Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte Dr. Anja Wolde und der Vizepräsident Prof. Rolf van Dick über die Kampagne »laut*stark sexualisierter Diskriminierung Rolf van Dick und Anja Wolde; Foto: Karina Kirsten

Seit Mitte November hängen auf den Campus Banner und Plakate, die mit klarer Botschaft auffordern, sexualisierter Diskriminierung und Gewalt entgegenzutreten: Sieh hin! Sag Nein! Speak Out! Mit der Kampagne »laut*stark« richtet die Goethe-Universität die Aufmerksamkeit auf das Thema der sexualisierten Diskriminierung und Gewalt, das im Rahmen der #MeToo-Debatte auch hier intensiv diskutiert wird. Vorfälle sexualisierter Diskriminierung sind seitdem sichtbarer geworden. Die zentrale Gleichstellungsbeauftragte Anja Wolde und Vizepräsident Rolf van Dick diskutieren Fragen zu besseren Beratungs- wie Interventionsmöglichkeiten und zur Sensibilisierung der Hochschulangehörigen. UniReport: Wer aktuell am Universitätsgelände vorbeikommt, kann das große Banner „laut*stark sexualisierter Diskriminierung und Gewalt entgegentreten“ nicht übersehen. Das weckt den Eindruck, dass der Campus nicht mehr sicher ist. Muss man sich nun fürchten? Prof. Rolf van Dick: Ich würde sagen, dass man sich auf dem Universitätsgelände überhaupt nicht fürchten muss. Die Universität ist ein relativ sicherer Platz und glücklicherweise sind Vorfälle von sexuellen Belästigungen und Übergriffe auch im universitären Kontext äußerst selten. Aber natürlich ist die Hochschule wie viele andere Orte in Frankfurt ein öffentlicher Raum. Wenn man nachts unterwegs ist, das bestätigt uns auch die Polizei, gilt für die Universität dasselbe wie für den angrenzenden Grüneburgpark, dass man durchaus achtsam sein muss. Dr. Anja Wolde: Dem kann ich mich nur anschließen. Ich glaube auch, dass die Hochschule genauso sicher oder unsicher ist wie der städtische Raum überhaupt. Die Universität ist ein Raum, in dem sich viele Menschen bewegen und bewegen können. Er ist allen zugänglich. Diese Zugänglichkeit ist uns wichtig. Aber es heißt natürlich auch, dass er leider nicht frei von sexualisierter Diskriminierung oder Übergriffen sein kann. Was wollen Sie mit der Kampagne bewirken? Warum brauchen wir diesen Vorstoß? Van Dick: Wir wollen die verschiedenen Personengruppen, die sich hier auf dem Campus aufhalten, sensibilisieren. Das sind zum einen die potenziell von Diskriminierung Betroffenen und zum anderen mögliche Zuschauer*innen. Wir wollen mit der Kampagne insbesondere dafür werben, dass diejenigen, die Vorfälle beobachten und als Helfer einschreiten können, sensibilisiert und ermutigt werden, sich einzumischen. Es ist ein gut beobachtetes Phänomen in der Sozialpsychologie, dass Zuschauer*innen viel zu häufig inaktiv bleiben, weil sie die Situation in den ersten Sekundenbruchteilen vielleicht gar nicht als besonders auffällig oder besorgniserregend oder gar als Notfallsituation interpretieren. Diese Interpretationshilfe wollen wir bieten und deutlich dazu aufrufen, dass, wenn Sie etwas beobachten, Sie bitte erst einmal annehmen, dass da etwas ist, um das man sich kümmern muss, und nicht wegsehen sollten. Zudem steht die Kampagne im Kontext von einigen Vorfällen, die hier in den letzten Jahren passiert sind. Leider sind uns als Hochschulleitung die damaligen Fälle zum Teil erst Tage oder Wochen später gemeldet worden. Teilweise verfügte die Polizei schon über Informationen, die wir noch gar nicht hatten. Wir möchten durch die Kampagne auch dazu ermutigen, Vorfälle auf dem Campus zu melden. Als Hochschulleitung können wir beispielweise sehen, wo es zu Häufungen kommt, um dann gemeinsam, unter anderem mit der Polizei, zu schauen, was wir tun können. Das können einzelne Beobachter*innen oder Betroffene nicht. Wolde: Ein weiterer Aspekt ist auch, dass wir die Transparenz und Zugänglichkeit der Beratungsstellen erhöhen wollen, die wir an der Universität für Betroffene und für Menschen haben, die in irgendeiner Weise Diskriminierung erfahren haben. In dem begleitenden Flyer zu der Kampagne finden sich die zentralen Beratungs- und Anlaufstellen, die mehr Öffentlichkeit bekommen sollen. An wen kann man sich wenden, wenn man sexuelle Übergriffe erfahren hat oder auch beobachtet hat? Wolde: Für die Gruppe der Studierenden gibt es die Antidiskriminierungsstelle, die im Gleichstellungsbüro angesiedelt ist und die genau für solche Fälle Beratung und Unterstützung anbietet. Aber auch die Gleichstellungsbeauftragten, ich als zentrale und Annemarie Eifler als stellvertretende, bieten Beratung für Beschäftigte und Studierende an. Es gibt auch noch weitere Beratungsstellen an der Goethe-Universität, an die man sich wenden kann. Zum Beispiel der Personalrat oder die psychologische Personalberatung für Beschäftigte oder die psychologische Beratungsstelle für Studierende, die je nach Anliegen und Vertrauensverhältnis aufgesucht werden können. Van Dick: Wir wollen mit dieser Kampagne insgesamt auf das Thema aufmerksam machen. Wir reden nicht nur von Fällen, die nachts in irgendwelchen dunklen Ecken passieren, sondern durchaus auch über die Fälle von sexualisierter Diskriminierung, die in Seminaren, in Bibliotheken und im Alltag auftreten können, auch wenn es sich „nur“ um blöde Bemerkungen von Kommiliton*innen gegenüber Kommiliton*innen handelt. Wir wollen ein Zeichen setzen, dass wir das nicht möchten und nicht tolerieren. Je mehr darüber gesprochen wird und je mehr uns davon gemeldet wird, umso mehr können wir etwas dagegen tun, beispielsweise auch in Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen. Mit der #MeToo-Debatte ist das Thema zu einer breiten gesellschaftlichen Diskussion geworden. Ist die Kampagne in diesem Kontext zu verstehen? Und was meinen Sie, warum besteht hier immer noch so viel Handlungsbedarf? Wolde: Auf jeden Fall. Die #MeToo-Kampagne und die anknüpfenden Diskussionen waren für alle noch einmal ein Moment, der hellhöriger werden ließ und der uns noch einmal hat genauer hinschauen lassen. Wir haben uns gefragt, wie wir unsere Maßnahmen gegen sexualisierte Diskriminierung und Gewalt verschärfen können. Wie können wir zu einer Verbesserung der Situation beitragen? Wenn wir uns mit Blick auf eine EU-Studie von 2012, die auch signifikante Daten aus Deutschland bereithält, den Handlungsbedarf im Bereich der Hochschule anschauen, dann können wir feststellen, dass 18 Prozent aller Studierenden berichten, dass sie im Verlauf ihres Studiums Formen sexualisierter Diskriminierung und Gewalt erfahren haben. In ca. 97 Prozent aller Fälle gehen die Diskriminierungen von Männern aus. 3,3 Prozent der Übergriffe werden als schwerwiegend eingestuft. Das ist keine kleine Zahl. Ein Bereich, den wir sehr genau ansehen müssen, sind Fälle von sexualisierter Diskriminierung in dem Machtverhältnis Dozierender zu Studierenden, was ein ganz besonders relevanter Bereich ist, weil hier bestehende Hierarchien und Machtverhältnisse ausgenutzt werden. Aber wichtig ist auch, dass 80 bis 90 Prozent der Diskriminierung und Gewaltformen von Kommiliton*innen oder von Personen außerhalb der Universität ausgeübt werden. Das ist ein Bereich, dem wir mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Was passiert in dieser Gruppe? Wir merken von den Meldungen, die durch die #MeToo-Debatte in den letzten zwei Jahren verstärkt bei uns ankommen, dass sich mehr Studierende an uns wenden. Diese Gruppe möchten wir mit der Kampagne besonders ansprechen. Auch weil die Studierenden eben nicht per Rundmail zu erreichen sind, wie die Gruppe der Beschäftigen. Wir müssen für das Thema der sexualisierten Diskriminierung und Gewalt anders aufmerksam machen, die Studierenden mit anderen Formen ansprechen und zum Nachdenken bringen. Was tun Sie abseits der Kampagne und Beratungsangebote, um präventiv Übergriffen und Diskriminierungen vorzubeugen? Wolde: Wir haben über die vergangenen Jahre relativ viele Maßnahmen umgesetzt. Da gibt es den Faltplan mit beleuchteten Wegen und Notfallnummern und die Notrufkarte „laut*stark“, die man im Pocketformat einstecken kann. Die Broschüre „Grenzen wahren“, die wir gerade in der aktualisierten zweiten Auflage herausgebracht haben und die viele Hintergrundinformationen und Hinweise zu Beratungsstellen gibt. Wir haben die Antidiskriminierungsstelle eingerichtet, die Studierende im Fall von Diskriminierung, nicht nur sexualisierter Diskriminierung, berät. Zudem haben wir eine Arbeitsgruppe Antidiskriminierung eingerichtet, an der auch Studierende beteiligt sind, und arbeiten gemeinsam an einer Antidiskriminierungsrichtlinie und einer Beratungsstruktur, die insbesondere für Studierende ein verbessertes und transparenteres Angebot bieten soll. Im gesamten Bereich der Diversity Policies haben wir bereits viele Maßnahmen umgesetzt, die Hochschulangehörige zu Fragen und Aspekten der Diskriminierung in Form von Trainings, Leitfäden, Broschüren und Workshops sensibilisieren. Der Aktionsplan Chancengleichheit rahmt all diese Angebote. Wir versuchen darüber alle Mitglieder der Hochschule zu erreichen, damit sie achtsamer sind und sensibler mit Formen der Diskriminierung umgehen. Was ist Ihnen mit der Kampagne ein besonderes Anliegen? Wolde: Ein Anliegen ist es, die Beratungsstellen für Studierende und Beschäftigte sichtbarer zu machen, so dass sie uns im Notfall kontaktieren. Ich wünsche mir, dass Betroffene weniger Ängste und Schamgefühle haben und zu uns kommen. Van Dick: Mir ist es ein Anliegen, dass es zu einem Klima kommt, in dem sexualisierte Diskriminierung und Gewalt seltener vorkommen. Wir wollen durch die Kampagne nicht nur potenzielle Opfer, Betroffene und Zuschauer*innen ansprechen, sondern auch potenziellen Tätern klar signalisieren, dass wir Übergriffe und Diskriminierung nicht tolerieren. Ich wünsche mir, dass wir an der Universität einen Ort haben, an dem sich jede*r unabhängig von Geschlecht wohlfühlt und der Tätigkeit oder dem Studium ohne Ängste, Sorgen oder Befürchtungen nachgehen kann.

Weitere Informationen unter www.lautstark.uni-frankfurt.de

Bei Nachfragen zur Kampagne oder bei Bedarf an Plakaten und Flyern können Sie sich jederzeit wenden an: lautstark@uni-frankfurt.de. Zuständig für die Kampagne ist das Gleichstellungsbüro.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »