Das Universitätsklinikum Frankfurt und die Charité – Universitätsmedizin Berlin waren an einer internationalen Studie zur Behandlung von Erdnussallergien bei Kindern und Jugendlichen beteiligt. Die Ergebnisse wurden nun im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Die Erdnussallergie ist eine weit verbreitete Erkrankung im Kindesalter. So leiden in Europa circa 0,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter einer Erdnussallergie, in Australien circa 3 Prozent. Die Tendenz ist steigend. War z.B. 1997 nur eines von 250 USA-amerikanischen Kindern betroffen, so war es 2008 schon eines von 70. Eine Therapie gibt es nicht. Einzig die Vermeidung von Erdnüssen bietet Patienten aktuell Sicherheit. Und auch das wird zunehmend schwieriger, da in zahlreichen verarbeiteten Nahrungsmitteln eine Kontamination möglich ist und somit viele Nahrungsmittel einen „Spurenhinweis“ tragen. Isst ein Kind versehentlich Produkte, die Erdnuss enthalten, kann es zu einer allergischen Reaktion kommen, die lebensbedrohlich sein kann. Patienten sind daher angehalten, stets ihre Notfallmedikamente, insbesondere Adrenalin zur Injektion, bei sich zu tragen, sodass im Falle eines Schocks schnelle Hilfe geleistet werden kann.

Erfolge dringend nötig

Um diese prekäre Situation zu verbessern, wurde nun unter Beteiligung von 66 Zentren in Europa und Nordamerika eine Phase-3-Studie zu einer möglichen Immuntherapie von Erdnussallergien bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Die Ergebnisse wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift The New England Journal of Medicine veröffentlicht. Auch in Deutschland waren zwei Zentren beteiligt: die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Frankfurt unter der Studienleitung von PD Dr. Katharina Blümchen und Prof. Stefan Zielen und die Klinik für Pädiatrie der Charité – Universitätsmedizin Berlin unter der Leitung von Prof. Kirsten Beyer.

„Könnten Erdnussallergiker eine kleine Menge von Erdnuss tolerieren, wäre dies schon ein großer Erfolg für sie. Denn dann wäre die Gefahr eines allergischen Schocks bei versehentlichem Verzehr von Erdnüssen deutlich kleiner“, betont PD Dr. Katharina Blümchen.

Genau dies wurde nun mithilfe des neuen Medikaments AR101 in der aktuellen Studie geprüft.

Pulver soll Allergie bekämpfen

AR101 ist ein neu entwickeltes, von der Erdnuss stammendes Medikament, das täglich als Pulver in die Nahrung von Erdnussallergikern gemischt werden kann. Im Rahmen der Studie „Peanut Allergy Oral Immunotherapy Study of AR101 for Desensitization (PALISADE)“ wurden 496 Kinder mit Erdnussallergie im Alter von vier bis 17 Jahren aufgeteilt auf eine Gruppe, die das Medikament erhielt, und eine Placebogruppe.

Die Patienten bekamen in der sogenannten Steigerungsphase zunächst für circa sechs Monate aufsteigende Dosen des jeweiligen Mittels, um dann weitere sechs Monate täglich in der Erhaltungsphase via AR101 300 Milligramm Erdnussprotein zu sich zu nehmen, was einer Erdnuss entspricht. Am Anfang und am Ende der Studie wurde bei allen Teilnehmenden die Reaktion auf den Verzehr von Erdnussprotein in einer kontrollierten Provokation getestet.

Allergische Reaktion deutlich reduziert

Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend. Durch die Behandlung mit AR101 konnte bei den Teilnehmern eine sogenannte immunmodulatorische Wirkung herbeigeführt werden. Das bedeutet, dass es zu einer Anhebung der Reaktionsschwelle für allergische Symptome nach Erdnusskonsum kam. Zudem verminderte sich der Schweregrad der Symptome, falls es überhaupt zu allergischen Symptomen kam.

Zum Abschluss der Studie vertrugen 67 Prozent der Teilnehmer, die täglich das Medikament erhalten hatten, Erdnussprotein im Gegenwert von zwei Erdnüssen. In der Placebogruppe waren es nur vier Prozent. Die Hälfte der AR101-Gruppe vertrug sogar die höchste getestete Dosis von drei bis vier Erdnüssen, im Vergleich zu zwei Prozent der Placebogruppe. Vor Therapiestart vertrug kein Studienteilnehmer mehr als 30 Milligramm Erdnussprotein, also circa ein Zehntel einer Erdnuss. Außerdem konnte beobachtet werden, dass die Behandlung mit AR101 dazu führte, dass bei der Provokation am Ende der Studie weniger Adrenalin verabreicht werden musste.

Die Nebenwirkungen waren unter Behandlung gering. Vierzehn Prozent der Teilnehmer, die das Medikament erhielten, erlitten systemische allergische Nebenwirkungen. Und fast alle dieser Reaktionen wurden als mild oder moderat eingestuft.

Großer Schritt in Richtung einer erfolgreichen Therapie

Das Fazit der Studie fällt somit überaus positiv aus: Die orale Immuntherapie mit AR101 scheint die Häufigkeit und Schwere einer allergischen Reaktion auf Erdnüsse signifikant zu reduzieren. Das vermindert für Erdnussallergiker das Risiko einer schweren allergischen Reaktion, auch Anaphylaxie genannt, nach versehentlichem Genuss von Erdnüssen. „Diese Ergebnisse sind ein großer Schritt in die Richtung einer zugelassenen Behandlungsmöglichkeit für Erdnussallergiker“, schlussfolgert Prof. Kirsten Beyer. Die Einreichung der Zulassung dieses Medikaments bei der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) ist aktuell für Ende 2018 geplant, die Einreichung bei der europäischen Behörde (EMA) für die erste Jahreshälfte 2019.

Zeitgleich zu dieser Studie ist aktuell auch eine deutsche, multizentrische Studie zur oralen Immuntherapie bei 62 Kindern mit Erdnussallergie unter Führung von Prof. Beyer und PD Dr. Blümchen im „Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice“ veröffentlicht worden. Diese Forschungsarbeit zeigt sehr ähnliche Ergebnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit der oralen Immuntherapie wie die im New England Journal veröffentlichte Arbeit. Zusätzlich konnte diese Studie auch eine Verbesserung der Lebensqualität nach erfolgter oraler Immuntherapie aufzeigen. Somit stellt die orale Immuntherapie eventuell eine wirklich neue Therapieoption für Erdnussallergiker dar.

„Falls eine Genehmigung durch FDA und EMA erfolgt, existiert das erste zugelassene Medikament für diese Patientengruppe. Das könnte das Allergiemanagement und die Lebensqualität von Erdnussallergikern signifikant verbessern“, erklärt Prof. Beyer.

„Natürlich sind aber auch noch Fragen offen, die nun in Langzeitverlaufsstudien geklärt werden müssen“, ergänzt PD Dr. Blümchen. So ist zum Beispiel nicht klar, ob man dieses Medikament täglich lebenslang einnehmen sollte oder ob im Laufe der Jahre eine vollständige Toleranz erreicht werden kann, sodass Patienten gar nicht mehr auf Erdnuss reagieren.

Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Frankfurt