Trevor Paglen, „National Security Agency, Ft. Meade, Maryland“, 2014, © the artist

Trevor Paglen, „National Security Agency, Ft. Meade, Maryland“, 2014, © the artist

Der Frankfurter Kunstverein hat mit dem US-amerikanischen Künstler Trevor Paglen eine umfassende Werkschau entwickelt. Sie beschäftigt sich unter dem Titel „The Octopus“ mit Themen wie Überwachung und politische Einflussnahme. Kooperationspartner ist der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität, der auch für eine Podiumsdiskussion und einen Vortrag im Rahmenprogramm verantwortlich zeichnet.

Vom 20. Juni bis zum 30. August sind im Frankfurter Kunstverein Arbeiten aus unterschiedlichen fotografischen Werkgruppen des Künstlers zu sehen. Zu den weiteren Exponaten gehören Videoarbeiten und Rechercheunterlagen. Trevor Paglen (geboren 1974 in Maryland, USA) fotografiert geheime Standorte der NSA und CIA, verborgene Militärbasen und Transportwege zu Geheimgefängnissen oder versteckte Abhörstationen und Flugbahnen geheimer Überwachungssatelliten und Drohnen.

In seinen konzeptuell miteinander verbundenen Fotografien, Videos, Büchern und überwachungskritischen Aktionen lässt Paglen Techniken und Strukturen von Politik und Macht sichtbar werden. Der promovierte Geograf arbeitet dabei wie ein investigativer Journalist: Durch langwierige Recherchen, in Zusammenarbeit mit Aktivisten, Wissenschaftlern, Programmierern, Amateurastronomen und Technikern gelingt es ihm, staatlich angeordnete und demokratisch nicht legitimierte Kontrolle und Überwachung aufzuspüren und sichtbar zu machen.

Am aktuellen Dokumentarfilm „Citizenfour“ der Regisseurin Laura Poitras über die Snowden-Affäre, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, war Paglen als Rechercheur und Kameramann beteiligt. Als Künstler und Fotograf gilt er als einer der wichtigsten Vertreter des Landschaftsbildes im Zeitalter von Big Data. Seine farbgewaltigen, oft unscharfen Fotos erinnern an die dramatischen Naturszenen der abstrakt anmutenden Gemälde des britischen Malers und Romantikers William Turner oder auch an die Farbfeldmalerei des US-amerikanischen Künstlers Mark Rothko.

Zu der Ausstellung im Kunstverein gehören beispielsweise die eindringlichen und ästhetisierten Aufnahmen aus der mehrteiligen Bildserie „The Other Night Sky“ (seit 2007). Auch hier verbindet Paglen einen dokumentarischen Ansatz mit medien- und fototheoretischen Diskursen. Fotografische Stilmittel wie Unschärfe, Belichtungszeit und Zoom setzt er mit einem inhaltlichen Bezug auf seine Motive ein und reflektiert über das Sehen und neue optische Apparate der Überwachung.

Die Bilder der Serie wecken zunächst harmlose Assoziationen und lassen an Naturschauspiele am Nachthimmel denken. Tatsächlich zeigen sie amerikanische Raumflugkörper, so auch den Satelliten KEYHOLE 12-3/IMPROVED CRYSTAL der mit einer Gesichtserkennung ausgestattet ist. An der Grenze zur Abstraktion verweisen Paglens Bilder auf die wechselseitige Beziehung zwischen Sehen und Gesehen werden.

Fotowettbewerb zu »Landschaften der Überwachung«

Im Vorfeld der Ausstellung fand der gemeinsam mit dem Künstler ins Leben gerufene Fotowettbewerb „Eagle-Eye Photo Contest: Landschaften der Überwachung“ statt, der die breite Öffentlichkeit zur aktiven Teilnahme an einer Fotodokumentation von Landschaften der Überwachung in Deutschland aufforderte. Die prämierten Fotografien sind in der Ausstellung zu sehen.

Ebenfalls zu sehen und auch zu benutzen ist der „Autonomy Cube“ (2014), entstanden in enger Zusammenarbeit mit Jacob Appelbaum, Internetaktivist und Spezialist für Computersicherheit. Hierbei handelt es sich um eine Skulptur, die auch ein offener WiFi Hot Spot ist. Das Objekt ermöglicht den Zugang zum Internet über das sogenannte Tor-Netzwerk, ein von Nutzern betriebenes Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten.

Die Ausstellung findet im Rahmen der „RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt Rhein/Main“ statt. Trevor Paglen wird am 21. Juni im Frankfurter Kunstverein mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ausgezeichnet. Die erste vom Exzellenzcluster für das Rahmenprogramm konzipierte Veranstaltung widmet sich am 20. Juni im Frankfurter Kunstverein dem Thema „The Art of Surveillance“ („Die Kunst der Überwachung“).

Bei einer Podiumsdiskussion wird dabei der Frage nachgegangen, warum die schon heute schier grenzenlose Überwachung das Potenzial hat, den Rechtsstaat abzuschaffen, obwohl sie ihn doch schützen soll. Die „Notwendigkeit“ moderner Überwachungssysteme, wie sie Trevor Paglen in seinen Fotografien zeigt, wird mit der Verteidigung westlicher Werte begründet. Ein Grundpfeiler der Demokratie ist jedoch die Privatsphäre.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion sind Trevor Paglen und die Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, Franziska Nori. Vom Exzellenzcluster kommen Klaus Günther, dessen Co-Sprecher und Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht, sowie der Soziologe und Postdoktorand des Exzellenzclusters Valentin Rauer, der zum Zusammenhang von Sicherheitskultur und Entwicklung ziviler Überwachungsdrohnen forscht.

Die Moderation hat Rebecca Caroline Schmidt, Geschäftsführerin des Exzellenzclusters. Am 22. Juli gibt es, ebenfalls in Kooperation mit dem Frankfurter Kunstverein und am gleichen Ort, einen Vortrag von Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters und Professor für Politische Theorie und Philosophie. Der Titel lautet: „Die (Un)Sichtbarkeit der Macht“. Trevor Paglens Bilder machen geheime Orte der Macht sichtbar. Doch entgegen der Auffassung, dass damit auch die Ausübung von Macht sichtbar würde, müssen wir, so Forst, nach deren verborgener Wirkungsweise fragen. [Autoren: Bernd Frye und Julia Wittwer]

„Trevor Paglen: The Octopus“
Frankfurter Kunstverein
Steinernes Haus am Römerberg,
Markt 44, 60311 Frankfurt am Main 
www.normativeorders.net
www.fkv.de