Die prominenteste Quelle für sein Studienmaterial befindet sich zurzeit im Weißen Haus in Washington: Wenn Johannes Völz, Professor für Amerikanistik, an seinem Projekt „Ästhetik des Populismus“ arbeitet, kommt er an Donald Trump nicht vorbei: „Trump ist als Reality-TV-Star in den Politikbetrieb gekommen. Schon damals zählten für ihn nur Einschaltquoten, sonst nichts.

Dieser Maxime ist er treu geblieben, und so hat er wie kein anderer Kandidat vor ihm Politik zu einer Frage des Entertainments gemacht“, erläutert Völz. „Trumps Selbstinszenierung ist für das Präsidentenamt absolut unangemessen, und zwar nicht nur stilistisch. Die Covid-19-Krise zeigt, dass diese Inszenierung zu einer dysfunktionalen Politik führt. Das Zusammengehen von Politik und Ästhetik in dieser Form ist ein Problem für die Demokratie.“ Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass Völz mit Ästhetik nicht nur das meint, was Johann Wolfgang von Goethe als das „Wahre, Gute, Schöne“ bezeichnet hat.

Wenn Völz seiner DFG-geförderten Heisenberg-Professur die Denomination „Demokratie und Ästhetik“ gibt, versteht er darunter die ursprüngliche Bedeutung des altgriechischen Wortes „Aisthesis“: sinnliche Wahrnehmung und Empfindung. „Es geht mir dabei um die Erwartungen an die Lebensform Demokratie“, stellt Völz klar. Aus ihnen resultiere nämlich ein bestimmter Anspruch an Freiheit und Gleichheit; die Menschen seien nur dann der Meinung, dass sie tatsächlich in einer Demokratie lebten, wenn ihnen das, was sie Tag für Tag erlebten, auch das Gefühl vermittele, sie seien Freie und Gleiche. Völz: „Ob diese Ansprüche erfüllt werden, beurteilen die Menschen primär auf der Ebene der Sinne und Empfindungen, also ästhetisch.“

Politisierung der Pandemie

In der US-amerikanischen Gesellschaft habe in den späten 1960er Jahren als Reaktion auf die Bürgerrechtsbewegung ein Prozess der politischen Polarisierung eingesetzt, erläutert Völz; diese Polarisierung werde jetzt durch den Populisten Trump auf die Spitze getrieben. „Wie zu jedem Menschen gehören natürlich auch zu jedem US-Amerikaner verschiedene Facetten der Persönlichkeit, und die politische Haltung ist nur ein kleiner Teil davon“, sagt Völz.

„Aber mittlerweile müssen sich dieser Haltung alle anderen Identitätsaspekte unterordnen: ‚Welches Auto fahre ich?‘ ‚Wo kaufe ich ein?‘ ‚Welche Sportart betreibe ich?‘ … all das wird von der Frage mitbestimmt, zu welchem politischen Lager ich gehöre.“ Besonders deutlich werde das in den USA derzeit in der „Corona-Debatte“: Die Politisierung der Pandemie führe den demokratischen Diskurs ad absurdum. Zwar sei es durchaus im Sinne der Demokratie, wenn Menschen die Krise unterschiedlich bewerten. Doch Amerikaner könnten sich noch nicht einmal darüber verständigen, ob es überhaupt eine Pandemie gebe.

Solch eindimensionales Lagerdenken muss die Missbilligung eines Amerikanisten hervorrufen, widerspricht es doch direkt dem interdisziplinären Ansatz des Fachs Amerikanistik, zumal in seiner Frankfurter Ausprägung – dessen Horizont am Institut für Englandund Amerikastudien der Goethe-Universität reicht von (US-)amerikanischer Literatur bis hin zu Film, Geschichte, Kunst, Philosophie und Soziologie. Diesen breit gefächerten Ansatz verteidigt Völz leidenschaftlich gegenüber allzu enger Spezialisierung. Er selbst hat neben Amerikanistik auch Philosophie und Politikwissenschaft studiert. Und auch wenn er sich heute in erster Linie als Literaturwissenschaftler versteht, gesteht er: „Beim Blick auf die Bücher auf meinem Schreibtisch komme ich manchmal ins Grübeln, ob ich nicht eigentlich Philosoph oder Politikwissenschaftler sein will.“

Interdisziplinarität ist auch der Leitgedanke seines institutionellen Wirkens. Seit Oktober 2019 prägt er als Mitglied des wissenschaftlichen Direktoriums das Programm des Forschungskollegs Humanwissenschaften (Bad Homburg) wesentlich mit und etabliert die transatlantischen Beziehungen als Schwerpunkt an der Goethe-Universität. Außerdem schlägt sich sein Profil zwischen Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie in den Forschungsverbünden nieder, die er momentan mit Frankfurter Kolleg*innen entwickelt. Dazu zählen ein Graduiertenkolleg zu Demokratie und Ästhetik und die Exzellenzcluster-Initiative „ConTrust: Vertrauen im Konflikt. Politisches Zusammenleben unter Bedingungen radikaler Ungewissheit“, an der er als leitender Wissenschaftler mitwirkt.

Highschool in Colorado

Er selbst wurde entscheidend geprägt durch das Jahr, das er in seiner Jugend an einer Highschool im Norden des US-Bundesstaats Colorado verbracht hat: „Schon vorher habe ich mich für amerikanische Literatur und Jazzmusik begeistert, aber als ich aus Colorado zurückkam, stand für mich fest: Ich studiere Amerikanistik und setze mich mit amerikanischer Kultur auseinander“, erinnert sich Völz. Ganz besonders fasziniert habe ihn, wie die aufgeschlossene und zugängliche Art der Amerikaner ihn dazu gebracht habe, unbekannte Seiten an sich zu entdecken und Dinge zu tun, die er sich „als etwas steifer Deutscher“ nicht ohne Weiteres zugetraut hätte.

Die US-amerikanische Kultur hat er inzwischen als zutiefst rassistisch, als vielfach sexistisch, als Ansammlung ökonomischer Katastrophen erlebt, in der die herrschende Ungleichheit gewaltige soziale Sprengkraft besitzt. „Und trotzdem ist – erstaunlicherweise – diese Kultur geprägt von den normativen Ansprüchen von Freiheit und Gleichheit, mit anderen Worten: geprägt von den normativen Ansprüchen der Demokratie“, stellt Völz fest. „Diesen augenscheinlichen Widerspruch finde ich absolut faszinierend.“

Stefanie Hense

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.20 des UniReport erschienen.