Vincent Wilke, Student der Musikwissenschaft, berichtet von seinem Stipendium für das MozartLabor in Würzburg.

Im Rahmen des Mozartfests fand in diesem Jahr zum siebten Mal auch das MozartLabor in Form eines Stipendienprogramms statt. Die Goethe-Universität Frankfurt hatte ihre Studierenden der Musikwissenschaft und verwandter Fächer dazu ermuntert, sich für ein solches Stipendium zu bewerben. Dadurch bekam ich die Möglichkeit, Teil des Mozartfestes zu werden. Ziel des Labors für Studierende ist der interdisziplinäre Austausch. Dabei werden Herausforderungen des Kulturlebens heute und morgen in Form von Workshops, Lectures und offenen Proben thematisiert.

2020 stand das Festival vor einer historischen Herausforderung. Aber es hat gut reagiert, sich angepasst und das Wichtigste: Es fand statt. Zwar nicht in seiner ursprünglich geplanten Form, aber mit einem angepassten Programm, Live-Übertragungen und unter strengen Auflagen. Auch während des MozartLabors galten strenge Hygieneregeln: Abstand halten, Mundschutz bis zum ausgewiesenen Sitzplatz tragen, Essen am Tisch und nicht als Buffet. Und trotzdem konnten die Projekte des Labors in verschiedenen Sektionen realisiert werden. Jeweils eine Abteilung war für Kammermusik, Kulturvermittlung, Musikwissenschaft und Musikjournalismus vorgesehen.

Ich selbst durfte in der Sektion Kulturvermittlung im Projekt „Social Impact durch Kunst und Kultur“ mitarbeiten. Unter der Leitung von Andreas Vierziger, einem Kulturberater mit langer Erfahrung als Agent namhafter Künstler*innen, habe ich zusammen mit fünf anderen Stipendiat*innen vier Tage lang ein Konzept entwickelt. Die Idee: wissenschaftlich belegbare Fakten, Zitate und historische Ereignisse werden in kurzen, neugierig machenden Posts formuliert und über soziale Medien geteilt. Eine Vernetzung soll entstehen, der Diskurs über die Relevanz von Kultur angestoßen werden. Dabei haben wir uns in unserer Projektgruppe über viele Begriffe ausgetauscht: transkultureller Austausch, Wertigkeit der Kultur, Systemrelevanz, Zugänglichkeit, lokales Geschehen. Immer wieder kehrten unsere Gespräche dabei zu unserer aktuellen Situation zurück. Denn in Zeiten von Corona ist das Thema Social Impact durch Kunst und Kultur eigentlich tragisch. Kultur, die so viel gibt, die einen humanitären Wert hat, die Millionen Menschen begeistert und inspiriert, benötigt selbst dringend Hilfe. Der Kulturbetrieb ist durch die CoronaPandemie in eine extreme Schieflage geraten, viele Existenzen stehen auf dem Spiel. Ein paar Zahlen: 1,3 Millionen Menschen gehen in Deutschland einem Beruf im Kulturbereich nach – davon etwa eine halbe Million Selbstständige. Das sind 3,1 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland. Die Angebote sind sehr gefragt, wenn man die Zahlen aus der vorvergangenen Spielzeit anschaut: 25872000 Theaterbesuche in Deutschland. Zum Vergleich: Spiele der Fußballbundesliga besuchten in der gleichen Saison 13426974 Menschen. Anders als der DFB hat die Kultur allerdings keine mächtige Lobby, die sich für ihre Interessen einsetzt und Hygienekonzepte durchboxt. Die Kultur wirkt in dieser Krise zurückhaltend, fast still. Und genau diese Stille ist für Kulturschaffende sehr gefährlich.

Zu Beginn der Corona-Pandemie dachte man als Kulturschaffender vielleicht, die erzwungene Pause als kreatives Luftholen nutzen zu können. Doch dann hielt die Pause an. Auch wenn nach dem ersten Schock des Shutdowns viele kreative Ideen im Kulturbereich online viral gegangen sind: Das Herzstück der Musik ist und bleibt das greifbare Erlebnis! Digitale Medien können dieses kaum ersetzen. Viele Künstler*innen haben darauf reagiert und verschiedene Initiativen im Internet gestartet. Aber: Erstens kann man sich auch eine hochqualitative Aufnahme anhören, auf den Livestream ist man dabei nicht angewiesen. Zweitens geht die direkte Wertschätzung, die Künstler*innen auf der Bühne brauchen, verloren. Sie brauchen die Aufmerksamkeit, der Applaus ist ihr Brot. Livemusik ist vergänglich, Musik ist jetzt. Eine geplatzte Saison lässt sich nicht mehr nachholen, verpufft einfach im klanglosen Raum. Wann endlich wieder in bekannter Form gemeinsam musiziert, geprobt, konzertiert wird, bleibt unklar. Ein während der intensiven Tage im MozartLabor 2020 gefallenes Hölderlin-Zitat gibt ein wenig Hoffnung: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4.20 des UniReport erschienen.