Prof. Julie Allen, Foto: Sauter

Humboldt-Stipendiatin Prof. Julie Allen untersucht die Rolle des frühen europäischen Films in Australien und Neuseeland.

Film ist ein ganz besonderes Medium: Er weckt Emotionen und entführt die Zuschauer in eine andere, mitunter fremde Welt. Wie der Film vor Erfindung der Tonspur Länder und Kontinente einander näherbringen konnte, damit befasst sich die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Julie Allen im Rahmen ihres Humboldt-Forschungsstipendiums. Ihr Großprojekt beschäftigt sich mit dem europäischen Stummfilm „am Ende der Welt“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Australien und Neuseeland noch fest in der Hand der Kolonialmächte, eine eigene Kinokultur konnte sich nicht entwickeln.

Der Bedarf war dennoch groß, und so wurden in großer Zahl Filme aus Europa und den USA importiert. Beim Stummfilm gab es noch kaum sprachliche Barrieren, so dass die Produktionsländer gleiche Chancen hatten. Das änderte sich mit Beginn des Ersten Weltkrieges: „Durch das Embargo kamen kaum noch europäische Filme ins Land“, erklärt Prof. Julie Allen. Die Kulturwissenschaftlerin ist derzeit für ein Jahr als Humboldt- Forschungsstipendiatin an der Goethe-Universität und hofft, ihr großes Forschungsprojekt über den europäischen Film in Australien und Neuseeland hier abschließen zu können. Ihr Untersuchungszeitraum ist die Phase von 1908 bis 1928, sie bleibt also ganz beim Stummfilm.

Welche Produktionen wurden importiert? Und welche Rolle haben diese Filme für das Heimatgefühl der europäischen Einwanderer gespielt, wie haben sie ihre Identität geprägt? Diese Fragen will Allen mit ihrer Arbeit klären. Bis 1914 stammte die Hälfte der importierten Filme aus Europa, danach waren es nur noch 5 Prozent. Und auch der Charakter der Filme veränderte sich: Vor dem Ersten Weltkrieg herrschte der „Diven-Film“ vor mit berühmten Schauspielerinnen wie Asta Nielsen oder Francesca Bertini. Nach dem Krieg wurden die europäischen Filme künstlerisch anspruchsvoller, man wollte sich eine neue Nische schaffen gegenüber der amerikanischen Konkurrenz.

Seit fünf Jahren durchforstet Allen die Archive nach Zeitungsberichten und versucht herauszufinden, welche Filme wie lange in den Kinos liefen und wie sie rezipiert wurden. „August Bloms Film ‚Versuchungen der Großstadt‘ von 1911 mit Valdemar Psilander in der Hauptrolle zum Beispiel lief ganze drei Jahre“, erzählt Allen. Sie legt ein besonderes Augenmerk auf dänische Produktionen. Nicht nur, weil sie familiäre Wurzeln in Dänemark hat: „Dänemark war eine der größten Filmnationen in jener Zeit“, sagt sie.

Aber auch deutsche, italienische und britische Produktionen wurden in großer Zahl importiert. Die Filmrollen sind heute nicht einfach einzusehen, und so nutzt sie ihren Aufenthalt, um ihre Recherche in europäischen Filmarchiven zu ergänzen. Besonders für den europäischen Film gekämpft habe der australische Importeur Clement Mason, er setzte sich vor allem für schwedische und italienische Filme ein. Doch auch die Vorgaben der britischen Regierung, die den kulturellen Einfluss durch die englische Filmbranche in Übersee aufrechterhalten wollte, konnten gegen den Siegeszug des amerikanischen Films wenig ausrichten.

Erst in den 1970er Jahren haben Filme aus Europa wieder einen gewissen Platz in australischen und neuseeländischen Kinos – wenn auch vor allem für Cineasten. Julie Allen selbst ist seit ihrer Jugend zwischen den Kontinenten unterwegs. In Hawaii geboren und aufgewachsen, kam sie 1990 mit 16 Jahren zum ersten Mal nach Europa. Ohne jegliche Deutschkenntnisse nahm sie an einem Aus- Stumme Kulturboten in Übersee Humboldt-Stipendiatin Prof. Julie Allen untersucht die Rolle des frühen europäischen Films in Australien und Neuseeland tauschprogramm von US-Kongress und Bundestag teil, sie besuchte ein Gymnasium im schwäbischen Schorndorf.

„Mir ist eine Welt aufgegangen“, sagt sie heute. Diese Welt bestand aus Kunst, Theater, Oper – und Geschichte. Für sie stand fest: Germanistik wollte sie studieren. Doch das Studium an der Universität in Utah war ihr nicht ganzheitlich genug, und so wechselte sie nach Hamburg, wo sie erstmal ihren schwäbischen Akzent ablegte. Nach weiteren zwei Jahren als Mormonenmissionarin in Dänemark studierte sie in Harvard weiter Deutsch und Dänisch.

In ihrer Dissertation beschäftigte sich Julie Allen mit dem dänischen Literaturkritiker, Philosophen und Schriftsteller Georg Brandes, der sich als Vermittler skandinavischer Literatur im Ausland einen Namen gemacht hat, und mit deutschen Autoren, die nach ihm über Dänemark schrieben. In erweiterter Fassung ist die Arbeit unter dem Titel „Icons of Danish modernity“ erschienen. Darin befasst sich Allen auch mit der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen, die wie Brandes für eine dänische Modernität und Liberalität steht, in die das damalige Dänemark selbst erst noch hineinwachsen musste.

Allens Habilitation trug den Titel „Danish, but not Lutheran“ und erzählt die Geschichte der rund 17 000 dänischen Migranten im US-Staat Utah, die wegen ihres mormonischen Glaubens ihr Land verlassen hatten – unter ihnen Allens Urgroßmutter. 2006 wurde Julie Allen zunächst Professorin für Skandinavistik in Wisconsin, seit 2016 lehrt sie an der privaten Brigham Young Universität in Provo, Utah, im Fach Komparatistik.

Anke Sauter

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.19 des UniReport erschienen.