»Queer im Islam«: Tagung zu Homosexualität und Transgender

„Schwule Muslime, ist das ok?“ Als der pubertierende Jakub diese Worte auf der Gutefrage-Plattform eingibt, bleibt ihm das Netz die Antwort schuldig. Außer Kommentaren von Hasspredigern, die ihn vom Schwulsein „heilen“ wollen, findet er – nichts. Es sei deshalb eine „riesige Erfolgsgeschichte“, meint Seyran Ates, Anwältin, Feministin, Imamin der von ihr mitgegründeten liberalen Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin und eine der Referent*innen der kompetent besetzten Tagung, dass eine öffentliche Veranstaltung wie „Queer im Islam“ inzwischen überhaupt stattfinden könne. Initiiert wurde sie von Susanne Schröter, Professorin der Ethnologie an der Goethe-Universität und Mitglied der „Hessischen Integrationskonferenz“ sowie anderer islambezogener Initiativen. Ziel der Veranstaltung: das Thema in die universitäre Debatte hinein zu holen und aus religiöser, sozialer, historischer und rechtlicher Sicht zu beleuchten. Dass dies noch immer einem Tabubruch gleichkommt, zeigte das Polizeiaufgebot vor dem Veranstaltungsort und die Tatsache, dass einige der angereisten Referent*innen unter Polizeischutz stehen.

Regenbogenfahne am Gebäude „Normative Ordnungen“. Foto: Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI)

Schwule Muslime, ist das ok? Jakub, inzwischen als Dragqueen Kween Gipsy in den Sozialen Medien bekannt, sowie der muslimische schwule Aktivist Tugay Sarac, beide Referenten der Tagung, haben entschieden, dass Homosexualität und Islam zusammenpassen – ihre Lebensgeschichten berichten von Anfeindungen, die sie deshalb erfahren, von Verlusten etwa familiärer Kontakte, aber auch von Befreiung und Zuspruch.

In den meisten islamisch geprägten Ländern existieren Gesetze gegen Homosexualität, weil diese angeblich gegen die göttliche Ordnung verstößt. Rechtfertigen der Koran und die Sunna das religiöse Verbot, oder bieten sie Interpretationsmöglichkeiten für einen liberalen Islam? Mit diesen Fragen befassten sich Prof. Dr. Mouhanad Khorchide und Dr. Ali Ghandour, beide Islamwissenschaftler an der Universität Münster. Während der Religionspädagoge Khorchide für ein historisch-kritisches Textverständnis zugunsten eines liberalen Islam plädierte, sprach sich Ghandour gegen „Theologiefetischismus“ und Textzentrierung in der Debatte aus. „Den Streit mit Textstellen auszutragen, führt zu nichts.“ Überhaupt zeige ein Blick in die Geschichte, wie vielfältig der Islam und der islamische Glaube gelebt worden seien. Auch der Kulturvergleich der Ethnologin Schröter dokumentierte – widersprüchliche – Vielfalt: In Pakistan, Oman und Indonesien, schilderte sie, seien sogenannte „dritte Geschlechter“ offiziell anerkannt, und im Iran gelte Transgender nicht als schuldhaftes Vergehen. Wo aber im politischen Islam die Scharia streng befolgt wird, werden Homosexualität und Transsexualität strafrechtlich verfolgt und mitunter mit der Todesstrafe geahndet. An einem lässt Schröter aber keine Zweifel: Handlungsoptionen hatten, wenn überhaupt, nur Männer. Für Frauen war im Patriarchat des Islam die Rolle eindeutig festgelegt.

Einige Teilnehmer:innen der Konferenz, die am 7. Oktober 2022 an der Goethe-Universität stattgefunden hat: (v.l.) Seyran Ates, Kween Gipsy, Prof. Dr. Susanne Schröter, Ahmad Mansour sowie Tugay Saraç. Foto: Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI)

Im Patriarchat sieht der Diplom-Psychologe Ahmad Mansour denn auch die eigentliche Ursache für die Tabuisierung von sexueller Vielfalt, wie der Geschäftsführer der von ihm gegründeten Einrichtung MIND prevention für Demokratieförderung und Extremismusprävention in seinem Vortrag plausibel macht: Als letztes Glied in der hierarchischen Kette lerne das Kind dort vollkommene Unterordnung; das Sagen habe der Vater, Bruder oder Onkel, der jegliche Abweichung von der behaupteten Norm als persönlichen Angriff auffasse, als Risiko des Machtverlusts, als Verunsicherung in der kulturellen Identität. Studien belegten, wie die Unterdrückung von Selbstbestimmung zu Depressionen und zu meist quälenden Doppelleben führten. „Im Patriarchat herrscht Angst vor allem, was anders denkt, liebt und lebt“, brachte es Seyran Ates in der abschließenden Podiumsdiskussion auf den Punkt. Auch in der dritten Generation der muslimischen Zuwanderer, so Mansour in seinem Vortrag, müsse deshalb noch immer vehement für die Selbstbestimmung von Frauen und Männern gekämpft werden. Für die Überzeugung, dass Individualität keine Gefahr für den Islam sei, sondern nur eines: eine Bereicherung.

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