
„Die strategisch-militärische Seite der aktuellen Debatte ist nur im Zusammenspiel mit der Geschichte der Kolonisierung und Dekolonisierung Grönlands zu verstehen“, sagt der Referent zu Beginn seines Vortrages, den er am Dienstagabend im gut gefüllten Eisenhower-Saal im IG-Farbenhaus hält. Das Thema Grönland beschäftigt die Menschen momentan sehr stark. Ebbe Volquardsen hat selber zehn Jahre an der Grönländischen Universität in der Inselhauptstadt Nuuk gelehrt und geforscht. Der Skandinavist und Kulturgeschichtler hat sich mit der Bevölkerung des schwach besiedelten Archipels, die zu 90 Prozent von der indigenen Gruppe der Inuit gebildet wird, sehr intensiv beschäftigt. In seinem historischen Abriss der Geschichte Grönlands spricht er über die verschiedenen Phasen der Besiedlung, aber auch die der Kolonisierung und der allmählichen Loslösung von der Kolonialmacht Dänemark bis heute. Seit 3.000 Jahren besiedelt, kommen im 9. Jahrhundert nach Christus die ersten skandinavischen Einwanderer ins Land. Die eigentliche Kolonisierung setzt dann aber erst im 18. Jahrhundert ein: Grönland wird für die Dänen ein wichtiger Lieferant des Rohstoffs Tran. In der Folge wird Grönland zur offiziellen dänischen Kolonie erklärt. „Die Dänen nutzen dabei die Kulturtechniken der Inuit, beispielsweise beim Walfang. Die kulturellen Grundlagen des indigenen Volkes bleiben weitgehend unangetastet, im Unterschied zum Vorgehen anderer Kolonialmächte“, erläutert Volquardsen. Das allerdings fragwürdige Narrativ des „Beschützers“ Dänemark entsteht, das bis heute wirkmächtig bleibt.
Ein Sprung ins 20. Jahrhundert: Die Kolonialmacht Dänemark verliert beziehungsweise verkauft ihre letzten Kolonien, mit Ausnahme Grönlands. 1933 wird Dänemarks Anspruch auf Grönland vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag sogar bestätigt. Im Zweiten Weltkrieg wird Grönland von den USA besetzt. Weil die Vereinten Nationen nach dem Krieg den alten Kolonialmächten gegenüber sehr kritisch eingestellt ist, reift in Dänemark die Idee, Grönland in die dänische Nation zu integrieren, Lebensstile sollen angeglichen werden. „Es kommt zu einer staatlichen Übergriffigkeit und Bevormundung“, fasst Volquardsen diese Phase zusammen. Grönländische Kinder werden nach Dänemark gebracht, wachsen dort auf und verlieren den Bezug zu ihrer Sprache und Kultur. Im Rahmen einer höchst fragwürdigen Biopolitik kommt sogar eine Form der Zwangsverhütung zum Einsatz. In den folgenden Jahrzehnten schauen die Bewohner Grönlands zunehmend kritisch auf die Geschichte, die Vorstellung eines altruistischen Kolonialismus seitens Dänemarks wird massiv in Frage gestellt. 2019 formuliert der amerikanische Präsident Trump den Wunsch, den Anschluss Grönlands an die USA anzustreben. „Auch wenn das komisch klingen mag: Er hat damit Grönland gewissermaßen den Gefallen getan, den geopolitischen Wert des Landes ins allgemeine Bewusstsein zu heben“, so Volquardsen. Der jährliche Betrag, den Dänemark an Grönland zahlt, erzeuge bei der Bevölkerung eine Art von „Dankbarkeitsschuld“; eine Kritik am Abhängigkeitsverhältnis werde dadurch erschwert. Darüber hinaus haben weltweite Forderungen nach Dekolonisierung auch in Grönland große Resonanz gefunden. Der wenn auch etwas verspätete Anschluss an das World Wide Web hat eine Vernetzung mit den indigenen Völkern Nordamerikas und Australiens ermöglicht. „Gerade die jüngeren Grönländer kritisieren, dass ihren Vorfahren jahrhundertelang die Minderwertigkeit der eigenen Kultur eingeredet wurde und sie sich daran gewöhnt hatten, ihre Wurzeln zu verleugnen.“ Ein größeres Selbstbewusstsein Grönlands gegenüber Dänemark ist die Folge. Die einstige Kolonialmacht hat sich auf vielen Feldern bereits entschuldigt, aber die Idee einer gleichberechtigten Partnerschaft, mit einem unabhängigen Grönland, hat sich bis heute nicht in Dänemark durchsetzen können.
„Trump fährt eine Politik der Unsicherheit: So reichen seine Ankündigungen von der Drohung militärischer Angriffe bis hin zur Ankündigung, Grönland auf dem Weg der Freiheit zu helfen. Die Frage in diesem Machtspiel lautet: Was bietet Dänemark an? Oder wäre eine Unabhängigkeit Grönlands auch denkbar mit einer Partnerschaft mit den USA? Wie hoch kann Grönland pokern auf dem Weg hin zur Unabhängigkeit?“, stellt der Referent in den Raum. Die Unabhängigkeit Grönlands war lange Zeit sicherlich ein eher randständiges Thema auf der weltpolitischen Agenda. Nun aber könnte der Archipel zum Ort werden, betont Volquardsen, an dem sich entscheiden könnte, was aus der internationalen Rechtsordnung werden könnte. Am Ende seines Vortrages möchte er keine Prognose abgeben, in welche Richtung sich der Konflikt entwickeln könnte, gibt aber zu bedenken, dass die Europäer aufpassen sollten, nicht allein auf der Grundlage der dänischen Territorialforderungen zu argumentieren. Dies würde auch in Grönland für eine tiefe Verstimmung sorgen. „In Grönland hält man das aus unserer Sicht vielleicht friedliche Europa der Gegenwart für eine Gruppe von früheren Kolonialmächten“, führt der Skandinavist aus.
Der Gastvortrag von Ebbe Volquardsen fand statt im Rahmen eines Tandemprojektes: Dänische Germanistik-Studierende besuchen in dieser Woche deutsche Dänisch-Studierende an der Goethe-Universität. Darüber hinaus stehen der interkulturelle Austausch und das Übersetzen von Literatur auf dem Programm. Organisiert wird das Programm von der Dänisch-Lektorin Marlene Hastenplug.
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