Persönliches Feedback bei Vorlesungen mit Hunderten Studierenden erscheint bisher utopisch – auch nach dem Digitalisierungsschub in der Coronakrise.
(Foto: Matej Kastelic/shutterstock)

Persönliches Feedback bei Vorlesungen mit Hunderten Studierenden erscheint bisher utopisch – auch nach dem Digitalisierungsschub in Corona-Zeiten. Tools aus dem Forschungsgebiet der „Learning Analytics“ könnten das bald ändern. Ein Beitrag über die Arbeit von Prof. Dr. Hendrik Drachsler vom Forschungsbereich „Educational Technologies“ in der jüngsten Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ legt dar, wie das funktionieren könnte. Das Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität hat diesmal das Schwerpunktthema „Wir in der digitalen Welt“.

Für eine digitale Rückmeldung zum Lernprozess verwendet Drachslers Forschungsrichtung „Learning Analytics“ (LA) die Prozessdaten, die die Studierenden bei jedem Zugriff auf einem Computersystem hinterlassen. Diese Logdateien gleichen Spuren im Hintergrund, die aussagekräftige und auswertbare Informationen enthalten. Das sind neben Aktivität, Datum und Uhrzeit auch inhaltliche Angaben, die mit einer entsprechenden Software ausgewertet werden können. Ein vergleichbares Beispiel für eine solche Datenanalyse ist der Flugschreiber, dessen Auswertung nach einem Unfall Rückschlüsse auf die Abläufe im Cockpit zulässt.

Hendrik Drachsler ist Professor an der Goethe-Universität und zugleich Leiter der Forschungsgruppe Educational Technologies und Learning Analytics am DIPF (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung).
(Foto: Jonathan Vos Photography)

Eine häufig im Lehrbereich verwendete Plattform ist beispielsweise „moodle“. Dort hinterlassen Schüler oder Studierende mit jeder Aktion – Downloads, Posts, Fragen oder Nachrichten – ihre Logdaten und damit auswertbare Informationen. „Diese Daten dürfen wir nutzen, solange sie anonym sind“, erklärt Drachsler den datenschutzrechtlichen Hintergrund. Häufig sei es aber sinnvoll, eine Einwilligung zu erbitten, um auch eine persönliche Analyse und damit personalisierte Hilfestellungen zu ermöglichen.

Lernen in zehn oder zwanzig Jahren wird ein Umdenken erfordern, ist sich der Informatiker sicher: „Wir müssen uns von einer Assessment-Kultur, also vom Hochleistungsdenken, zu einer Feedback-Kultur weiterentwickeln.“ So könne viel früher eingegriffen und Frust und zielloses Pauken vermieden werden. Die Hochschulen seien prädestiniert, hier voranzugehen. In den Schulen seien LA-Anwendungen auch aufgrund der sensitiven Daten von Minderjährigen problematisch.

Damit auch die Datensicherheit ausreichend Beachtung findet, prägte Drachslers Arbeitsgruppe den Begriff „Trusted Learning Analytics“. Zusammen mit der TU Darmstadt hat seine Arbeitsgruppe einen Verhaltenskodex für Universitäten erstellt. „Es ist uns ganz wichtig, dass wir hier nicht ‚big brother‘ spielen, sondern die Studierenden unterstützen.“ Die entsprechenden Anwendungen sollten als Open Source und Open Educational Ressource öffentlich zur Verfügung stehen. Denn vieles auf dem Digitalmarkt sei schon fest in der Hand der großen US-Konzerne – wie etwa die Tools zur Spracherkennung. „Damit wandern viele Daten aus dem Bildungsbereich zu privaten Firmen ab“, warnt Drachsler und fordert kontrollierte EU-eigene Server und die notwendigen Fördermittel für den Aufbau unabhängiger europäischer Systeme und Plattformen.

Den Beitrag »Ein ,Flugschreiber‘ für besseres Lernen« von Anja Störiko können Sie hier (PDF) lesen.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (1/2020) zum Thema »Wir in der digitalen Welt – Chancen Risiken Nebenwirkungen« im Web unter: www.forschung-frankfurt.de.
Unter www.aktuelles.uni-frankfurt.de/forschung-frankfurt-englisch finden Sie außerdem ausgewählte Beiträge in englischer Übersetzung.