Prof. Dr. Oswin Köhler an seinem Schreibtisch im Forschungslager. Dikundu, vermutlich 1971. Fotograf unbekannt. © Oswin-Köhler-Archiv.

Zahlreich sind die Sammlungen über außereuropäische Kulturen und Sprachen, die in europäischen Archiven und Museen lagern. In postkolonialen Zeiten ist die Wissenschaft aufgefordert, neue Formen der Bearbeitung und Erschließung zu finden – unter Einbeziehung der lokalen Expertinnen und Experten. Diesem Thema widmet sich vom heutigen Montag an eine Konferenz des Oswin-Köhler-Archivs am Institut für Afrikanistik der Goethe-Universität.

Nur noch etwa 10.000 Sprecherinnen und Sprecher gibt es, die das Khwe beherrschen, eine der Klicksprachen des südlichen Afrika. Die Sprache ist durchaus lebendig, Kinder lernen sie von ihren Eltern. Für die Zukunft gesichert ist das Idiom, das vor allem in einem 30 Kilometer schmalen Streifen im äußersten Nordosten von Namibia gesprochen wird, jedoch nicht, denn es gibt bisher keinen muttersprachlichen Unterricht an der Schule.

Mehr als 30 Jahre lang – von 1959 bis 1992 – hat der Kölner Afrikanist Prof. Dr. Oswin Köhler Material zu Sprache und Kultur der Khwe gesammelt, darunter originalsprachige Texte, Fotos, Filme, Audiodateien, Objekte, Zeichnungen und getrocknete Pflanzen. Bereits in diesem Zeitraum waren die Khwe von zahlreichen Änderungen betroffen, auch das wurde von Köhler dokumentiert. Aus der Textsammlung sollte eine zwölfteilige Enzyklopädie entstehen, deren erste vier Teile Köhler selbst bearbeitet hat. Nun haben die beiden Wissenschaftlerinnen Gertrud Boden und Anne-Maria Fehn sich mit dieser Aufgabe beschäftigt – mit veränderter Aufgabenstellung: „In deutscher Sprache können die Khwe selbst damit nichts anfangen. Damit auch sie davon profitieren, wollen wir auch gleich eine englische Übersetzung herausbringen“, sagt Gertrud Boden. Und auch die übrigen Materialien sollen so aufgearbeitet werden, dass die Khwe darauf zugreifen können.

Schon für ihre Dissertation hat sich Gertrud Boden mit der Kultur der Khwe befasst – und war vor Ort immer wieder mit der Frage konfrontiert: „Wie können wir Zugang zu den Dingen bekommen, die Oswin Köhler von unserer Sprache und Kultur dokumentiert hat?“ Dies hat durchaus auch einen politischen Hintergrund. Derzeit werden die Khwe in Namibia nicht als selbständige kulturelle Gemeinschaft anerkannt, was ihnen bestimmte Selbstbestimmungsrechte garantieren würde. „Dabei ist es vollkommen klar, dass das Khwe eine eigene Sprache ist, verbunden mit einer eigenen Kultur“, sagt Gertrud Boden.

Indem die Khwe ihre eigene Perspektive in die Aufarbeitung der Sammlung einbringen, setzen sie sich nicht nur mit ihrer Kultur und Geschichte auseinander, sondern bringen auch die Forschung voran. Zwei Angehörige der Khwe sind eigens hierfür zu einem Workshop nach Frankfurt gekommen. Geplant ist u.a., eine kleine Sammlungspräsentation mit Objekten und Medien aus der Köhlerschen Sammlung zu konzipieren, die die Perspektive der beteiligten Khwe wiederspiegelt. Hierfür kooperiert Gertrud Boden mit Dr. Judith Blume, die seit 2018 als Sammlungskoordinatorin an der Goethe-Universität tätig ist und die den Workshop mitgestaltet.

Um die Herausforderungen und Chancen einer Zusammenarbeit mit Angehörigen der Herkunftskulturen geht es auch bei einer internationalen Konferenz, die vom 7. bis 9. Oktober an der Goethe-Universität stattfindet. Wissenschaftler aus der ganzen Welt kommen hier zusammen, um über ähnliche Projekte zu berichten, so dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen voneinander lernen können.

Gäste sind willkommen, der Tagungsbeitrag liegt bei 25 Euro bzw. 15 Euro für Studierende.

Der dreiwöchige Workshop wird vom Zentrum für interdisziplinäre Afrikastudien der Goethe-Universität und der Schweizer Ubuntu Stiftung finanziert, die Konferenz von der Thyssen Stiftung.

Tagungsprogramm und Abstracts der Vorträge hier.