Erst seit Anfang des Jahres ist er im Amt: In den drei Monaten hat Dr. Martin Raditsch aber nicht nur das Einsatzgebiet der Uni-Tochter Innovectis ausgiebig sondiert, sondern bereits auch viele Gespräche mit benachbarten Einrichtungen wie dem Research Service Center (RSC) oder dem Unibator geführt.

„Wir stimmen uns gut ab, denn doppelte Arbeit macht keinem Spaß“, betont Raditsch, der seit 16 Jahren an der „Schnittstelle von Industrie und Academia“, wie er es nennt, arbeitet. Er studierte an der Universität Heidelberg und promovierte dann in Molekularbiologie am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung.

Danach zog es den Wissenschaftler in die Industrie zur BASF: Nach der Leitung von Forschungsgruppen und Managementaufgaben war er einige Jahre Leiter des Technology Management für angewandte Technologien bei einer BASF-Ausgründung.

Beim European Molecular Laboratory (EMBL) in Heidelberg baute er den Bereich Technologietransfer als stellvertretender Geschäftsführer mit auf; die InnovationLab GmbH, einer Public-Private-Technologietransfer- plattform, stand er sechs Jahre als Geschäftsführer vor.

Innovectis kannte er schon seit einigen Jahren, daher hat ihn die Aufgabe, die Nachfolge von Otmar Schöller als Geschäftsführer anzutreten, sehr gereizt: „Ich habe die Idee, eine Art Innovectis 2.0 aufzubauen“, sagt Raditsch: „Wir haben als 100-prozentige Tochter der Goethe-Universität natürlich den Auftrag, Technologie von der Universität in Richtung Wirtschaft und Gesellschaft zu transferieren, aber ich verstehe diesen Auftrag wesentlich umfassender, nämlich zugleich als Knowledge-, also Wissenstransfer.“

Das Fächerspektrum an der Goethe-Universität fasziniert Raditsch: „Wir haben viele geistes- und sozialwissenschaftliche Fachbereiche, die zwar keine Technologien, dafür aber jede Menge Wissen erzeugen.“ Eben um dieses Wissen geht es ihm, auch wenn das kleine Innovectis- Team um Raditsch und seine Stellvertreterin Dr. Kirsten Schilling sich zuerst einmal schwerpunktmäßig auf den Technologietransfer konzentrieren wird.

Gesellschaftlicher Auftrag

Innovectis leistet einen nicht unerheblichen Beitrag zur Grundfinanzierung der Goethe-Universität: rund 8 Millionen Euro an Technologietransfereinnahmen konnten generiert werden Und hier ist Raditsch überzeugt, dass abgesehen von den Rückflüssen bei den Schutzrechten noch höhere Gewinne generiert werden können, wenn die Universität es schafft, Erkenntnisse und Erfindungen nicht nur zu verkaufen, sondern sich an der Weiterentwicklung von Technologien aktiv zu beteiligen:

„Wir müssen jungen Wissenschaftlern in einem viel höheren Maße als bisher die Möglichkeit bieten, in Start-ups Technologien und Wissen zu veredeln.“ In enger Zusammenarbeit mit dem Unibator werde man daran arbeiten, die naturwissenschaftlich orientierte Gründerkultur an der Goethe-Uni zu stärken, so Raditsch.

Der Molekularbiologe betont zugleich aber auch den gesellschaftlichen Auftrag der Universität: „Technologietransfer bedeutet für mich nicht in erster Linie, dass damit Geld verdient werden muss. Jede Hochschule hat zuerst einmal die Verpflichtung, die Erkenntnisse und Erfindungen der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Erst durch das Wissen, das an der Universität geschaffen wird, wird unser heutiges Leben, das ganz maßgeblich auf avancierter Technik beruht, überhaupt möglich.“

Mit Patenten kreativ umgehen

Wissenschaft heißt: Die Forscher sind auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und publizieren anschließend ihre Ergebnisse. Dass aber ein weiterer Schritt hinzukommen kann, ja eigentlich auch muss, betont Kirsten Schilling: „Neben dem Publizieren ist das Patentieren von Erfindungen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Produkt.

Industriepartner setzen Technologien erst dann um, wenn sie durch Patente ein Alleinstellungsmerkmal erhalten.“ Viele Forscher sähen Schutzrechte aber recht kritisch, merkt Martin Raditsch an; da oft befürchtet wird, dass dadurch die Wissenschaft behindert oder Publikationen gar verhindert werden.

Innovectis steht jedoch dafür, parallel zur Publikation die Patentanmeldung einer Erfindung durchzuführen, so dass für die Wissenschaft und die Publikation kein Tag verloren geht. Ein Patent gebe dem Urheber zum einen die Sicherheit, dass sein geistiges Eigentum geschützt ist; zum anderen schließe das aber nicht aus, dass andere Forscher daraus etwas entwickeln können.

Innovectis will Forscher noch stärker dafür sensibilisieren, sich am Technologietransfer zu beteiligen. Raditsch nennt als Vorbild die beeindruckende Technologie- und Wissenslandschaft an der amerikanischen West Coast: „Dort tauschen sich die Forscher aus Academia und Industrie intensiv untereinander aus; ein Wechsel zwischen Universität und Industrie stellt keine Ausnahme dar.

In der Wertschöpfung sind die Amerikaner führend, weil viele Forscher die Bedeutung des Transfers von Technologie durch ständigen Kontakte mit der Industrie verinnerlicht haben.“ Ihm ist aber klar, dass die Third Mission, also die dritte Säule neben Forschung und Lehre, eine weitere Arbeitsbelastung darstellen kann.

Hier möchte Innovectis als Schnittstelle zwischen Academia und Industrie die Wissenschaftler entlasten: „Wir sind nicht einfach eine Patentverwertungsagentur. Wir arbeiten mit unseren Wissenschaftlern und versuchen Sie mit unserem Service soweit wie möglich zu entlasten.

Unser Know-how liegt in einer gewissen Mehrgleisigkeit begründet: Wir kennen uns in der Forschung ganz gut aus – die Disziplinen Biologie, Physik und Chemie decken wir bereits mit unserem kleinen Team ab. Wir sind aber auch mit Wissen rund um die Patentierung vertraut.

Darüber hinaus verfügen wir über ein gutes Netzwerk innerhalb der Forschungslandschaft und der Industrie, das wir fortlaufend erweitern.“ Neue Technologien bedürften aber nicht nur einer Vermarktung, sondern eines gesellschaftlichen Diskurses über die Notwendigkeit und die Grenzen ihres Einsatzes, betont Raditsch.

Ihn stört, dass viele Technologien daran gescheitert seien, dass nicht oder nur unzureichend über die gesellschaftliche Akzeptanz und ethische Aspekte ihrer Einführung diskutiert wurde. Eine Denkfabrik wie die Goethe-Universität, an der Naturwissenschaften, Lebenswissenschaften, aber eben auch Geistes- und Gesellschaftswissenschaften stark vertreten seien, sei genau der richtige Ort für die gesellschaftliche Verständigung über die Technologien der Zukunft.

Innovectis wurde 2000 als Tochterunternehmen der Goethe-Universität Frankfurt gegründet und agiert seitdem erfolgreich als Dienstleister beim Transfer von akademischem Know-how in die wirtschaftliche Praxis.

Das besondere Geschäftsmodell der Innovectis ermöglicht Wissenschaftlern und Unternehmen einen unbürokratischen und praxisgerechten Wissens- und Technologietransfer. So finden zahlreiche Fragestellungen aus der industriellen Forschung und Lehre eine Lösung durch die fachliche Expertise von Wissenschaftlern der Goethe-Universität.
» www.innovectis.de

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.