Die kirgisische Ethnologin Baktygul Tulebaeva forscht über den Unterschied von Werten in der Kindererziehung.

Gastfreundschaft wird groß geschrieben in meiner Heimat“, sagt Dr. Baktygul Tulebaeva und gießt eine Tasse Tee ein. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Süßem. Man fühlt sich sofort wohl in dem hübsch dekorierten Büro am Institut für Ethnologie auf dem Campus Westend. Dr. Baktygul Tulebaeva kommt aus Kirgistan und ist mit Werten aufgewachsen, die für ihr Leben in Deutschland nicht unbedingt eine Rolle spielen.

„Setzt sich die Familie an den Tisch, bieten die Jüngeren den Älteren die privilegierten Plätze an“, sagt sie. „Diese Hierarchie des Alters hat hierzulande keine Bedeutung mehr, aber trotzdem möchte ich meiner Tochter die traditionellen Werte unserer Heimat so vermitteln, dass sie das Leben und die Menschen in Kirgistan verstehen kann.“

Dr. Baktygul Tulebaeva hat sich als Ethnologin auf das Verhandeln von Werten spezialisiert.

Nach ihrem BA an ihrer Heimatuniversität im kirgisischen Bischkek und dem Master in Edinburgh zog sie 2011 gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer damals erst vier Monate alten Tochter ins schwäbische Tübingen, um bei Prof. Roland Hardenberg zu promovieren. Als dieser 2016 die Stelle als Direktor des Frobenius-Instituts an der Goethe-Universität übernahm und nach Frankfurt wechselte, kam sie mit und arbeitet seitdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie.

Aus dem beschaulichen Tübingen rein in die geschäftige Großstadt Frankfurt – für Tulebaevas Familie war das ein großer Umbruch. „In Tübingen habe ich unterrichtet und mich auf meine Doktorarbeit konzentriert. Das Leben spielte sich hauptsächlich zwischen der Wohnung und dem Institut auf dem Schloss ab“, sagt sie. „Hier in Frankfurt verfliegt die Zeit. Wir haben größere Strecken zu bewältigen und sind beruflich sehr eingespannt.

Aber wir haben uns gut eingelebt. Deutschland ist sehr kinderfreundlich organsiert, das macht es uns als Familie leicht.“ Dr. Baktygul Tulebaeva und ihre Familie wohnen in Preungesheim. Ihr Mann unterrichtet an der Goethe-Universität Kirgisisch und ihre Tochter hat gerade ihr erstes Schuljahr hinter sich. Die Erfahrungen mit der eigenen Familie waren auch für ihre Forschung sehr hilfreich.

„Ich konnte mit meinen Informantinnen von Mutter zu Mutter reden, das hat mir den Zugang sehr erleichtert.“ In Tulebaevas Forschungsarbeit geht es um Kindheit, Persönlichkeitsentwicklung und darum, welche Werte Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder als wesentlich für ein gesundes Wachstum ansehen. Für ihre Promotion forschte Tulebaeva in ihrer Heimat Kirgistan.

Dr. Baktygul Tulebaeva wird durch das Goethe Welcome Centre (GWC) betreut. Das GWC ist die zentrale nichtakademische Beratungs- und Betreuungsstelle für internationale Professoren, Postdoktoranden und doktoranden zur Unterstützung der Fachbereiche, Institute und Zentralverwaltung auf allen vier Campi der Goethe-Universität. www.uni-frankfurt.de/gwc

„Dort konkurrieren vor dem Hintergrund unserer Geschichte verschiedene Werte miteinander“, sagt Dr. Baktygul Tulebaeva. „Es herrschen die alten traditionell-kirgisischen Ansichten darüber, was eine gute Erziehung bedeutet. Daneben gibt es westliche Normen, die unter anderem von Entwicklungsorganisationen wie der WHO beworben werden. Außerdem existieren nach wie vor die Werte der Sowjets, nach denen Kinder im Sinne des Sozialismus erzogen werden sollen.

In meiner Forschung beschreibe ich, wie Eltern diese zum Teil konkurrierenden Werte verhandeln und auf eine Lebenssituation anwenden, die sich in den letzten Jahren turbulent geändert hat.“ Auch in den Erfahrungen mit ihrer Tochter hat sie beobachten können, welche unterschiedlichen Aspekte verschiedene Gesellschaften in der Erziehung betonen. „In Deutschland werden die Kinder sehr in dem Ich-Konzept bestärkt, um ihre Entwicklung als starkes Individuum zu fördern“, sagt sie.

„Das ist gut, denn so funktioniert hier die Gesellschaft und meine Tochter soll als vollwertiges Mitglied dazugehören. Zugleich versuche ich, ihr ein paar traditionelle kirgisische Werte zu vermitteln, damit sie sich auch in dieser Gesellschaft wohlfühlt und mit den Menschen zurechtkommt.“ Im letzten Jahr hat Tulebaeva ihre Promotion beendet und an der Goethe-Universität verteidigt. Trotzdem hat sie genug zu tun.

Neben ihrem Unterricht ist sie Ansprechpartnerin für die internationalen Kooperationen zu Partneruniversitäten des Instituts. In den vergangenen Semesterferien organisierte sie gemeinsam mit Prof. Roland Hardenberg und Dr. Andrea Luithle-Hardenberg eine zweiwöchige Studienexkursion nach Indien, in der Studierende den religiösen Pluralismus des Subkontinents kennenlernen konnten.

Daneben ist sie Stipendiatin bei GRADE – Postdoc Förderprogramm Fokus der Goethe-Universität und bereitet die Anträge für ihre nächste Forschung vor. Im Laufe dieses Jahres wird sie zu vorbereitenden Forschungsaufenthalten nach Indien aufbrechen.

Melanie Gärtner

Unterkunft für internationale Wissenschaftler gesucht

Um internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an der Goethe-Uni bei der Suche nach einer Unterkunft in Frankfurt behilflich sein zu können, sucht das Goethe Welcome Centre (GWC) stetig nach privaten Angeboten von möblierten Zimmern oder Wohnungen in und um Frankfurt.

Wohnraumangebote können von interessierten Vermietern unter folgendem Link direkt in die Wohnraumdatenbank des GWC eingestellt werden: www.gwc-accommodation.uni-frankfurt.de/formular_angebote.php

Für alle Fragen zu privaten Unterkünften steht Ihnen Gabriele Zinn als Wohnraumbeauftragte des GWC gerne zur Verfügung (zinn@em-uni-frankfurt.de, Tel. 798-29863).

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »