Wie gehen Menschen, wie gehen Wissenschaftler mit Ungewissheit und Nichtwissen um? Diese Frage steht im Fokus der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt mit dem Schwerpunktthema „Was können wir wissen?“. Der Ethnologe Professor Hans Peter Hahn lenkt den Blick auf die Gesellschaften Afrikas: Auf welcher Wissensbasis werden Entscheidungen dort getroffen? Haben traditionelle Wissensbestände ein Vorrecht oder moderne Technologien aus dem Ausland? Dabei wird deutlich: Tradition und Kultur – und die verfügbaren Ressourcen – spielen eine bedeutende Rolle.

Am Beispiel einer jungen Frau in Ghana, die sich seit Wochen nicht wohlfühlt und ihren Alltag nicht mehr meistern kann, schildert der Ethnologe Hans Peter Hahn, welche Folgen das mangelnde Wissen haben kann: Anstatt einen akademisch ausgebildeten Mediziner im staatlichen Krankenhaus aufzusuchen, der ihrer rätselhaften Erkrankung auf den Grund gehen könnte, entscheidet sie sich für einen traditionellen Heiler am Ort. Denn der verlangt für Diagnose und Behandlung nur ein Bruchteil dessen, was sie im Krankenhaus zahlen müsste. Doch sein Versuch, einen vermeintlichen Geist (Dschinn) durch eine Wasserkur zu vertreiben, zeitigt keine Wirkung. Wertvolle Zeit verstreicht, Zeit, die am Ende für die Heilung fehlen könnte, wenn sich die immer schwächer werdende Patientin doch entschließt, einen naturwissenschaftlich gebildeten Mediziner aufzusuchen.

Ähnliche Beispiele für inkonsequentes Handeln aufgrund von mangelndem Wissen gibt es auch in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Landwirtschaft.  Die Landwirtschaftsberatung in Burkina Faso hat ein einfaches Rezept, um die knapper werdenden Niederschläge optimal zu nutzen: Bringt man das Saatgut bereits auf die staubtrockenen Böden auf, geht es beim ersten Regen sofort auf.  Doch die Bauern haben Vorbehalte, die nicht zuletzt mit den begrenzten Ressourcen und der althergebrachten Tradition zu tun haben.  Denn für die neue Strategie braucht es für den Fall des Falles eine doppelte Bevorratung an Saatgut.

Oft werden Situationen der Ungewissheit auch mit Hilfe von Schwarzer Magie angegangen. Hahns Beispiele zeigen: Pluralismus bei den Entscheidungsmöglichkeiten führt nicht zwangsläufig zu mehr Entscheidungsfreiheit, sondern zu größerer Unsicherheit. Junge Menschen in Afrika, die sich ihrer Unsicherheit und ihres Nichtwissens bewusst werden, reagieren jedoch auf unvorhergesehene Ereignisse flexibler und mit mehr Improvisationsbereitschaft. Hiervon könnten die Menschen in Industrieländern durchaus lernen.

Die Forschung Frankfurt-Ausgabe zum Schwerpunkt „Was können wir wissen?“ beinhaltet Beiträge aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Informatik, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Linguistik und Medizin. Welche unterschiedlichen Perspektiven sich aus dem Themenkreis Wissen, Ungewissheit, Nichtwissen ergeben haben, können Sie bei einer Entdeckungsreise durch das Heft ersehen.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (2/2018) kann von Journalisten kostenlos bestellt werden bei: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet ist sie zu finden unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.