Weltoffenheit und Solidarität haben an der Goethe-Universität einen lange Tradition. So passt es bestens ins Bild, dass die Hochschule mit dem „Academic Welcome Program for highly qualified refugees“ (AWP) hochqualifizierten jungen Geflüchteten den Weg in ein Studium ebnet. Bei einer Feier erhielten die Absolventen des in der Regel eineinhalb Jahre dauernden Kurses kürzlich ihre Auszeichnung zum Bestehen und freuen sich nun auf ihren Neustart.

Stolz auf ihre Leistung: AWP-Teilnehmer haben es ins Studium geschafft

Es war tatsächlich ein Tag zum Feiern, denn was die neuen Erstsemester erreicht haben, ist nicht selbstverständlich. Über das AWP schafften sie den Zugang an eine Universität. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es doch seine Zeit dauert, ein akademisches Deutsch zu lernen, das einen befähigt, im Universitätsbetrieb problemlos mitzuhalten“, stellt Marius Jakl, Projektkoordinator am International Office, fest.

Er hat zusammen mit seinen Kolleginnen Maryam Sayegh-Hussein und Julia Jochim auch in diesem Jahr die motivierten jungen Leute betreut. Von 35 Absolventen haben 30 einen Studienplatz bekommen, etwa die Hälfte davon an der Goethe-Universität, die anderen an den Hochschulen in Gießen, Marburg, Darmstadt, Göttingen und Hamburg sowie der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Fünf durchlaufen gerade ein Studienkolleg in Frankfurt. Etwa 40 Prozent der Studierenden haben bereits in ihren Heimatländern ein Studium abgeschlossen, andere haben dort studiert oder Abitur gemacht. Dessen Anerkennung in Deutschland, die Abi-Note, Deutschkenntnisse und ein Eignungstest zur Studierfähigkeit gehören zu den Kriterien, nach denen die Teilnehmer ausgewählt werden. „Wir bekamen etwa 200 Bewerbungen, es gibt aber nur 50 Plätze“, erklärt Marius Jakl.

Mit starkem Willen und Leistungsbereitschaft die Chance genutzt

Die meisten Ausgezeichneten kommen aus Syrien, einige aus Afghanistan, Äthiopien, Pakistan und dem Iran. Sie haben ihren Studiengang aus einem breiten Spektrum ausgewählt, wie Wirtschaftswissenschaften, Informatik, Soziologie, Germanistik, Anglistik, Politikwissenschaften, Biologie, Biochemie, Molekulare Biotechnologie, Rechtswissenschaften und Physik. Drei bekamen sogar einen Platz für Medizin.

Sakineh kam 2015 aus Afghanistan nach Deutschland. Nach ihrer Ankunft wollte sie so schnell wie möglich Deutsch lernen und hat sich intensiv darum bemüht. Dann erfuhr sie vom AWP, bewarb sich und wurde aufgenommen. Im April 2016 konnte Sakineh starten. „Ich lernte in dem Programm aber nicht nur die Sprache, sondern auch viel über die Kultur“, erzählt sie.

In Deutsch erreichte sie schließlich das DSH-Niveau, also das der Deutschen Sprachprüfung für den Hochschulzugang. Mit dem AWP-Abschluss bewarb sie sich ganz regulär für einen Studienplatz für Biochemie und erhielt von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze die Zulassung. Das Programm, das vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützt wird, vermittelt Kenntnisse in einzelnen Wissensgebieten und Orientierung in der akademischen Lehr- und Lernkultur.

Die Teilnehmer können Vorlesungen besuchen und ihr Deutsch intensiv verbessern (Stufen B1–C1). Zudem stehen ihnen die Universitäts- Bibliothek und die Serviceleistungen des Hochschulrechenzentrums offen. Ein umfangreiches Begleitprogramm fördert die Integration, bietet aber ebenso Informationen und Beratung zu Studium und Berufsorientierung.

Bewerben können sich Asylsuchende, -bewerberInnen und -berechtigte mit einer in Deutschland anerkannten Hochschulzugangsberechtigung, aber auch diejenigen, die in ihrer Heimat bereits studiert haben und in Deutschland ihr Studium fortsetzen möchten. Ihre Hochschulzugangsberechtigung, also ob ihre internationalen Zeugnisse zum Studium in Deutschland berechtigen, können die Bewerber kostenlos im uni-assist-Verfahren der Universität online prüfen lassen.

Besonderes Bewusstsein für das Leid von Geflüchteten in Frankfurt

Auch Abdullah aus Syrien ist einer der Auserwählten, er spricht flüssig deutsch und freut sich sehr über den Studienplatz der Politikwissenschaften an der Goethe-Universität. Herzlich bedankt er sich beim Team und den Lehrkräften, aber auch bei den Sponsoren. „Die Menschen hier haben mir sehr geholfen“, freut er sich. Er hatte in seiner Heimat schon die Hoffnung verloren, sich weiterbilden zu können, obwohl er dort noch vor seiner Flucht ein Studium begonnen hatte.

Es war ein schwieriger Weg an die Universität, den viele nicht schafften, meint er. „Seid fleißig und nutzt die Chance“, gab er seinen Mitstreitern auf den Weg. Auch der Dank von seinem Landsmann Belal kommt von ganzem Herzen. Er war vor dem Programm in einer schwierigen Lage, doch mithilfe des Teams hat er eine zweite Heimat gefunden und kann nun in Frankfurt Informatik studieren, wie er sagt.

Die Goethe-Universität engagiert sich als Bürgeruniversität nicht nur für Bildung, sondern auch in der Diskussion gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Themen. So ist nicht nur Weltoffenheit ein starkes Motiv, sich für Geflüchtete zu engagieren. „1933 mussten viele Menschen Frankfurt und die Universität wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens verlassen“, betont Vizepräsidentin und AWP-Schirmherrin Tanja Brühl.

Das AWP startete im Wintersemester 2015/16 mit rund 30 Geflüchteten und wuchs mit seinem Angebot bis zum Wintersemester 2017/18 auf über 140 Geflüchtete an. Das Projekt läuft noch bis mindestens Ende 2019 und kann bis dahin noch vielen qualifizierten Flüchtlingen beste Chancen für eine akademische Ausbildung ermöglichen.

[Autorin: Andrea Gerber]

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.