Im Roman »Der abenteuerliche Simplicissismus Teutsch« von Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen wird bereits Kritik an der (Früh-)Moderne laut. Nicht allein kriegsbedingt gerät hier die Welt aus dem Lot: Die mittelalterliche Ordnung wird von einem neuen naturwissenschaftlichen Denken bedroht, das – so der Blick des Erzählers – die Welt als beliebig veränderbar und manipulierbar begreift und sie damit letztlich auch warenförmig zurichtet.

Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Der abenteuerliche Simplicissimus
Teutsch

Grimmelshausen gilt als der bedeutendste deutsche Prosadichter des Barock, sein bekanntestes Werk, Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch, erscheint im Jahre 1668, 20 Jahre nach Ende des 30-jährigen Krieges. Die Lektüre dieses Romans bietet auch dem heutigen Leser noch erstaunlich viel ›Unterhaltendes‹, selbst wenn man mit Normen und Konventionen der literarischen Produktion des Barock nicht vertraut ist – und auch viele Einblicke in die Mentalität des 17. Jahrhunderts. »Allegorie und Realismus schließen einander nicht aus«, bemerkt Volker Meid in seiner Einleitung (S. 31).

Ein Jahrhundert des Krieges »und« der Aufklärung

Das Opus magnum Grimmelshausens ist ein nahezu unerschöpflicher Quell von deftigen Abenteuern, witzig-skurrilen Begegnungen und märchenhaften Episoden, aber ebenso auch gespickt mit Gräueltaten aus dem 30-jährigen Krieg. Die zwischen 1618 und 1648 tobenden Kämpfe verwüsten weite Teile des deutschen Reiches und werfen es in seiner ökonomischen, politischen und kulturellen Entwicklung weit zurück. Man schätzt heute, dass in den 30 Jahren die deutsche Bevölkerung durch Krieg und Seuchen von 15 bis 17 Millionen auf 10 bis 11 Millionen zurückging (vgl. Volker Meid, Grimmelshausen, S. 26).

Als pikaresker oder Schelmen-Roman, gemäß der Poetik des 17. Jahrhunderts ein ›niederer‹ Roman, führt der Simplicissimus im Unterschied zum ritterlich-höfischen Roman die Unzulänglichkeiten einer aus den Fugen geratenen Welt vor Augen. Er verliert dabei allerdings die Idealität der Verhältnisse nicht aus dem Blick. Doch bietet die Lektüre des Simplicissimus weit mehr als den barocken Gegensatz von unerreichbarem Ideal und zu geißelnder Wirklichkeit. Denn zwischen mittelalterlicher Gebundenheit in Denken und Glauben und frühneuzeitlicher Vernunftsbehauptung hin- und hergerissen, tauchen in diesem erstaunlichen Erzählwerk epochale ökonomische und wissenschaftliche Veränderungen des 17. Jahrhunderts auf.

Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer blickt in seinem Buch Die andere Bildung folgendermaßen auf das 17. Jahrhundert: »Während die Politiker, Militärs und andere wissenschaftlich ungebildete Menschen mit brutalen Religionskriegen beschäftigt waren und Länder und Städte verwüsteten, wandelte sich das Denken in Europa grundlegend, und der Kontinent schlug einen Weg ein, der in den kommenden Jahrhunderten den Wohlstand hervorbringen sollte, den alle schätzten, die in den westlichen Breiten leben.« (Fischer, Die andere Bildung, S. 48) Die wissenschaftliche Entwicklung wird von Fischer als Fortschrittsgeschichte beschrieben, als rationales Korrektiv zum irrationalen Religionskrieg. Damit blendet Fischer einen gewichtigen Strang der abendländischen Philosophie-Geschichte aus, der unter Horkheimer und Adornos wirkmächtiger Formel einer Dialektik der Aufklärung schon lange diskutiert wird.

Sind die destruktiven Mechanismen der Aufklärung bereits im 17. Jahrhundert zu beobachten, liefert Grimmelshausen mit seinem vielschichtigen Roman eine Kritik der Moderne avant la lettre? Kann man Grimmelshausen als einen mahnenden Propheten sehen, der die Probleme einer sämtliche Lebensbereiche durchrationalisierenden Moderne bereits in der frühen Neuzeit antizipiert und beschrieben hat?

»Curiositas« – die (wissenschaftliche) Neugierde

Das Leben des Protagonisten Simplicius ist sowohl von einer Weltflucht als auch von einer Weltsucht geprägt – Letzteres manifestiert sich in Form einer besonderen Neugierde bezogen auf Dingwelt und Natur. Auf Augustinus zurück geht die ablehnende Haltung des Mittelalters gegenüber dem »Fürwitz«, der im Unterschied zur naiven Naturbegeisterung den Wahrnehmenden in einen Zustand versetzt, in dem er sein Erkenntnisvermögen geradezu selbstsüchtig genießt und das Betrachtete nur noch sekundäre Bedeutung hat.

Zwar bezichtigt sich Simplicius selbst, von der gefährlichen »Krankheit« (Simplicissimus, S. 363) der Curiositas heimgesucht zu sein. Doch nichtsdestotrotz erkundet er bisweilen ohne Skrupel die Natur und ihre Geheimnisse, dabei auch mit Hilfsmitteln wie einem Hörgerät und einem Fernrohr experimentierend. Mit dem Blick durch Letzteres, so Hans Joachim Störig in seiner Weltgeschichte der Wissenschaft, ist dann der »Rangunterschied zwischen der himmlischen Sphäre der ewigen Vollkommenheit und der irdischen der Veränderlichkeit […]« aufgehoben (Störig, S. 267).

Der »fürwitzige« Simplicius liest in der Natur aus einem diesseitigen Interesse: Selbst im sechsten Buch des Simplicissimus, der von Weltflucht geprägten Continuatio, gesteht Simplicius dem Leser, dass er sich an der Landschaft des Schwarzwaldes »delektiert« (S. 581), und ihm sein »Perspektiv« dabei gute Dienste leistet. Die im mittelalterlichen Denken noch unmetaphorisch benutzte Vorstellung von der Welt als Buch erfährt in der frühen Neuzeit eine Umwertung – im Buch der Natur zu lesen, heißt fortan, den innerweltlichen Prinzipien nachzugehen.

Dies zeigt sich auch anhand der Mummelsee-Episode im Simplicissimus. Aufgrund vieler Berichte über diesen See im Schwarzwald neugierig geworden, fühlt sich Simplicius regelrecht dazu getrieben, das märchenhafte Gewässer in seiner physischen Beschaffenheit zu untersuchen. Und dies, obwohl das Geheimnisvolle und Wunderbare des Mummelsees doch eine vorsichtigere und respektvollere Annäherung einforderte.

»Ich nahm oder maß die Länge und Breite des Wassers vermittelst der Geometriae […]« (S. 511)

Simplicius vermisst also den See, geht aber noch darüber hinaus, indem er experimentiert: Er wirft Steine in den See, um das Naturphänomen noch genauer zu bestimmen, um ihm sein Geheimnis zu entreißen. Damit stellt er aber auch eine Ordnung auf die Probe, denn er gefährdet die im See lebenden Wasserwesen, die »Sylphen«. Grimmelshausen kontrastiert hier die in einer stabilen Ordnung lebenden Wesen, die nach den menschlichen Eingriffen das Gleichgewicht in ihrem System wiederherstellen müssen, mit dem neugierigen Eindringling Simplicius, der sich quasi als Freizeit-Wissenschaftler betätigt und die Schwerkraft der Steine reduktionistisch zunutze macht.

Denn die Bedeutung der Steine erschöpft sich (in der Mummelsee- Allegorie) nicht in der Funktion von Messinstrumenten. Sie zerstören, wenn unachtsam in den See geworfen, in der Fabelwelt der Sylphen den Wasserkreislauf. Der sich über ein Naturwunder hinwegsetzende Mensch zwingt hier der Natur seine eigenen Kategorien und Maßstäbe auf.

Schein und Sein

Die drei Grundtugenden: »Sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden und beständig verbleiben «, die Simplicius von seinem Erzieher, einem christlich-asketisch lebenden Eremiten, übernimmt, bilden zugleich eine Kontrastfolie des satirischen Erzählens, um das Scheinhafte, das Mehr-Sein-Wollen der Gesellschaft, zu demaskieren. Bereits in der einleitenden Passage des Romans wird auf die Unart vieler Personen einfacher Herkunft verwiesen, die durch ein ansehnliches Äußeres »rittermäßige Herren und adeliche Personen von uraltem Geschlecht sein wollen« (S. 47).

Neben der Vanitas, der Eitelkeit der Welt, wird als weiteres menschliches Laster die Völlerei (lateinisch Gula) beschrieben. Die Hanauer Gesellschaft, so muss der noch junge Simplicius feststellen, frönt dem Überfluss, während in anderen Städten und Regionen des Reiches, wie in der benachbarten Wetterau, der Hunger regiert, und verliert dabei jegliches Maß: »Ich sahe einmal, daß diese Gäst die Trachten fraßen wie die Säu, darauf soffen wie die Kühe, sich darbei stellten wie die Esel, und alle endlich kotzten wie die Gerberhund. […] [V]erständige Leut, die kurz zuvor ihre fünf Sinn noch gesund beieinander gehabt, wie sie jetzt urplötzlich anfiengen närrisch zu tun und die alberste Ding von der Welt vorzubringen […]« (Simplicissimus, S. 132).

Diese Maßlosigkeit wird von einem Vertreter der Hanauer Gesellschaft sogar noch verteidigt, sei doch der Mensch im Unterschied zum Tier in der Lage, auch ohne physische Notwendigkeit zu konsumieren: »[E]in Vieh säuft nur so viel als ihm wohl schmecket und den Durst lescht, weil sie nicht wissen, was gut ist, noch den Wein trinken mögen; uns Menschen aber beliebt, daß wir uns den Trunk zunutz machen […].« (S. 136) Serviert werden der Hanauer Gesellschaft zudem Gerichte, die durch »tausendfältige künstliche Zubereitungen und ohnbezahlbare Zusätze dermaßen verpfeffert, überdummelt, vermummet, mixtiert und zum Trunk gerüstet waren, daß sie durch solche zufällige Sachen und Gewürz mit ihrer Substanz sich weit anders verändert hatten, als sie die Natur anfänglich hervorgebracht […].« (S. 131/132)

An dieser Stelle spricht der Erzähler selber vom Verlust der Substanz. Diesen für das mittelalterlichscholastische Denken zentralen Begriff nimmt der Literaturwissenschaftler Friedrich Gaede zum Ausgangspunkt seiner Interpretation des Simplicissimus: »Substanz bedeutet als das allem zugrundeliegende Wesen eines Dinges sein Beharrendes oder Bleibendes im Gegensatz zu den sich verändernden Zuständen oder Eigenschaften, den Akzidentien.« (Gaede, S. 32)

Mithilfe des Substanzbegriffes, der sich vom Begriff Gottes als der »höchsten Substanz und Einheit« (Gaede, S. 33) ableitet, kann die Welt noch als geistig geordnet begriffen werden. Im Simplicissimus deutet sich nun nach Friedrich Gaede an, dass die Vorstellung einer festgefügten Ordnung brüchig zu werden beginnt. Denn Vertreter der zeitgenössischen Philosophie (Descartes) und der Naturwissenschaft (Galileo Galilei) bestreiten den scholastischen Begriff der Substanz.

Als Befürworter des sinnlich Konkreten, man könnte auch sagen: des Einzelnen, können die Vertreter des frühneuzeitlichen Denkens mit dem Konzept eines sinnlich gerade nicht wahrnehmbaren Ganzen nichts mehr anfangen. René Descartes geht von der grundsätzlichen Wandelbarkeit der Dingwelt aus, verortet die Substanz dabei nicht mehr im Objekt, sondern in der Urteilsfähigkeit des Subjekts. Die Trennung von Subjekt und Objekt unterzieht den Naturbegriff einer massiven Veränderung:

Der Mensch gerät in Opposition zur Natur und kann fortan diese nach seinem Willen gestalten. Gaede kommt zu dem folgenreichen Schluss, gerade auch im Hinblick auf die bereits beschriebenen Auflösungserscheinungen moralisch-ethischer Prinzipien: »Die durch den Verlust des substantiellen Denkens bewirkte Grundlosigkeit alles Gegebenen ist deshalb der Preis, der für den naturwissenschaftlichen Fortschritt im 17. Jahrhundert gezahlt wird.« (Gaede, S. 33)

Hans Joachim Störig, wenngleich nicht vom Substanzbegriff ausgehend, sondern vor allem mit Blick auf Galileis mechanistisch-mathematisches Denken, konstatiert eine ähnliche Doppelgesichtigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts: »In dem mittelalterlichen, alles in eine Einheit bindenden Bild der Welt war Platz für eine unendliche Mannigfaltigkeit von Zwecken, Handlungen, Kreaturen – sobald diese Einheit zerstört ist, beginnt die Welt einen Zug der Uniformität anzunehmen.« (Störig, S. 268)

Vom Wesen zur Ware

Die zerstörerische Kraft des mechanistischmathematischen Denkens zeigt sich auf besonders anschauliche Weise in der sogenannten »Schermesser-Episode«. Dabei handelt es sich um eine Allegorie, in der ein unbelebter Gegenstand, ein Bogen Papier, eine eigene Seele, Geschichte und Wahrnehmungsfähigkeit aufweist. Sein bewegtes »Leben«, das ihn schließlich in eine isolierte Position bringt, macht ihn gewissermaßen zum Alter Ego des Helden Simplicius. Dieser sucht in der Episode eine Toilette auf, wo ihm das »Schermesser« seine leidvolle Geschichte von Ausbeutung und Auslöschung erzählt und darauf hofft, dass sein Zuhörer davon absieht, es als Klopapier zu missbrauchen.

Als Samen auf die Welt gekommen, erträumt sich die Kreatur anfänglich noch eine Zukunft als »fruchtbarer Vermehrer [s]eines Geschlechts« (S. 628). Doch stattdessen gerät sie in einen schier unendlichen Verwertungsprozess einer bereits arbeitsteiligen Gesellschaft, an dem Bauern, Handwerker und Händler mitverdienen. »Anatomiert«, »gemartert«, »in der Mitten voneinander gerissen«, »geklopft« und »gehechelt « (S. 632) mutiert der Hanfsamen zur bloßen Materie, die gemäß der Verwertungslogik beliebig in ihre Bestandteile zerlegt, synthetisiert, benutzt und anschließend wieder weiterverwertet werden kann.

Zum einen wird in der Schermesser-Episode die frühkapitalistische Ökonomie implizit kritisiert – der Grund für die unzähligen Metamorphosen des Hanfsamens liegt im Mehrwert- Prinzip der aufstrebenden Geldwirtschaft, das vom Erzähler auch aus moralisch-religiöser Verurteilung des Geizes und der Habgier (lateinisch Avaritia) abgelehnt wird.

Dass die Natur hier in ihrem proteischen, schier unendlich wandel- und manipulierbaren Charakter vorgeführt wird, ist aber zum anderen auch ein Reflex auf den bereits skizzierten Substanzverlust im Übergang von einem mittelalterlich- scholastischen Weltbild zu einem frühneuzeitlich-naturwissenschaftlichen: »Während der neue Empirismus die Naturwissenschaftler wie Galilei bewusst von der Frage nach substantiellen Formen absehen lässt und die Erkenntnis der empirisch feststellbaren Einzelmerkmale dagegensetzt, macht Grimmelshausen den Substanzverlust der Dinge zu deren Leiderfahrung und die Abstraktionskritik zum Dauermotiv. Das Werk des Dichters erscheint so als kritische Gegenposition und komplementäre Ergänzung zur neuen Wissenschaft des 17. Jahrhunderts und deren philosophischer Begründung.« (Gaede, Substanzverlust, S. 81)

Literatur: Hans Jacob Cristoph von Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Einleitung von Volker Meid, Stuttgart: 1961/1986 (= Reclam Universal-Bibliothek Nr. 761) / Ernst Peter Fischer, Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, 1. Auflage, Berlin 2003. / Friedrich Gaede, Substanzverlust. Grimmelshausens Kritik der Moderne, Tübingen 1989. / Volker Meid, Grimmelshausen. Epoche – Werk – Wirkung, München 1984. / Hans Joachim Störig, Weltgeschichte der Wissenschaft, Bd. 1, Augsburg 1992.

web_dfDer Autor

Dr. Dirk Frank, 49, ist seit 2012 Pressereferent an der Goethe-Universität. Der Literaturwissenschaftler hat in seinem Studium in einem Seminar zum 30-jährigen Krieg beim Essener Frühneuzeitforscher Prof. Dr. Paul Münch sein großes Interesse an pikaresken und Schelmen-Figuren entdeckt.

frank@pvw.uni-frankfurt.de