Prof. Dr. Gisela Welz

Prof. Dr. Gisela Welz

Für ihr jüngstes Buch „European Products. Making und Unmaking Heritage in Cyprus“ wurde die Kulturanthropologin Prof. Dr. Gisela Welz jetzt mit dem international angesehenen PROSE-Award 2016 ausgezeichnet. Das Werk der Frankfurterin belegte den ersten Platz unter den Neuerscheinungen 2015 in der Sparte Anthropologie und setzte sich gegen die kulturanthropologischen Publikationen der großen amerikanischen Universitätsverlage durch.

Worum geht es in dem Buch? An Beispielen in der Republik Zypern erläutert Gisela Welz, wie ambivalent der offizielle Schutz von Kulturerbe sein kann. „Der Schuss geht oft nach hinten los: Was konserviert werden soll, wird manches Mal gerade durch die Unter-Schutz-Stellung gefährdet“, konstatiert Welz. „Heritage making” nennt die Sozial- und Kulturanthropologie den Prozess, in dem Dinge und Praktiken durch Schutzmaßnahmen zum Kulturerbe erhoben werden. Welz will mit ihrem Buch auch die nachteiligen Effekte des Kulturerbeschutzes sichtbar machen, deswegen spricht sie im Untertitel des Buches von „unmaking heritage“, von der „Auflösung von Kulturerbe“.

Besonders deutlich wird das in der Fallstudie zur handwerklichen Käseherstellung. Nach dem Beitritt der Republik Zypern zur Europäischen Union 2004 taten sich bäuerliche Kleinbetriebe schwer damit, die Auflagen des EU-Lebensmittelrechts zu erfüllen; viele mussten schließen. Die früher auf der Insel weitverbreitete, althergebrachte Herstellungsweise des traditionellen Halloumi-Käses aus Schafs- und Ziegenmilch wird von industrieller Massenproduktion auf Kuhmilchbasis verdrängt, die den wachsenden globalen Exportmarkt beliefert.

Käseproduktion lebensmittelhygienisch korrekt

Käseproduktion lebensmittelhygienisch korrekt

Ein Qualitätssiegel der EU, das typische, regional produzierte Spezialitäten zertifizieren soll, versprach Abhilfe. Tatsächlich jedoch arbeiten die global operierenden Großmolkereien daran, die Europäische Kommission von der Traditionalität ihres Fabrikkäses zu überzeugen und tun alles, um Kleinbetrieben auf der Insel – auch aus dem türkisch besetzten Norden – den Marktzugang zu verstellen. „Im Ergebnis entsteht aus lokalen Traditionen dann das, was ich im Buchtitel ‚europäische Produkte‘ nenne – eben: standardisiert und marktgängig“, so Welz, „und das steht im Widerspruch zu den Intentionen von EU-Programmen wie den geschützten Herkunftsbezeichnungen, die – zumindest vordergründig! – eingeführt wurden, um regionale Traditionen zu erhalten.“

„Die Republik Zypern ist deshalb ein interessantes Forschungsfeld, weil hier bereits vor dem Beitritt zur Europäischen Union 2004 eine Angleichung der rechtlichen Rahmenbedingungen an europäische Standards angestrebt wurde“, erläutert die Kulturanthropologin. Welz hat in den vergangenen 20 Jahren immer wieder auf Zypern geforscht und dort mit Studierenden Projekte des forschenden Lernens durchgeführt, aus denen auch Dissertationen hervorgegangen sind. Mit dem Thema „heritage making“ rückt ein Feld europäischer Integration in den Blick, das im Vergleich zur Agrar- oder Währungspolitik als relativ unbedeutend gilt, aber die Wirkungsweise der Europäisierung besonders gut illustrieren kann.

EU-Förderung für Altstadtsanierung in der Hauptstadt Nikosia.

EU-Förderung für Altstadtsanierung in der Hauptstadt Nikosia.

Neben der traditionellen Nahrungskultur hat Welz in ihren Feldforschungen auch Projekte der nachhaltigen Regionalentwicklung, des Natur- und Landschaftsschutzes sowie der Denkmalpflege kritisch unter die Lupe genommen. „Unauffällige alte Häuser in ländlichen Gemeinden werden quasi neu erfunden als sogenannte ‚hervorragende Beispiele traditioneller Architektur‘“, so die Frankfurter Wissenschaftlerin. „Die wissenschaftliche Expertise von Volkskundlern und Bauhistorikern wirkt hier zusammen mit neuen gesetzlichen Regelungen des Denkmalschutzrechts und den baulichen Interventionen der Sanierungsarchitekten, für die Fördergelder der EU beantragt werden und die dann entsprechenden Auflagen genügen müssen.“

Das Ergebnis – so musste Welz in ihren Feldstudien feststellen – war meist standardisierte Sanierung: „Die Gebäude sind historisch korrekt ‚aufgehübscht‘, und in ihrer Entstehungsphase ‚eingefroren‘. Nichts darf mehr geändert werden, und die Bewohner können die Gebäude nicht mehr so nutzen, wie sie es in ihrem Alltag gewohnt waren.“ Dörfer zu musealen Ausstellungsstücken zu machen, entspricht den Erwartungen ausländischer Touristen. Seitdem der Finanzsektor empfindlich geschrumpft ist, ruhen die Hoffnungen der Regierung auf dem Erfolg der Tourismuswirtschaft.

Übersaniert. Hier gab es früher kein Kopfsteinpflaster.

Übersaniert. Hier gab es früher kein Kopfsteinpflaster.

Im März stellte Gisela Welz ihr Buch zum ersten Mal in der Republik Zypern vor. Zum „Book Launch“ hatte die University of Nicosia gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladen. Alarmierend fanden zyprische Sozialwissenschaftler, aber auch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen die steigende Ökonomisierung von Kulturerbe-Gütern, die Welz in ihrer Studie aufzeigt. Anwesende äußerten scharfe Kritik am „Ausverkauf von kulturellen Gemeingütern und natürlicher Umwelt“ und stimmten der Autorin zu, dass diese Gefahr im Zuge der noch nicht überwundenen Wirtschaftskrise der Republik Zypern zunimmt.

Der PROSE-Award 2016

Die Sektion Fachbuch- und Wissenschaftsverlage des Verbands amerikanischer Verleger vergibt alljährlich die „American Publishers Awards for Professional and Scholarly Excellence“ in mehr als vierzig Sparten. Der Band von Gisela Welz wurde im Herbst 2015 von dem in New York und Oxford ansässigen Verlag Berghahn Books veröffentlicht und richtet sich sowohl an Wissenschaftler als auch an interessierte Laien. „Die Auszeichnung kam für mich völlig überraschend, zumal der Verlag eher zu den kleinen auf dem anglo-amerikanischen Markt gehört“, freut sich die Preisträgerin, die seit 1998 als Professorin an der Goethe-Universität forscht und lehrt. Zusätzlich zu wissenschaftlicher Qualität, Originalität und Breitenwirkung wurden auch Aufmachung und grafisches Design in die Bewertung einbezogen. Von der Autorin selbst angefertigte Fotos setzen auf dem Einband die Thematik in Szene, und so überzeugte das Buch die Jury auch durch seine Ästhetik.

blog_book-cover-Welz-European-ProductsPublikation

European Products. Making and Unmaking Heritage in Cyprus, Berghahn Books, New York 2015, 204 Seiten, ISBN 978-1-78238-822-7, $90.00/£56.00; eISBN 978-1-78238-823-4 eBook