Exponentiell gewachsenes Medienangebot: Heute hat der „Bücherwurm“ viele andere Medien zur Auswahl. Carl Spitzweg, Der Bücherwurm (um 1850). Foto: Grohmann Museum/Wikimedia

Eine Disziplin, die wenig schillernde und einflussreiche Intellektuelle hervorbringe, sich dafür aber mit entlegenen Themen beschäftige und einer „hochgezüchteten“ Fachsprache fröne, die kein Außenstehender mehr verstehe; ein Fach, das massenhaft studiert und ebenso zahlreich abgebrochen werde; Studierende, die nur eingeschränkt motiviert und kompetent seien und einer ungewissen beruflichen Zukunft entgegentaumelten – SPIEGEL-Redakteur Martin Doerry, sinnigerweise selber studierter Germanist, hat im Februar in seinem viel beachteten SPIEGEL-Artikel nichts Geringeres als einen Rundumschlag gegen die Germanistik unternommen.

Zwar konzediert er einleitend, dass dem Fach nicht zum ersten Mal eine Krise diagnostiziert werde, aber gleichwohl sehe er genug aktuellen Anlass, um vor Ort den scheinbar hoffnungslosen Patienten zu besichtigen. Einer dieser Orte: die Goethe-Universität.

An »Wilhelm Meister« führt kein Weg vorbei

Der Frankfurter Germanist Prof. Heinz Drügh, der gemeinsam mit seiner Kollegin Prof. Susanne Komfort-Hein dem SPIEGEL- Redakteur Doerry bei der Recherche Rede und Antwort stand, ist ein bisschen enttäuscht, dass der Artikel fast nur altbekannte Klischees und Halbwahrheiten reproduziere:

Der differenzierte Blick auf das Fach sei im Artikel insgesamt unter den Teppich gekehrt worden. Dennoch will Drügh nichts beschönigen, Probleme des Fachs in keiner Weise in Abrede stellen. Er sieht mitunter durchaus Defizite bei seinen Studierenden, was die Eigenmotivation angeht, führt dies aber nicht zuletzt auch auf die Beschleunigung des Studiums im Zeichen von Bologna zurück.

„Wer hat denn heute noch die Zeit, sich im laufenden Seminarbetrieb mit richtig sperrigen Büchern zu beschäftigen? Dafür reicht die mit Credit Points ausgemessene Zeit nicht wirklich aus!“ Mit bildungsbürgerlichen Ermahnungen komme man angesichts dieser Situation nicht weit.

Dennoch gelte es stets aufs Neue, die Studierenden zu motivieren, sich mit der literarischen Tradition des Deutschen auseinanderzusetzen. Der Literaturprofessor, der in der Lehrerausbildung eine zentrale Aufgabe des Faches sieht, plädiert trotz vieler Turns und starker Argumente für eine allgemeine Literaturwissenschaft dafür, das nationalphilologische Profil der Germanistik nicht vorschnell zum alten Eisen zu werfen – natürlich jenseits jeder völkischen und nationalistischen Ausrichtung:

„Es geht darum, dass man die deutsche Literatur in ihren historischen und kulturellen Kontexten versteht.“ Die Lektüre solle natürlich offen sein für unterschiedlichste Anschlüsse. So erforscht und lehrt Drügh schon seit einigen Jahren die vergleichsweise ‚junge‘ Popliteratur, die sowohl von angelsächsischen als auch von medialen Einflüssen geprägt ist.

„Tradition und Pop – für mich kein Widerspruch.“ Dass Germanistik-Studierende schon im jugendlichen Alter ‚die Klassiker gelesen‘ haben, sei angesichts des exponentiell gewachsenen Medienangebots heute nicht mehr unbedingt wahrscheinlich. Die gesellschaftliche Rolle der Literatur habe sich geändert, sie sei heute nicht mehr das unangefochtene kulturelle Leitmedium.

Dennoch bleibe es das Ziel, die Studierenden ebenso methodisch wie literarhistorisch gut auszubilden. Und da gehörten epochale Werke wie Goethes „Wilhelm Meister“ ebenso hinzu wie die jüngsten Texte von Büchnerpreisträgern wie Marcel Beyer oder Rainald Goetz.

Wie und warum überhaupt Germanistik studieren?

Wie blicken aber die Frankfurter Studis auf ihr Fach, das so stark in die Kritik geraten ist? An der Goethe-Uni studierten im Wintersemester 2016/17 insgesamt über 3.000 Germanistik. Die Heterogenität der Studierenden hängt nicht nur mit der Größe des Faches, sondern auch mit den unterschiedlichen Abschlüssen zusammen.

Lehramt-, Bachelor- und Masterstudierende starten mit unterschiedlichem Kenntnissen, Interessen und beruflichen Perspektiven in das Fach. Mitunter kann man die thematische und strukturelle Offenheit des Faches auch mit dem recht konkreten Berufsziel Lehrer kombinieren, wie Marvin Baudisch erzählt:

Er hat sich, wie er offen zugibt, viel Zeit für sein Studium genommen und die Regelstudienzeit längst überschritten. „Ich habe viele Seminare aus eigenem Interesse besucht, mich auch in privat organisierten Lesegruppen engagiert“, erzählt er. Auf der Schule habe er sich bereits für Literatur interessiert, aber ihm reichte damals das Abiturwissen nicht.

Er wollte tiefer in die Materie eintauchen – das war der Hauptgrund, warum er sich dann für die Fächer Deutsch und Philosophie entschieden habe. Aus recht pragmatischen Gründen studiert Marvin auf Lehramt: „Das bietet mir mehrere berufliche Optionen.“ Wer Deutsch auf Lehramt studiert, ist vor allem an einer verbeamteten Lebenszeitstelle interessiert, so ein häufig bemühtes Klischee.

Dass das Berufsziel Lehrer aber eben auch über Interesse an Sprache und Literatur entstehen kann, betont Elena Imhof: Die Studentin möchte Förderschullehrerin werden. „Ich interessiere mich für die deutsche Sprache in all ihrer Komplexität“, sagt sie; sie lese sehr gerne, interessiere sich auch für Grammatik.

Ein fundiertes Wissen helfe ihr, ihren künftigen Schülerinnen und Schülern, die Probleme mit dem Sprachgebrauch haben, zu helfen. Im SPIEGEL-Artikel wird immer wieder das Bild der Germanistik als einer Art ‚„Resterampe“ evoziert: Wer gar nicht weiß, was er studieren soll, landet demnach dort.

Max Koch, Masterstudent der Germanistik, stört diese pejorative Beschreibung: „Die Frage ist doch: Wie schafft man es, die Studierenden zu motivieren oder ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, ein Fach zu finden, das besser zu ihnen passt?“ Max hatte sich zuerst für Deutsch auf Lehramt eingeschrieben, als er bei sich ein großes Interesse an der Beschäftigung mit Literatur feststellte, wechselte dann zum Bachelor.

Er schätzt die Offenheit des Masterstudienganges in Frankfurt, die es ihm erlaube, „auch mal den einen oder anderen Text zusätzlich zu lesen“. Sein Kommilitone Samuel Kramer hatte sich, wie er zugibt, zuerst testweise für Germanistik eingeschrieben. Der Bachelor-Student war sich anfangs unsicher, wie sich seine zahlreichen Interessen am besten in einem Fach unterbringen lassen.

So gesehen ist er mit der „inhaltlichen Offenheit“ des Fachs, wie er sagt, recht zufrieden. Der Stipendiat der Studienstiftung schätzt zudem Frankfurt als Stadt der Wissenschaft und der Verlage; er nutzt die vielseitigen Inspirationen und Anlaufpunkte, gerade auch für seine journalistischen Tätigkeiten.

Mehr Selbstbewusstsein vonnöten

Stellen aber Germanisten, vor allem jene, die nicht die Option haben, an die Schule zu gehen, eine Problemgruppe unter den Studis dar? Tun sie sich besonders schwer beim Einstieg in den Beruf? Doerrys Artikel vermittelt diese düstere Einschätzung.

Doch Maria Schüssler und Jens Blank vom Career Service an der Goethe-Uni können dies überhaupt nicht bestätigen: „Germanisten müssen sich leider oft für ihre Fächerwahl rechtfertigen. Dabei sind sie mit ihren kommunikativen Kompetenzen sehr gut gerüstet für die Anforderungen im heutigen Arbeitsmarkt“, betont Maria Schüssler.

Kommunikation könne eben nicht jeder, wie oft behauptet werde. Schüssler wünscht sich allerdings, dass sich Studis rechtzeitig über ihre Perspektiven und Kompetenzen im Klaren werden sollten. Dies treffe aber insgesamt auf Studierende und Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu.

Der Career Service der Goethe-Uni berät Studierende bei der Berufswahl und dem Übergang ins Berufsleben, bietet auch ein individuelles Karrierecoaching an. „Aber nur ein kleiner Teil kann kapazitätsbedingt partizipieren“, sagt ihr Kollege Jens Blank. Er bemängelt, dass Germanisten noch zu sehr an traditionelle Berufe im Journalismus oder Verlagswesen dächten.

„Da tut sich aber nicht mehr allzu viel. Hingegen werden beispielsweise im Bereich Public Relations weiterhin Leute gesucht, die gut darin sind, Informationen und Texte punktund adressatengenau aufzubereiten, gerade an einem Standort wie Frankfurt.“ In den Praxisvorträgen des Career Service im kommenden Sommersemester, erzählt Blank, spricht eine studierte Germanistin über ihre Tätigkeit für einen internationalen IT-Konzern.

Sie übt dort eine Tätigkeit als „Account Executive“ aus und agiert als Gesicht zum Kunden. Ich halte den Weg in dieses Berufsfeld für Germanisten durchaus für machbar“, betont Blank. Was sagt der Germanistik-Professor Drügh dazu, lohnt sich die Mühe der akademischen Lehre angesichts solcher doch zunehmend fachfremder Berufsperspektiven seiner Studierenden?

„Wenn Studierende am Ende ihres Studiums ein sensibleres und reflektierteres Verständnis der sprachlichen, literarästhetischen und kulturellen Traditionen des Deutschen haben und anschließend in den unterschiedlichsten Berufsfeldern tätig werden – dann ist das doch wohl ein Gewinn für die Gesellschaft.“

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.