Neuer Blick auf die Black-Power-Bewegung

Die von dem Amerikanisten Simon Wendt organisierte Fachtagung »New Directions in the History of Black Power Movement« steht allen Interessierten offen.

Die schwarzen Fäuste, die zwei afroamerikanische Sportler bei einer Siegerehrung auf den Olympischen Spielen 1968 gen Himmel recken, dürften sich tief in die kollektive Erinnerung eingeschrieben haben. Doch der Black-Power-Bewegung hat diese symbolische Geste vielleicht mehr geschadet als genützt, vermutet Prof. Simon Wendt, Amerikanist an der Goethe-Universität und Organisator der Tagung. Denn während die Bürgerrechtsbewegung vor dem Tod Martin Luther Kings im Jahr 1968 als friedlich und konstruktiv gesehen wurde, verband ein Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit mit Black Power einen gewalttätigen Protest, der mit großen Gesten aufwartet.

„Oft wurde die Bewegung als der ‚böse Zwilling der Bürgerrechtsbewegung‘ gesehen, der quasi das Erbe Martin Luther Kings zerstört habe“, sagt Simon Wendt. Die Tagung „New Directions in the History of Black Power Movement“ möchte diesem Zerrbild, das auch in Europa lange Zeit verbreitet war und auch noch ist, etwas entgegensetzen. In den letzten 20 Jahren sind zahlreiche Beiträge von Historiker*innen und Kulturwissenschaftler*innen zum Thema erschienen. An der Goethe-Universität treffen sich nun Vertreter*innen dieses Forschungszweiges, um neue Erkenntnisse und Einschätzungen zu diskutieren. „Ich freue mich, dass wir zum einen viele interessante Early Career Researchers mit wirklichen Cutting-edge-Themen dabei haben, zum anderen auch renommierte Forscher*innen, einige davon aus den USA.“

Seit einigen Jahren spielen in den USA Themen wie rassistische Polizeigewalt gegen Afroamerikaner wieder eine große Rolle. Neue Bewegungen wie Black Lives Matter haben ins öffentliche Bewusstsein gerückt, dass in der amerikanischen Gesellschaft weiterhin vieles im Argen liegt. „I can’t breathe“ ist zum verzweifelten Slogan derjenigen geworden, die der Polizeigewalt im Alltag teilweise schutzlos ausgesetzt sind. Simon Wendt betont: „Erstaunlich ist aber, dass diese neuen anti-rassistischen Bewegungen kaum Bezug nehmen auf die Black-Power-Bewegung. Möglicherweise fürchtet man das doch immer noch negative Image der Aktivisten. Aber das von der Forschung erarbeitete, nuanciertere Bild des Black Power Movement zeigt gerade, dass die Aktivisten damals einiges haben bewegen können: Es wurden beispielsweise in vielen Städte schwarze Bürgermeister gewählt, Kulturzentren gegründet, arme Familien mit Essen und Kleidern versorgt. Es wurde vor allem darüber diskutiert, was getan werden muss, damit es schwarzen Menschen in einem immer noch rassistischen System besser geht, sie sich besser positionieren können. Das sind Fragen, die von Kings Bürgerrechtsbewegung teilweise unbeantwortet geblieben sind.“ Auch wenn die Black-Power-Bewegung seit dem Ende der 70er-Jahre nicht mehr im Rampenlicht steht, geht man in der Forschung mittlerweile von einem „long movement“ aus: „Diese Bewegung hatte zum einen eine Vorgeschichte, und zum anderen lassen sich bestimmte Linien bis in die Gegenwart verfolgen“, betont Wendt.

Angela Davis kehrte 2013 für einige Tage an die Goethe-Universität zurück, wo sie die nach ihr benannte Gastprofessur für internationale Gender und Diversity Studies eröffnete.

Insgesamt, so Wendt, sehe die Forschung die Black Power Movement heute viel positiver. Auf der Tagung soll es auch um Aspekte gehen, die bislang eher selten im Fokus standen: Zum einen soll es um die globale Bedeutung des anti-rassistischen Aktivismus gehen. „Angela Davis war damals in West- wie auch in Ostdeutschland eine Ikone des Protests. An der Goethe-Universität hat sie studiert, für sie wurde hier auf die Straße gegangen, um sich mit der Black-Panther-Bewegung zu solidarisieren.“ Ein weiteres Forschungsfeld ist den Frauen in der Black-Power-Bewegung gewidmet: Lange Zeit wurden vor allem die Versuche von Aktivisten beleuchtet, schwarze Männlichkeit zu betonen und zu stärken. „Den politischen und kulturellen Beitrag von Frauen in der Bewegung herauszuarbeiten, ist ein wichtiges Anliegen“, so Wendt. Ein dritter, bislang selten beleuchteter Aspekt ist die Rolle der Religion: „Man hat lange Zeit die Religiosität in der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King verankert, die Black Power Movement wurde hingegen eher als nicht-religiös gesehen. Dieses Bild ist aber erheblich zu einseitig.“

Die Keynote wird am ersten Tag der Tagung die renommierte Historikerin Ashley Farmer von der University of Texas-Austin halten. Farmers Vortrag über Queen Mother Audley Moore beleuchtet das Leben einer afroamerikanischen Aktivistin, die neben Malcom X enormen Einfluss auf die Black-Power-Bewegung hat, seitdem aber in Vergessenheit geraten ist.

Für die Teilnahme an der Tagung ist keine Anmeldung notwendig. „Uns war es wichtig, dass auch unsere Studierenden und Interessierte der Stadtgesellschaft niedrigschwellig die Vorträge und Diskussion besuchen können. Wir freuen uns über eine rege Teilnahme.“

Tagung
New Directions in the History of Black Power Movement
23. bis 25. Juni 2023
Hörsaalzentrum, HZ 14
Campus Westend
https://black-power-conference.de

Die Tagung wird von der Gerda Henkel Stiftung unterstützt.

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