Als internationales Drehkreuz steht Frankfurt an vorderster Front im Kampf gegen Importinfektionen und multiresistente Krankenhauskeime. Deshalb wird am Universitätsklinikum nun ein Universitäres Centrum für Infektionskrankheiten (UCI) aufgebaut.
Durch die wachsende Mobilität von Waren und Personen verbreiten sich gefährliche Krankheitserreger heute deutlich schneller und potenziell unbemerkt in allen Teilen der Welt. Bekannte Beispiele aus der Vergangenheit sind ZIKA, EHEC, Ebola oder SARS. Für die Zukunft rechnen Experten fest mit neuen, möglicherweise deutlich bedrohlicheren Szenarien. Mit Deutschlands größtem Flughafen ist Frankfurt einem besonderen Risiko importierter Krankheitserreger ausgesetzt und hat zugleich auch eine wesentliche nationale Funktion in der Abwehr dieser Gefahren.

Um für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein, wird die vorhandene Expertise jetzt im UCI gebündelt und weiterentwickelt. „Am Frankfurter Standort haben wir sowohl sehr gute Voraussetzungen als auch den dringenden Bedarf für ein solches Zentrum. Wir werden eine Institution aufbauen, die zum Schutz der Bevölkerung regional und bundesweit beiträgt, die Forschung auf dem Feld der Infektionskrankheiten voranbringt und die Vernetzung zentraler nationaler und internationaler Akteure fördert“, erläutert Prof. Jürgen Graf, Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Frankfurt.

Ernstzunehmende Risiken

Hochinfektiöse Erreger traten in den letzten Jahren immer häufiger auf, man spricht von „Emerging Infectious Diseases“. So zeigen sich ständig auch neue Pathogene, die ‒ bislang allenfalls im Tierreich bekannt ‒ ebenso Menschen befallen können. SARS- und MERS-Coronaviren sowie auch die Influenza haben die Fähigkeit zur genetischen Anpassung und können dabei Tiere und Menschen infizieren. In den vergangenen Jahren haben die hochinfektiösen hämorrhagischen Fieber, zu denen Ebola und Lassa gehören, für ebenfalls vielbeachtete Fälle von Importinfektionen gesorgt. Eine weitere Erkrankung aus dieser Familie, das Krim-Kongo-Fieber, tritt seit kurzem in Süd-West-Europa auf. Aber auch das lange bekannte HIV/AIDS stellt die Medizin weiterhin vor Herausforderungen.

Neben den Viruserkankungen sind multiresistente bakterielle Infektionen inklusive der Tuberkulose eine zunehmend ernste Gefahr bei der Behandlung vieler Patienten. Insbesondere ESBL-Keime (Extended-Spectrum Beta-Lactamase) werden aktuell sehr häufig bei Patienten gefunden – vor allem wenn sie im Ausland mit dem Gesundheitssystem in Kontakt gekommen sind. Die Erreger zeichnen sich durch eine ausgeprägte Resistenz gegenüber vielen Antibiotika aus.

Zielsetzung: Strukturen für optimale Behandlung schaffen

Diese vielfältigen Infektionskrankheiten werden in sehr vielen unterschiedlichen Fachabteilungen behandelt. Die Vereinheitlichung diagnostischer und therapeutischer Standards ist daher eine der wesentlichen Herausforderungen.

„Zentrales Ziel des UCI ist die bestmögliche interdisziplinäre Versorgung aller Patienten mit Infektionserkrankungen. Das wollen wir durch systematische Vernetzung und den Aufbau übergeordneter organisatorischer Strukturen erreichen. Außerdem möchten wir durch Anwerbung zusätzlicher Fachkräfte unsere Expertise ausweiten“, erklärt Prof. Volkhard Kempf, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene.

Einheitliche Behandlungsstandards sollen durch eine institutionalisierte Zusammenarbeit aller relevanten Fachgebiete im gesamten Universitätsklinikum umgesetzt werden. Diese Vorgaben werden durch interdisziplinäre Expertengruppen zu spezifischen Themen definiert und in die klinische Praxis überführt.

Um außerdem die Diagnose und Behandlung weiter zu verbessern sowie für neue Risiken gewappnet zu sein, wird durch das Zentrum die Forschung zu Infektionen forciert. Ziel ist es, gemeinsamer Forschungsverbundprojekte zu etablieren – auch mit externen Partnern – und entsprechende Drittmittel einzuwerben. Damit neue Erkenntnisse im Universitätsklinikum und darüber hinaus verbreitet werden, gehören auch spezifische Aus- und Weiterbildungen zu den wesentlichen Aufgaben des Zentrums.

Hervorragende Grundlage

Das Universitätsklinikum Frankfurt verfügt über hervorragende Voraussetzungen für den Aufbau des UCI. So wurden etwa für die Behandlung von Patienten mit multiresistenten Erregern bereits wesentliche Maßnahmen eingeleitet. Das Universitätsklinikum hat interdisziplinäre Fallkonferenzen eingeführt, in denen Intensivmediziner, Mikrobiologen, Infektiologen und Hygieniker zur Abstimmung der Behandlung der einzelnen Patienten hinzugezogen werden. In Hygienevisiten prüft und berät speziell ausgebildetes Fachpersonal die Stationen mehrfach pro Woche. Ein Antibiotic Stewardship (ABS-)Team wurde etabliert, das den – auch langfristig – sinnvollsten Umgang mit Antibiotika ermittelt und diese Expertise in die konkrete Behandlungspraxis einbringt.

Die Infektionsdiagnostik ist 24 Stunden am Tag auf höchstem Niveau im eigenen Labor möglich. Außerdem fließen neuste wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in die Versorgung von Patienten mit multiresistenten Erregern ein. So wurde im vergangenen Jahr unter anderem die Frankfurter Strategie gegen die Verbreitung eingeschleppter multiresistenter Erreger veröffentlicht. Für den Krankenhauskeim Acinetobacter baumannii besteht bereits gemeinsam mit dem Fachbereich Biologie der Goethe-Universität eine DFG-Forschergruppe. Prof. Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, sieht das Universitätsklinikum auf einem sehr guten Weg. „Die infektiologischen Herausforderungen haben wir in der Diagnose und Behandlung betroffener Patienten bereits im Blick und entsprechende Maßnahmen sind Teil der standardisierten Prozesse. Durch den Aufbau des UCI erhalten wir einen Rahmen, in dem diese Maßnahmen systematisch geprüft, weiterentwickelt und konsequent in allen Teilen unseres Hauses umgesetzt werden.“

Die Frankfurter Expertise ist auch bundesweit gefragt. Die durch das Robert Koch-Institut berufenen nationalen Konsiliarlabore für Bartonella-Infektionen und ab 2017 für Mukoviszidose befinden sich am Universitätsklinikum.

Behandlungserfolge bei hochinfektiösen Viren und Schwangeren mit HIV

In der Vergangenheit hat das Universitätsklinikum auch schon mehrfach unter Beweis gestellt, dass es im regionalen Netzwerk mit Feuerwehr, Städtischem Gesundheitsamt und Seuchenreferat des Landes Hessen erfolgreich hochinfektiöse Erkrankungen behandeln kann. SARS-, Lassa- und Ebolapatienten wurden hier erfolgreich therapiert und durch intensive Schutzmaßnahmen konnte eine weitere Übertragung verhindert werden. Solche Fälle werden auf der speziellen Sonderisolierstation versorgt, in der die Zimmer luftdicht abgeschottet sind und die Abluft gefiltert wird. Das speziell geschulte Personal ist auch mit der umfassenden Schutzausrüstung in der Lage, eine aufwendige intensivmedizinische Behandlung durchzuführen. „Beim letzten Einsatz unter Isolationsbedingungen – bei einem Lassapatienten – haben wir parallel auch sechs weitere Kontaktpersonen isoliert betreut. Dabei ist deutlich geworden, wie entscheidend eine intensive Kooperation mit den unterschiedlichen Teilen des Universitätsklinikums für solche komplexen Prozesse ist“, betont Dr. Timo Wolf, Oberarzt der Infektiologie.

Auch in der Versorgung von HIV-Patienten ist das Universitätsklinikum wegweisend. So hat das HIV-Center gemeinsam mit regionalen Partnern ein einzigartiges Konzept für Schwangere etabliert. Mit jährlich 30 bis 50 Neugeborenen HIV-positiver Mütter ist das Universitätsklinikum eines der größten Zentren in Deutschland – bundesweit sind es rund 200 bis 250 Entbindungen. Die Übertragungsrate von der Mutter auf das Kind liegt in Frankfurt unter einem Prozent, während ohne die präventiven Maßnahmen 20 bis 25 Prozent der Kinder HIV-positiv sind.

„Wir sind so erfolgreich bei der Prävention der Mutter-Kind-Übertragung, weil wir aktiv an der Erforschung der besten Schutzmaßnahmen beteiligt sind und diese dann unmittelbar gemeinsam mit unseren Partnern umsetzen. Diese Form der Zusammenarbeit ist im Bereich HIV und Schwangerschaft bundesweit einzigartig und hat Modellcharakter“, erläutert Dr. Annette E. Haberl, Leiterin des Bereichs HIV und Frauen.

Das Netzwerk DreiFach+ besteht sowohl aus der klinischen Geburtshilfe, der Kinderklinik und dem HIV-Center als auch aus Kooperationspartnern außerhalb des Universitätsklinikums, wie zum Beispiel HIV-Schwerpunktpraxen. Gemeinsam können sie die Präventionsstrategie effektiv umsetzen.

Hepatitis-Forschung mit weltweiter Bedeutung

Wissenschaftlich konnte die Frankfurter Hochschulmedizin – auch im globalen Maßstab – bereits wichtige Beiträge zur Bekämpfung von Infektionserkrankungen leisten. So war sie zum Beispiel entscheidend an der Erforschung der Wirkstoffkombination aus Sofosbuvir und Velpatasvir beteiligt, mit der 95 bis 99 Prozent aller Hepatitis-C-Patienten geheilt werden können. Die Ergebnisse der Studie unter Federführung des Universitätsklinikums Frankfurt wurden Ende 2015 im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Bisherige Medikamente verursachten noch starke Nebenwirkungen. Die jetzt eingesetzten sind praktisch frei von ernsten Begleiterscheinungen und dennoch bei allen Genotypen der Krankheit sehr effektiv.

„Von diesen Erkenntnissen können weltweit viele Millionen Menschen profitieren. Denn durch die universelle Einsetzbarkeit lässt sich diese Therapie künftig nicht nur in spezialisierten Zentren mit guten Diagnosemöglichkeiten verwenden, sondern alle dezentralen Behandlungsstandorte können sie erfolgreich einsetzen“, erläutert Prof. Stefan Zeuzem, Studienleiter und Direktor der Medizinischen Klinik I. Aktuell wird in Frankfurt auch nach Lösungen für die letzten verbliebenen Patienten gesucht, denen die Medikamente noch nicht zu einer vollständigen Heilung verhelfen. Durch das UCI wird die Forschung zu Infektionskrankheiten am Universitätsklinikum weiter ausgebaut.

Pressemitteilung der Universitätsklinik