(Foto: Schinder-Foto-Archiv / Werner Lott)

Ein Holocaust-Zentrum im »Land der Täter«: 50 Jahre nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager öffnete das Fritz Bauer Institut seine Tore. Im Jahr 2020 begeht es sein 25-jähriges Jubiläum.

Was haben Johann Wolfgang von Goethe, Sigmund Freud, Leo Frobenius und Fritz Bauer gemeinsam? Sie alle sind bedeutende Persönlichkeiten, deren Wirken eng mit der Stadt Frankfurt verbunden ist, aber weit über diese Stadt hinausstrahlt. Sie alle sind nicht zuletzt aus den vorgenannten Gründen auch Namensgeber für Frankfurter Forschungs- und Kulturinstitute mit einer engen Anbindung an unsere Universität. In den nächsten Ausgaben des GoetheSpektrums stellen wir diese Institute vor. Den Auftakt bildet das Fritz Bauer Institut, das im Jahr 2020 sein 25-jähriges Jubiläum begeht.

Die Geschichte

Ein deutsches Yad Vashem, ein Holocaust-Zentrum im »Land der Täter«, schwebte Oberbürgermeister Volker Hauff vor, als er 1989 von einem Besuch in Israel nach Frankfurt zurückkehrte. Sechs Jahre später und 50 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager öffnete das Fritz Bauer Institut seine Tore und nahm seine Arbeit als interdisziplinäre Forschungs- und Bildungseinrichtung auf. Seine Entstehung verdankt das Institut nicht zuletzt auch bürgerschaftlichem Engagement – neben dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt am Main war auch der bis heute bestehende Förderverein Fritz Bauer Institut maßgeblich an seiner Gründung beteiligt. Nach mehreren Standortwechseln innerhalb Frankfurts bezog das Institut im Sommer 2001 seinen heutigen Sitz im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend. Mit dem Einzug in das geschichtsträchtige Gebäude wurde im Rahmen eines Kooperationsvertrags die Anbindung des Fritz Bauer Instituts als An-Institut der Universität beschlossen, 2017 wurde die am Historischen Seminar neu geschaffene Professur zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust mit der Direktion des Instituts verknüpft.

Das Profil

Die Untersuchung und Dokumentation der Geschichte der nationalsozialistischen Massenverbrechen – insbesondere des Holocaust – und deren Wirkung bis in die Gegenwart bilden einen Schwerpunkt der Arbeit des Instituts. Ein weiterer ist die Vermittlung der einschlägigen deutschen und internationalen Forschung in diesem Feld. »Der Holocaust in der besetzten Ukraine. Die Erfahrungsdimensionen jüdischer Frauen«, »Opferzeugen in Auschwitz-Prozessen 1950–1980«, »Friedrich Karl Kaul und die Rolle der DDR in westdeutschen NSGVerfahren«, »Die Darstellung des Holocaust in aktuellen Schulgeschichtsbüchern« – dies sind nur einige der aktuellen Projekte, die zugleich das breite Spektrum der zeitgeschichtlichen Forschung des Instituts verdeutlichen. Einen Schwerpunkt der aktuellen Forschung bildet die Geschichte der Stadt Frankfurt am Main im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit. Dazu zählen die Forschungsprojekte »Sozialhygiene und Gesundheitspolitik in Frankfurt am Main 1920 bis 1960«, »Die Geschichte des Konzentrationslagers Katzbach in Frankfurt am Main«, »Biographische Skizzen über Spieler und Funktionäre von Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit und der frühen Nachkriegszeit« und die soeben erschienene Studie »Frankfurt und die Juden. Neuanfänge und Fremdheitserfahrungen 1945-1990«.

»Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.«

Fritz Bauer 1903-1968

Schlaglichter der Forschung

Bei dem Projekt »Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945« (Dr. des. Niklas Krawinkel) handelt es sich um eine breit angelegte Studie zu Konjunkturen des Rechtsradikalismus in Deutschland seit 1945, die politik-, sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte beleuchtet. Es geht darum, rechtsradikale Organisationen, informelle Gruppen wie auch Einzelpersonen in historischer Langzeitperspektive zu erforschen, ihre Anbindung an den Nationalsozialismus und dessen Vorbildwirkung zu überprüfen und den historischen Kontext der Konjunkturen des Rechtsradikalismus auszuloten. Welchen Beitrag leisteten Naturwissenschaftler der Universität Frankfurt am Main für die Aufrüstungs- und Kriegsbemühungen des »Dritten Reiches«? Wie waren ihre Verbindungen zu Vertretern des Militärs, der Politik und der Industrie? Erleichterte das Stiftungsmodell der Universität die Durchführung von Rüstungsprojekten an der Hochschule? Diesen Fragen widmet sich das Dissertationsprojekt zur Rüstungsforschung an der Goethe-Universität in der NS-Zeit (Jason Pollhammer M.A.), das im Kontext einer Studie zur Geschichte der Goethe-Universität im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik steht. Das Fritz Bauer Institut gibt eigene Buchreihen heraus und publiziert jährlich sein Bulletin »Einsicht« mit wissenschaftlichen Debattenbeiträgen und einem umfangreichen Rezensionsteil. Es veranstaltet regelmäßig öffentliche Vortragsveranstaltungen, wissenschaftliche Tagungen und Workshops und entwickelt eigene Ausstellungen, wie beispielsweise die Wanderausstellung »Die IG Farben und das Konzentrationslager Buna-Monowitz. Wirtschaft und Politik im Nationalsozialismus«. Zwei vom Hessischen Kultusministerium an das Institut abgeordnete Lehrkräfte bieten Workshops und Führungen für Schulklassen, Fortbildungen für Lehrkräfte sowie Beratung von Lehrkräften bei der Gestaltung von Studientagen, Projekten, Unterrichtskonzepten und Gedenkstättenbesuchen an. Auch Studierende führen für das Fritz Bauer Institut Workshops durch und bieten Führungen zur Geschichte des IG-Farben-Hauses und zum »Norbert Wollheim Memorial« auf dem Campus Westend an. Der interessierten Öffentlichkeit sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern steht das Archiv des Fritz Bauer Instituts offen. Das Institut betreibt ferner eine eigene Bibliothek, die auch den Studierenden der Goethe-Universität zur Verfügung steht.

Die Köpfe

Neben derzeit fünf wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – drei weitere arbeiten am Historischen Seminar der Goethe-Universität – sind vier Stipendiatinnen und Stipendiaten mit ihren Forschungsprojekten an das Fritz Bauer Institut angebunden. Jeweils im Sommersemester schreiben das Historische Seminar der Goethe-Universität und das Fritz Bauer Institut gemeinsam die »Michael Hauck Gastprofessur für interdisziplinäre Holocaustforschung« aus. Die Gastprofessorinnen und -professoren bieten jeweils zwei Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar der Universität an und gehen am Fritz Bauer Institut ihren Forschungsprojekten nach. Geleitet wird das Institut von Prof. Dr. Sybille Steinbacher, die zugleich die 2017 geschaffene Professur für Holocaust-Forschung am Fachbereich 08 der Goethe-Universität innehat. »Das Fritz Bauer Institut ist durch die Professur enger an das Historische Seminar und an die Universität herangerückt, die ja einer seiner vier Träger im Stiftungsrat ist,« so Steinbacher. »Für die Arbeit des Instituts bedeutet die Einrichtung der Professur eine Stärkung. Die Studierenden profitieren davon ebenfalls, durch ein breites Lehrangebot beispielsweise und durch Möglichkeiten, an dem einen oder anderen Forschungsprojekt mitzuwirken.«

Die Kooperation mit der Goethe-Universität

Die Zusammenarbeit von Institut und Universität findet ihren Ausdruck in der Durchführung gemeinsamer Forschungsvorhaben, in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, in der Wahrnehmung von Lehraufgaben durch Mitarbeitende des Instituts, in der wechselseitigen Nutzung von Einrichtungen und in der gemeinsamen Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse. »Insbesondere auch durch die Schaffung der Kooperationsprofessur ist es uns gelungen, die Stärken von Fritz Bauer Institut und Goethe-Universität noch besser zu bündeln und Synergien zu erschließen«, so Prof. Dr. Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität. »In einer zunehmend kompetitiven Wissenschaftslandschaft ist exzellente Einzel- und Verbundforschung ohne strategische Kooperationen mit externen wissenschaftlichen Partnern, und zwar sowohl auf regionaler als auch auf nationaler und internationaler Ebene, immer schwieriger denkbar.« Angesichts des Wiedererstarkens von Rechtsradikalismus und Nationalismus wird der Arbeit des Fritz Bauer Instituts heute besondere öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. Aufklärungs- und Bildungsarbeit zum Holocaust, so der eigene Anspruch, trägt dazu bei, demokratische Haltungen zu stärken und zu fördern. Damit führt das Institut den »Streit für die Demokratie« – ganz im Geiste seines Namensgebers – fort.

Autoren Dr. Tobias Freimüller, Verena Stenger

Wer war Fritz Bauer? Fritz Bauer, geboren 1903, wuchs als Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Stuttgart auf. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er im Exil, von wo er im Jahr der Gründung der Bundesrepublik nach Deutschland zurückkehrte. 1956 wurde er in das Amt des hessischen Generalstaatsanwalts berufen und zog nach Frankfurt am Main, wo er 1968 verstarb. Bauer ist als der Staatsanwalt in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen, der den Auschwitz-Prozess initiiert und in einer Vielzahl weiterer Fälle die Verfolgung von NS-Verbrechen in die Wege geleitet hat. Er verstand seine Arbeit als Selbstaufklärung der deutschen Gesellschaft und als Weg zur Schaffung eines demokratischen Rechtsbewusstseins in der jungen Bundesrepublik.

Mehr Informationen: https://www.fritz-bauer-institut.de/

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3/20 des Mitarbeitermagazins GoetheSpektrum erschienen.