Die Travertinfassaden der Gebäude auf dem Campus Westend glimmen sanft im warmen Licht der Nachmittagssonne. Uwe Dettmar hat wie immer seine Kamera über die Schulter gehängt und streift auf der Suche nach Motiven über den Campus. „Die Zentralperspektive, die Symmetrie der Bauten, alles passt harmonisch zusammen“, sagt Uwe Dettmar und schaut prüfend in den Sucher der Kamera.

„Obwohl das Gelände auf dem Reißbrett entstanden ist, sieht es so aus, als sei alles im Laufe der Jahre gewachsen. Sogar die alten Bäume konnte man erhalten. Der Campus liegt wie eine schöne Muschel am Rande des Grüneburgparks.“ Seit 24 Jahren ist der freie Fotograf für die Goethe-Universität im Einsatz und ist damit zum visuellen Chronisten der Universität geworden.

Etliche Forscher hat er schon portraitiert, unzählige Veranstaltungen dokumentiert – früher noch auf dem Campus in Bockenheim. Heute ist er oft und gerne auf dem Campus Westend unterwegs, dessen Umbauarbeiten er auch fotografisch begleitet hat. Seine Arbeit hat ihn dabei an Orte geführt, die heute Geschichte sind.

„Im fünften Stock des Poelzig-Baus hatte die CIA einen mit Stahlplatten abgedichteten, abhörsicheren Raum“, erzählt Dettmar. „Hinter dem Casino war damals noch ein Sportplatz, auf dem Gelände dahinter die Kasernen der Soldaten. Im Querbau des Hauptgebäudes gab es eine Squashhalle. Heute ist darin die doppelgeschossige Bibliothek der Germanisten untergebracht.“

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nutzen die amerikanischen Streitkräfte und der CIA den ehemaligen Sitz des I.G.-Farben-Konzerns als Hauptquartier. Nach der deutschen Wiedervereinigung zogen die USA 1995 ihre Truppen aus Deutschland ab, das ehemalige Hauptquartier fiel wieder an die deutsche Regierung zurück.

Auf Anregung des damaligen Universitätspräsidenten Werner Meißner erwarb das Land Hessen 1996 das Gelände mit der Absicht, dort einen neuen Campus für die geisteswissenschaftlichen Institute der Goethe-Universität zu errichten, die Sommersemester 2001 Einzug halten konnten.

Zusätzlich zum Poelzig-Bau konnte die hessische Landesregierung 2005 das knapp 40,77 Hektar große Grundstück entlang der Hansaallee zwischen der bestehenden Parkanlage und der Lübecker Straße, am Rand des bereits bestehenden Campusgeländes zusätzlich erstehen. Hier sollte auf Wunsch der hessischen Landesregierung der „modernste Campus Europas“ entstehen.

Das Geheimnis hinter dem Zaun

Uwe Dettmar; Foto: Gärtner

Uwe Dettmar; Foto: Gärtner

Für die Bebauung des neuen Areals wurde ein städtebaulicher Realisierungswettbewerb ausgeschrieben, bei dem der Entwurf des Frankfurter Architekten Ferdinand Heide überzeugte.

Die Aspekte, die Heide in seinem Entwurf wichtig waren, sind Kommunikation, Interaktion und die Integration des Areals in den Stadtteil. „Eine idealtypische Universität im angelsächsischen Stil ist integriert in den Raum, der sie umgibt“, sagt Ferdinand Heide.

Die Umrahmung des Areals durch zwei große Verkehrsstraßen, die Hansaallee im Nordosten und die Miquelallee im Osten des Geländes, machte die Integration des Terrains stadtplanerisch allerdings zu keiner leichten Aufgabe.

Auf der Nord-Süd und Ost-West-Achse sorgen nun Durchgangswege über den Campus für die Verzahnung mit der Stadtstruktur. An der westlichen Seite grenzt das Gelände an den Rand des Grüneburgparks.

Dieser wird durch Freiflächen und ein Wegenetz, das aus dem Park in den Campus hineinführt, mit dem Universitätsgelände verbunden. Lediglich die Gebäudekanten des House of Finance und des RuW sowie abgesetzte Grünflächen bilden eine optische Abgrenzung zum Grüneburgpark, so dass die Seite vom Park her durchlässig und frei begehbar ist.

„Der Campus im Westend hatte durch die räumliche Begrenzung von Anfang an ganz andere Grundvoraussetzungen als der Campus in Bockenheim“, sagt Architekt Heide. „Doch das macht den Campus Westend auch zu einem ganz besonderen Ort in Frankfurt.“

Für ihn als Architekten war die große Herausforderung, dem Raum mit der Gestaltung eine unverwechselbare Identität zu verleihen. „Die fließenden Strukturen der Stadt der 60er Jahre sind nicht mehr das, was man sich heute als urbanen Raum vorstellt“, sagt Heide.

„Orte mit einem eigenen typischen Profil sind klar erkennbar und haben eine nach außen hin definierte Form, die nicht in den städtischen Strukturen untergeht. Dazu gehört eben auch eine gewisse Form der Abgrenzung.“ Die Umzäunung um das Geländes des Poelzig- Baus wirken dem aus Sicht des Architekten nicht entgegen:

„Wenn man von der Fürstenbergerstraße zum Campus hochschaut und das Gebäude über den Zaun mit der Hecke hervorblitzen sieht, verleiht das dem Ort doch etwas Geheimnisvolles, das es zu entdecken gilt.“

Brave Studenten sprühen nicht

Eine alteingesessene Westendlerin: Sylwia Malkrab-Kip; Foto: Gärtner

Eine alteingesessene Westendlerin: Sylwia Malkrab-Kip; Foto: Gärtner

Die Südseite der Universität zu Füßen des Eingangsportals an der Fürstenbergerstraße ist die Seite des Campusgeländes, die unmittelbar an den belebten Stadtteil des nördlichen Westends anschließt.

Nur einen Straßenzug von der Bushaltestelle vor dem Eingangsportal entfernt, liegt die Buchhandlung Marx & Co. im Grüneburgweg. Irmgard Irle ist ehemalige Geschäftsführerin der Autorenbuchhandlung.

Sie ist mittlerweile im Ruhestand, hilft aber noch regelmäßig im Laden mit. Seitdem sie 1983 die Buchhandlung im Westend eröffnet hat, verfolgt sie das tagtägliche Treiben im Stadtteil. Von der Universität ist trotz der 13 Jahre, in denen die geisteswissenschaftlichen Fakultäten schon im Poelzig-Bau untergebracht sind, allerdings nicht viel zu spüren.

„Als damals klar wurde, dass die Universität hierherziehen würde, hatten die Westendler wahnsinnige Angst vor randalierenden Studenten, die ihre Häuser mit Graffitis bemalen würden“, sagt sie und rückt sich die Brille zurecht. „Nun, diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet.

Der Campus ist immer noch in einwandfreiem Zustand und man merkt fast gar nichts von den Studenten. Die sind heutzutage aber auch viel braver als früher.“ Einige ihrer Kunden leben schon seit vielen Jahren im Stadtteil und können sich noch sehr gut an die Zeiten erinnern, als von einer Universität in der Nachbarschaft noch nicht im Entferntesten die Rede war.

„Eine meiner Kundinnen hat schon hier gewohnt, als die Amerikaner in den Poelzig-Bau eingezogen sind“, sagt Irmgard Irle. „ Damals war das ganze Gelände noch zugänglich und ihre Kinder konnten im Brunnen vor dem Casino planschen.“ Mit dem Anschlag des „Kommandos Petra Schelm“ der Roten Armee Fraktion 1972, bei dem ein amerikanischer Oberstleutnant ums Leben kam, änderte sich das.

Das Gelände wurde ringsherum abgezäunt und zum militärischen Sperrgebiet erklärt. „Der Zaun, den man heute noch um das Gelände sieht, stammt noch aus dieser Zeit“, sagt Irmgard Irle. „Zum Stadtteil hin wirkt der Campus dadurch wie ein abgeschlossenes Gebiet. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, man darf dort gar nicht rein.“

Was die kulturaffinen Westendler die gefühlten Barrieren aber durchbrechen lässt, sind die Veranstaltungen der Bürger- Universität oder die zahlreichen Kunstausstellungen, die regelmäßig auf dem Campusgelände stattfinden. Vor allem die Frankfurter Poetikvorlesungen, die jedes Jahr renommierte Autoren und damit auch ein interessiertes Publikum auf den Campus holen, hinterlassen auch im angrenzenden Westend ihre Spuren.

„Oft kommen Leute, die auf dem Campus gerade eine Veranstaltung besucht haben, ganz inspiriert in den Laden, um auf dem Nachhauseweg noch nach den Werken der Autoren zu schauen, die sie gerade gehört haben“, sagt Irmgard Irle.

„Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es die Bürger aus dem Westend auf den Campus zieht, die Studierenden aber nicht unbedingt in den Stadtteil. Bisher hat sich hier trotz der vielen Studierenden jedenfalls nicht viel verändert.“

Auf ausgetretenen Pfaden

Italienische Restaurants, Manikürstudios, Psychotherapiepraxen – bisher hat die Anwesenheit der Universität kaum Spuren hinterlassen. Das Viertel bietet für Studierende allerdings wenig Anreiz für einen Eroberungsfeldzug. Wenig einladend sind die hochpreisigen Bars, zu groß die Hürden der üppigen Mietpreise, um selbst ein eigenes Café zu eröffnen.

Die meisten Studierenden streben von der U-Bahnhaltestelle Holzhausenstraße gezielt auf den Campus. „Wir nennen es die Ameisenstraße“, sagt Uwe Schirmer, Mitarbeiter des Kopierladens Copy Burg an der Bremer Straße, der schon oft verwundert den Zug der Studierenden betrachtet hat, der zielstrebig und immer den selben Pfaden folgend durch Holzhausenstraße und Hansaallee über den Bremer Platz dem Campus entgegenstrebt.

Die Copy Burg ist einer der wenigen Läden im Stadtteil, der durch ein gezielt auf Studierende ausgerichtetes Angebot von dem Standort in Campusnähe profitieren kann. „Wie oft haben sich hier schon neue Nachbarn vorgestellt, die einen Imbiss eröffnet haben“, sagt er. Sie hatten sich von dem Standort nahe dem Campus guten Umsatz versprochen, sind aber nach kurzer Zeit untergegangen.

„Die Versorgung auf dem Campus ist so gut, dass die Studenten gar keinen Bedarf haben, in der Mittagspause ins Viertel zu gehen“, sagt Uwe Schirmer. „Der Campus ist ein kompakter, in sich abgeschlossener Organismus, der den Stadtteil draußen nicht braucht.“

Die Grenze im Kopf

„Ameisenstraße“ an der Hansaallee; Foto: D. Frank

„Ameisenstraße“ an der Hansaallee; Foto: D. Frank

Sylwia Malkrab-Kip sieht das ganz anders. Die PR-Beraterin lebt seit 27 Jahren im Westend und engagiert sich seit vielen Jahren im Ortsbeirat für die Stadtteile Bockenheim und Westend.

Seit vielen Jahren setzt sie sich gegen Luxussanierungen und Wohnraumzweckentfremdung ein und findet, dass die Stimme der Studierenden in der Gestaltung des Stadtteils durchaus von Nöten ist.

„Einmal im Monat veranstaltet der Ortsbeirat eine Bürgerfragestunde“, sagt Sylwia Malkrab-Kip. „Ich würde mir wünschen, dass sich auch die Studierenden daran beteiligen und uns darauf hinweisen, was man aus ihrer Sicht verändern müsste.

Wohnraum, Verkehrsführung, Infrastruktur um den Campus herum sind wichtige Themen, aber wenn es keinen Austausch gibt, können wir nicht wissen, was sich die Studierenden wünschen.“

Besonders das Thema Wohnraum steht auf der persönlichen Agenda von Sylwia Malkrab-Kip ganz weit oben. Im Mai hat sie einen Antrag für studentische Wohnungen in leerstehenden Verwaltungsgebäuden im Westend bei der Stadt eingereicht.

„Das Westend hat viel Leerstand und es wäre nicht richtig, wieder Büroräume daraus zu machen, wenn man einen Campus in unmittelbarer Nachbarschaft hat“, sagt sie und schiebt ihr Fahrrad über den Innenhof des Universitätsgeländes.

„Wenn man es den Studierenden nicht ermöglicht, in und um den Campus herum zu wohnen, wird sich die Grenze im Kopf nicht auflösen.“ Gerade im Stadtteil Westend hat der Kampf um mehr Wohnraum Tradition.

Aus Protest gegen den Fünffingerplan, der ausgehend von der Alten Oper den Ausbau von Büroflächen im Westend vorsah, kam es 1970 zu Protesten und den ersten Hausbesetzungen. Das Haus im Grüneburgweg 113 wurde ausschließlich von Studierenden der Goethe-Universität besetzt.

„Gerade die Wohnraumfrage ist ein Thema, für das sich Studierende und Bürger gemeinsam einsetzen müssten“, sagt Sylwia Malkrab-Kip und lässt sich auf einer der Holzbänke im Sommergarten nieder. „Aber der Zeitgeist hat sich verändert, die Studierenden heute sind viel leistungsorientierter. Von daher passt der neue Campus sehr gut. Hier kann man sich in aller Ruhe auf sein Studium konzentrieren.“

Als alteingesessene Westendlerin weiß sie den Campus als willkommene Erweiterung des Grüneburgparks zu nutzen. Gemeinsam mit Freunden trifft sich sie einmal pro Woche im koreanischen Garten zum Boulespielen und danach für ein gemeinsames Bier im Sommergarten auf dem angrenzenden Campus.

„Das hier ist eine echte Bereicherung“, schwärmt sie und lehnt sich entspannt auf der Holzbank zurück. Neben der angenehmen Parkerweiterung würde sie sich allerdings wünschen, dass die Universität auch im Stadtteil selbst präsenter wäre.

„So eine Zeitung wie der UniReport könnte ja auch in den Cafés im Westend ausliegen, dann könnten die Bürger mitlesen, was sich im Innern des Campus alles abspielt“, sagt sie. Insgesamt schaut sie der Zukunft der nachbarschaftlichen Beziehungen von Campus und Westend aber optimistisch entgegen. „Alles braucht eben seine Zeit.“

„Das müssen wir uns nehmen“

Es hat sich auch schon viel getan. Seit einiger Zeit schlagen die Buchverkäufer, die mit ihrer Gebrauchtlektüre eine echte Institution auf dem Bockenheimer Campus sind, auch auf dem Bremer Platz ihre Stände auf und tragen damit Campusflair über die Grenzen des Geländes hinaus.

In einem der Pförtnerhäuschen am Eingang zum Bremer Platz haben Studierende eine Campus-Trinkhalle eröffnet. Und mit dem neuen Studierendenhaus, das voraussichtlich 2017 bezogen werden kann, wird auch wieder studentisch organisiertes Kulturleben auf dem Campus präsenter werden. Die Bedingungen dazu sind gegeben.

„Es wird wie im Bockenheimer Studierendenhaus einen Festsaal geben und zusätzlich einen echten Kinosaal“, sagt Klemens Burk. Er studiert an der Goethe-Universität Physik, engagiert sich seit 2002 für die Pupille, das selbstverwaltete Kino auf dem Campus, und ist mittlerweile in dessen Vorstand.

Die Pupille verkörpert wie kaum ein anderes Angebot die Bedeutung, die der Campus für das kulturelle Leben im Stadtteil Bockenheim hatte. „Wir sehen uns nicht nur als ein Kino für Studenten, sondern erreichen mit unserem Programm ein Publikum aus der ganzen Stadt“, sagt Klemens Burk. „Ich denke, dass uns unser Publikum auch im neuen Standort treu bleibt.“

Der Standort des neuen Studierendenhauses am nördlichen Ende des Campus ist nah an der U-Bahnstation Miquel-/ Adickesallee gelegen, so dass die Pupille damit auch für die nördlicheren Stadtteile Dornbusch und Eschersheim interessant wird, in denen es kein Kino gibt. In Sachen Durchlässigkeit zwischen Stadt und Campus wird in den kommenden Jahren also noch einiges geschehen, denkt Klemens Burk. „Das müssen wir uns einfach nehmen.“

Die Autorin

Melanie Gärtner studierte von 2001 bis 2007 an der Goethe-Universität Ethnologie und Germanistik. Heute arbeitet sie als Filmemacherin und freie Journalistin. 
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