Uni-Sammlungen global denken

Die Sammlungen der Goethe-Universität erproben Wege, Sammlungsgut aus Afrika global zugänglicher zu machen.

Die Diskussion um den Umgang mit wissenschaftlichen Sammlungen aus kolonialen Kontexten ist spätestens mit der Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin auch in Deutschland angekommen. Der starke Fokus auf die Museen lässt vergessen, dass auch universitäre Sammlungen Objekte aus aller Welt beherbergen. In der von Bund und Ländern beschlossenen Drei-Wege-Strategie zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten stehen Transparenz und ein gleichberechtigter Dialog an erster Stelle. An der Goethe-Universität versuchen mehrere Projekte, dieser Verantwortung mit unterschiedlicher Akzentsetzung gerecht zu werden. Am 27. April 2023 wurde eines davon im Schopenhauer-Studio in Form einer Ausstellung und eines Vortrages vorgestellt: „We are happy to see these things“ – Kollaborationen des Oswin-Köhler-Archivs mit Khwe aus Namibia.

Das Oswin-Köhler-Archiv am Institut für Afrikanistik der Goethe-Universität bewahrt und erschließt wissenschaftliche Nachlässe auf dem Gebiet der Afrikanistik. Einen großen Teil des Bestandes machen die Forschungsmaterialien des Afrikanisten Oswin Köhler zu den Khwe aus, die dieser zwischen 1959 und 1992 im heutigen Namibia zusammengetragen hat. Köhlers Ziel war eine möglichst allumfassende Dokumentation der Khwe-Kultur, die er vom Aussterben bedroht sah. Er nahm Tausende Texte für eine originalsprachliche Enzyklopädie in Buchform auf ebenso wie Filme, Fotos und Audiodateien. Außerdem sammelte er ethnographische Objekte, Pflanzenpräparate und Zeichnungen. Mehrfach reiste die Anthropologin Gertrud Boden seit 2015 nach Namibia, um Köhlers Materialen mit Angehörigen der Herkunftsgemeinschaft zu bearbeiten und zu reflektieren.

Dank der Förderung durch das Zentrum für interdisziplinäre Afrikaforschung (ZIAF) und die UBUNTU Stiftung war es möglich, im Herbst 2019 Thaddeus Chedau und Sonner Geria, zwei Vertreter der Khwe, für drei Wochen nach Frankfurt einzuladen und gemeinsam mit ihnen den historischen Objektbestand des Archivs zu bearbeiten. Ein Ergebnis dieses Besuchs war eine in Kooperation mit der Sammlungskoordinatorin Judith Blume erarbeitete Ausstellung auf den Gängen des Instituts für Afrikanistik. Die kommentierten Objektarrangements verwandelte Gertrud Boden in eine Wanderausstellung, die Ende 2022 in unterschiedlichen Dörfern der Khwe präsentiert und diskutiert wurde: Welche Objekte repräsentieren die „wahre“ Khwe-Kultur? Wie soll mit Objekten umgegangen werden, die erst in jüngerer Vergangenheit verbreitet waren? Und wieso fehlen einige zentrale Objekte in Köhlers Sammlung? „Das Interesse von jungen und älteren Khwe an der Ausstellung und die Diskussionen haben mir noch einmal deutlich gemacht, welchen Stellenwert Köhlers Dokumentation für das kulturelle Selbstverständnis der Khwe hat“, sagt Gertrud Boden.

Die Zusammenarbeit wird fortgeführt: Ein DFG-gefördertes Projekt mit dem Titel „Potenziale einer Sammlung. Spuren lesen, Beziehungen wahrnehmen und Miteinander teilen“ läuft noch bis nächstes Jahr. Schon im August 2023 ist ein weiterer Besuch von Khwe in Frankfurt geplant.

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