Axel Fleisch, Afrikanist

In Afrika ist vieles anders als in Europa. Dass er, ebenso wie alle anderen Afrikanistinnen und Afrikanisten, da mit den traditionellen europäischen Konzepten von Sprache und Kultur nicht allzuweit kommt, hat Axel Fleisch schon vielfach erfahren – nicht erst, seit er zum Sommersemester 2018 Professor am Institut für Afrikanistik der Goethe-Universität wurde. „Nehmen Sie zum Beispiel unser Konzept von Mutter- und Fremdsprachen“, sagt Fleisch. „Das lässt sich nicht ohne Weiteres auf Afrika übertragen.“ Für die übergroße Mehrheit der Menschen in Afrika sei es völlig normal, in wenigstens drei Sprachen „verkehrsfähig“ zu sein, und im Allgemeinen könnten sie nicht so einfach entscheiden, welche davon ihre „Muttersprache“ sei.

„Mich interessieren aber nicht nur rein linguistische, sondern auch kulturwissenschaftliche und historische Themen“, sagt Fleisch und nennt exemplarisch den Homophobie-Diskurs, der in europäischen Medien immer wieder geführt werde. „Homophobie gibt es in Afrika zweifellos“, stellt Fleisch fest, „aber bedeutet das, dass Afrika Europa hinterherhinkt und dass wir liberalen, progressiven Europäer da ‚helfend eingreifen’ müssen?“ Er sei in diesem Zusammenhang sogar der Auffassung begegnet, dass es in vorkolonialer Zeit keine Homosexualität in Afrika gegeben habe und dass diese ein europäischer Kolonialimport in die afrikanischen Gesellschaften gewesen sei.

Tatsächlich sei es aber nicht die Homosexualität an sich, sondern die Homophobie, die durch europäische Gesetzgebung in Afrika verankert worden sei. Fleisch hebt hervor, dass stets ein enger Zusammenhang zwischen Sprache und Geschichte bestehe. „Allerdings beruht unser Wissen über die afrikanische Geschichte größtenteils auf oralen Traditionen. Oft fehlen in Afrika Aufzeichnungen von Geschichtsschreibern oder Chronisten sowie andere schriftliche Dokumente. Die historische Forschung ist auf orale Quellen angewiesen. Und um diese zu erschließen, müssen Sie sich zunächst mal gründlich mit der jeweiligen Sprache auseinandersetzen.“

Sprachvielfalt

Die Sprache, mit der sich Fleisch am gründlichsten auseinandergesetzt hat, ist wohl die angolanische Bantu-Sprache Lucazi (sprich: Lutschasi) – seine Dissertation, die er Ende der 1990er Jahre anfertigte, ist eine grammatische Beschreibung dieser Sprache, von der es bis dahin nur einige von christlichen Missionaren angefertigte Skizzen gab.

„Damals habe ich sehr viel Zeit in Nord-Namibia, an der angolanischen Grenze, verbracht.“, berichtet Fleisch. „Aber sobald man aus so einem Sprachkontext wieder raus ist, hat man ja praktisch keine Möglichkeit, diese Sprachkenntnisse am Leben zu halten; die rosten dann einfach ein.“ Und so sind seine beiden sprachlichen Standbeine in Afrika heute Zulu und Swahili. Daneben hat Fleisch Grundkenntnisse in verschiedenen anderen Sprachen: in „Berbersprachen“ aus Nordafrika wie etwa Tashelhiyt oder Tarifit, oder dem in Mali verwendeten Bambara.

„Wenn Sie sich allerdings mit einer Sprache beschäftigen wollen, die Ihnen völlig fremd ist – wenn Sie die beschreiben oder analysieren wollen, dann haben Sie eine Menge mühseliger Puzzlearbeit vor sich“, kommentiert Fleisch, „und Sie brauchen eine Person, die diese Sprache als ihre eigene sehr gut beherrscht, mit der Sie eine gemeinsame Sprache beherrschen. Zusammen mit dieser Person analysieren Sie Übersetzungen aus der unbekannten Sprache und achten dabei auf minimale Unterschiede, so zum Beispiel, wenn eine Aussage mit ‚er flog ab’ übersetzt wird, die andere hingegen mit ‚er ist abgeflogen’.

Auf diese Weise erhalten Sie nach und nach ein Bild der unbekannten Sprache und erkennen, worauf es darin ankommt.“ Fleisch interessiert sich jedoch nicht nur für afrikanische Sprachen, deren Beschreibung, ihren Erwerb und Gebrauch durch Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Seit Anfang 2019 untersucht er afrikanische Sprachpraktiken auch in Europa: Zusammen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Forschungsverbund der Rhein-Main-Universitäten (RMU) geht er der Frage nach, anhand welcher Kommunikationsstrategien afrikanische Migranten im Rhein- Main-Gebiet spontan, also ohne Sprachkurs, Deutsch lernen.

Außerdem will sich Fleisch der Frage widmen, welcher Zusammenhang – insbesondere bei afrikanischen Sprachen – zwischen dem Klang einer Stimme und den persönlichen Wahrnehmungen der Sprechenden besteht. „Auf der einen Seite können wir unser individuelles Sprachtimbre nur wenig kontrollieren, wir finden es zum Beispiel immer wieder seltsam, wenn wir uns selbst auf einer Aufnahme hören. Andererseits schließen wir von unserem Höreindruck aber ganz unwillkürlich auf Eigenschaften der sprechenden Person“, erläutert Fleisch.

Über diese konkreten Forschungsvorhaben hinaus möchte er die Zusammenarbeit der Goethe-Universität mit der Universität in der äthiopischen Metropole Addis Abeba intensivieren. „Ich selbst war deswegen vor kurzem in Äthiopien, seit Anfang Juli haben wir Zelealem Leyew Temesgen als Alexander-von-Humboldt- Stipendiaten zu Gast, einen äthiopischen Kollegen aus der Linguistik.“ Wenn seine Arbeitsgruppe zusammen mit dem International Office Sommerschulen in Frankfurt und Addis Abeba abhält, dann können die Studierenden am eigenen Leib erfahren, wie viel in Afrika anders ist.

Stefanie Hense

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.19 des UniReport erschienen.