Interview / Auch in geistiger Nachbarschaft zum Goethe-Haus

Die Literaturwissenschaftlerin Anne Bohnenkamp-Renken über das neue Frankfurter Romantik-Museum

Prof. Anne Bohnenkamp-Renken
ist Direktorin des Freien Hochstifts/
Goethe-Museum und kooptierte
Professorin für Neuere deutsche
Literaturwissenschaft an der
Goethe-Universität. Sie leitet auch das neue Deutsche Romantik-Museum, das direkt neben dem Goethe-Haus am Großen Hirschgraben beheimatet ist.
Foto: Alexander Paul Englert

UniReport: Frau Professorin Bohnenkamp-Renken, das neue Romantik-Museum gilt als das erste seiner Art in Deutschland – eigentlich verwunderlich, oder ist die Romantik als Epoche so wenig greifbar, gerade aus deutscher Sicht?

Anne Bohnenkamp-Renken: Es ist sicherlich das einzige Museum seiner Art in Deutschland, und ich wüsste nicht, dass es weltweit etwas Vergleichbares gäbe. Es stellt wohl den ersten Versuch dar, die Romantik als Ganzes in einem Museum zu präsentieren. Das mag einerseits verwunderlich sein, denn es handelt sich um eine wichtige Epoche unserer Kultur- und Geistesgeschichte, die ein Museum erwarten lässt. Andererseits gibt es auch verschiedene Gründe dafür, warum es diesen Versuch bisher nicht gab. Die Romantik ist kaum auf einen Begriff zu bringen – und es war eine Epoche mit wechselnden Ausprägungen und Zentren; ihre Protagonistinnen und Protagonisten waren sehr mobil. Somit gibt es nicht den einen Ort; es gibt Heidelberg und Jena, Berlin, München, Dresden und weitere Städte, die zweitweise Zentren der Romantik waren. Daher haben wir heute eine Fülle an Gedenkstätten für romantische Künstler, Autoren und auch Gruppen, aber jeweils mit einer regionalen Ausrichtung. Wir haben aus Anlass der Eröffnung des Romantik-Museums eine eigene Publikation dazu erarbeitet, die einen Überblick bietet über die „Schatzhäuser der Romantik“, die im deutschsprachigen Raum verteilt sind. So lag es offenbar lange nicht nahe, die Romantik an einem Ort darzustellen; dass es dennoch dazu gekommen ist, hat entscheidend mit unserer Sammlung zu tun.

Verstehen Sie das Haus als ein dezidiert „deutsches“ Romantik-Museum?

Der Schwerpunkt unserer Sammlung liegt auf der deutschsprachigen Literatur der Romantik. Die romantischen Literaturen anderer Sprachen sind dort nicht vertreten. Unsere Sammlung ist dabei durchaus nicht auf Literatur begrenzt, sondern greift aus in die Bildende Kunst und bietet auch Schätze aus der Musik und der Alltagskultur. Gleichzeitig wollen wir aber mit dem Konzept des Museums die Romantik als eine europäische Epoche verstanden wissen. Dazu zählt, dass wir Goethe in enger Beziehung zur Romantik setzen. Damit haben wir schon so etwas wie eine europäische Perspektive auf die deutsche Romantik, die Goethe häufig als den wichtigsten deutschsprachigen Romantiker betrachtet. Darüber hinaus werden wir die europäische Romantik in Wechselausstellungen nach Frankfurt holen – zurzeit zeigen wir im neuen Grunelius-Saal im Untergeschoss des Museums eine Medien-Installation zu der virtuellen Ausstellung „Dreaming Romantic Europe“, die federführend von englischen Wissenschaftlerinnen unter Beteiligung von Expertinnen und Experten aus aus zahlreichen europäischen Ländern von dem Verbund ‚European Romanticisms in Association“ (https://www.euromanticism.org/project-reve) erarbeitet wurde.

In Deutschland neigt man ja in der Literaturgeschichte eher dazu, Goethe als Klassiker oder höchstens noch als Vertreter des Sturm und Drang zu sehen. Sein Verhältnis zur Romantik wird dann eher als spannungsreich gesehen.

Richtig. In der germanistischen Wahrnehmung wurde meistens der Gegensatz zu den Romantikern betont. Die Unterschiede sind besonders in der Nahsicht zu erkennen. Wenn man aber ein paar Schritte zurücktritt, sieht man wieder mehr die Gemeinsamkeiten zwischen Goethe und seinen Zeitgenossen. Unser Museumskonzept reagiert auf beide Sichtweisen. Ganz grundsätzlich neigen die Nationalliteraturen dazu, die Epoche der Romantik recht unterschiedlich einzuordnen, auch zeitlich. Es gibt aus europäischer Perspektive aber durchaus gute Gründe, die Romantik, englisch Romanticism, bereits etwas früher beginnen zu lassen. Damit wäre der Sturm und Drang nicht nur das Vorspiel, sondern schon ein Teil der Epoche.

Der Architekt Christoph Mäckler, der unter anderem für seine Hochhäuser bekannt ist, hat das dreiteilige Gebäude des Museums entworfen. Was gefällt Ihnen persönlich an dem Haus, wie versucht es der Komplexität des Gegenstandes gerecht zu werden?

Blick in den Großen Hirschgraben; Architektur: MÄCKLERARCHITEKTEN; © Freies Deutsches Hochstift. Foto: Alexander Paul Englert

Wenn ich Christoph Mäckler vor allem als Architekt von Hochhäusern gekannt hätte, dann wäre ich vermutlich nicht so zuversichtlich in diese Kooperation gegangen. Tatsächlich war er mir auch als Architekt des Portikus auf der Maininsel bekannt. Ein Gebäude, das mir sehr gut gefällt. Da konnte ich mir gleich gut vorstellen, dass Mäckler auch ein Museum für die Romantik bauen kann. Ich persönlich bin sehr glücklich mit dem neuen Haus, und das aus ganz verschiedenen Gründen: Da ist einmal die Aufmerksamkeit für Details; der Umgang mit Materialien; die historische Reflexion. Ich habe mir immer gewünscht, dass sich das Gebäude nicht neutral gegenüber unseren Inhalten verhält, sondern selbst Teil hat an unserem Thema.

Das Haus ist also selbst „romantisch“?

Ja, zumindest setzt es sich mit der Frage auseinander: Was ist überhaupt romantisch? Es versucht aber nicht, die Epoche architektonisch im Stil des Historismus wiederzubeleben, es nimmt stattdessen Rücksicht auf den historischen Ort, wo es steht – also auf die Nachbarschaft zum Goethe-Haus. Die Frage war für den Architekten sehr wichtig: Was ist neben dem Goethe-Haus ästhetisch möglich? Man kann dort natürlich nicht eine riesige Fassade hinstellen, die das Goethe-Haus überragt. Christoph Mäckler hat mit Blick auf die Geschichte des Großen Hirschgrabens eine gegliederte Fassade entwickelt, die gerade im ersten Teil niedriger ist als die Traufhöhe des Goethe-Hauses. Auch wurden die Materialien aufgenommen, die vom Goethe-Haus vorgegeben werden; sie werden aber neu zusammengesetzt, es geht nicht um den Versuch einer Imitation, sondern um Bezugnahme und Variation.

Das Haus verfügt über eine ganz besondere Treppe …

Himmelstreppe; Architektur: MÄCKLERARCHITEKTEN; © Freies Deutsches Hochstift. Foto: Alexander Paul Englert

Ja, die ich ganz besonders mag. Man hat, am Fuße der Treppe stehend, den Eindruck, diese wäre geradezu unendlich. Das wird erreicht durch eine optische Täuschung, also durch einen Trick, indem sich die Treppe nach oben verjüngt, das Treppenhaus wird schmaler und niedriger. Dadurch erscheint uns die Treppe viel länger als sie in Wirklichkeit ist. Diese Wahrnehmung wird allerdings immer dann gestört, wenn jemand oben auf der Treppe steht –, denn der Mensch müsste dann eigentlich viel kleiner erscheinen. Der Effekt ist eine Störung der Illusion, was sehr schön zu den ironischen Verfremdungsverfahren der Romantiker passt. Es gibt übrigens noch eine zweite besondere Treppe: eine Wendeltreppe, in der ein Wasserprisma hängt, das bei Sonnenlicht die Spektren Newtons und Goethes nebeneinander erzeugt.

Ist die Banalisierung der Romantik, zum Beispiel im heutigen Tourismus, eine Bürde für eine solche Dauerausstellung? Entstehen dadurch Erwartungen, die enttäuscht werden müssen?

Über dieses Thema haben wir im Vorfeld viel nachgedacht: Wie gehen wir damit um, dass zumindest ein Teil der Besucherinnen und Besucher sich unter Romantik etwas anderes vorstellt, als wir das als Literaturhistorikerinnen und -historiker tun? Das ist zum einen eine Schwierigkeit, aber auch eine Chance. Wir stellen mit unserer Ausstellung auch die Frage: Gibt es eigentlich Bezüge zwischen dem, was wir heute in der Alltagsprache als romantisch bezeichnen, und der romantischen Epoche? Wenn ja, welche? So eröffnen wir die Ausstellung mit einer Station, die fragt, was das Wort Romantik bedeutet, wo es herkommt, wie diese Epoche ihren Anfang nahm im 18. Jahrhundert, aber auch, wie sie sich verhält zu dem Assoziationsspektrum des Wortes ‚romantisch/Romantik‘ in der heutigen Zeit. Wir fordern den Besucher auf, sich auf die Suche nach den Zusammenhängen und den Unterschieden zu machen. Dass Erwartungen enttäuscht werden, ist da nicht ausgeschlossen.

Es gibt ja auch so etwas wie „produktive Enttäuschungen“. Frau Bohnenkamp-Renken, Sie sind auch kooptierte Professorin an der Goethe-Universität. Wird die Museumsarbeit auch in Ihre Lehre einfließen?

Ja, das wird sie. Meine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind neben Goethe vor allem Fragen der Medialität von Literatur. Ich habe mich schon als junge Wissenschaftlerin mit medialen Transformationsvorgängen von Literatur beschäftigt, auch viel mit Übersetzungen – ich habe viele Jahre Komparatistik an der LMU München gelehrt. Das Thema Ausstellung und Literatur kann mit Gewinn auch wissenschaftlich diskutiert werden. Vor Jahren haben wir im Goethe-Haus zusammen mit der Frankfurter Literaturreferentin Sonja Vandenrath eine Ausstellung über das Literaturausstellen gezeigt, es wurden verschiedentlich Lehrveranstaltungen zu diesem Thema vom Hochstift angeboten, von mir und auch von Kolleginnen und Kollegen. Im Rahmen von Kooperationsprojekten haben Studierende der Goethe-Universität selber Ausstellungen bei uns kuratiert, wie zum Beispiel „Unboxing Goethe“. In diesem Wintersemester gebe ich ein Seminar zu der Frage, wie wir eigentlich an Autorinnen und Autoren der Romantik erinnern; Anlass ist ein Doppelgeburtstag im nächsten Jahr, nämlich der 250. von Friedrich von Hardenberg/ Novalis‘ und Friedrich Schlegel. Dabei stehen nicht nur die beiden Autoren im Fokus, sondern auch die Frage, wie die Themen, mit denen sich die beiden beschäftigt haben, uns heute noch umtreiben. Der Austausch mit den Studierenden ist für unsere Arbeit häufig bereichernd und insgesamt wichtig.

Fragen: Dirk Frank

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6/2021 (PDF) des UniReport erschienen.

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