Projekte verwirklichen zu können, bedarf es der Unterstützung von Seiten der Universitätsleitung, nicht zuletzt finanzielle. Aktuell gibt es kein eigenes Budget für den Master, sodass sämtliche Projekte und Veranstaltungen durch Fördergelder finanziert werden. Susann, Tarika und Frederik, die sehr von ihrem Studiengang überzeugt sind, haben auch einen Wunsch: Es müsste mehr Veranstaltungen geben, die sie sich nicht mit anderen Masterstudiengängen teilen müssten.

Natalia Zajić

Mehr zum Masterstudiengang Ästhetik: https://masteraesthetik.de/   

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 2/2021 (PDF) des UniReport erschienen.