Reger Gedankenaustausch: Bei den beiden Workshops zur Konturierung des Forschungsprofils der Goethe-Universität haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Fächergrenzen hinweg miteinander diskutiert.

Profilbildungsprozess ist in vollem Gange – Zwei Workshops arbeiten Forschungsfelder der Goethe-Universität heraus.

Es ist etwas in Gang gekommen an der Goethe-Universität, ein allgemeines Nachdenken und Diskutieren über die Frage: Wofür wollen wir stehen? Was sind eigentlich die Stärken der Forschung an unserer Uni? Ausgelöst wurde das durch den Profilbildungsprozess, der an vielen Stellen spürbar ist – auch für die bislang nicht direkt beteiligten Mitglieder der Hochschule.

Die jüngste systematische Beschreibung des Forschungsprofils liegt acht Jahre zurück, ist also längst nicht mehr aktuell. Deshalb hat das Präsidium im Herbst 2018 einen Prozess zur Konturierung des Forschungsprofils auf den Weg gebracht. „Wir wollen und müssen uns im Bereich Forschung stärker strategisch ausrichten“, sagt Prof. Simone Fulda.

„Unser Ziel ist es, die Forschungsstärke der Goethe-Universität deutlich auszubauen, um bis 2030 zu den TOP-10-Universitäten Deutschlands zu gehören.“ Als für Forschung und akademische Infrastrukturen zuständige Vizepräsidentin liegt bei ihr die Federführung des Prozesses. Unterstützt wird sie von der Abteilung Forschung und Nachwuchs – hier ist vor allem Regine Leitenstern mit dem Projekt befasst – und Dr. Kerstin Schulmeyer, die den Präsidialbereich leitet.

STIMMEN ZUM WORKSHOP:
Prof. Dr. Vinzenz Hediger, Filmwissenschaftler: »Zwei Dinge finde ich sehr positiv: Die starke Betonung der Bottomup- Komponente gibt uns Professoren und Professorinnen das Gefühl, dass es eine Rolle spielt, was wir beizutragen haben, dass nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden wird. Und zum zweiten hat das Ganze einen Impuls gesetzt: Die Geisteswissenschaften überlegen nun gemeinsam, wo ihre Stärken sind. Wir sind ja in diesem Bereich die viertstärkste Universität in Deutschland, 25 Prozent der Drittmittel der Goethe-Uni fließen in unsere Fächer. Und doch haben wir immer das Gefühl, aus der Defensive heraus zu argumentieren. Das liegt daran, dass man Forschungsstärke in den Geisteswissenschaften nicht so gut messen kann. Natürlich gibt es immer noch das Gerücht, das Präsidium mache am Ende doch, was es will. Aber ich finde es sehr positiv, wie viel Diskussion hier stattfindet. Ich gehe davon aus, dass mindestens ein Profilfeld in den Geisteswissenschaften angesiedelt sein wird.«

Wettbewerb und Selbstverständnis

Wofür braucht die Goethe-Universität überhaupt ein Forschungsprofil? „Das moderne Wissenschaftssystem fragt danach, aus welchen Perspektiven eine Universität sich das ständig wachsende Wissen erschließt bzw. nach den Feldern, die sie im Wissenschaftssystem international sichtbar bearbeitet“, erklärt Fulda.

Schließlich befinde man sich im Wettbewerb mit anderen Unis – nicht zuletzt bei der Verteilung von Mitteln. Aber es geht nicht nur um Außenwirkung, sondern auch um das Selbstverständnis der Hochschule, um gemeinsame Forschungsfragen, um Schnittmengen und thematische Berührungspunkte unterschiedlicher Fächer und darum, wo Entwicklungspotenziale sind. Das Profil soll dabei helfen, dass Forschungsaktivitäten besser vernetzt werden.

Auch bei der strategischen Abstimmung von Forschungsverbünden soll das Profil Berücksichtigung finden, etwa in den Strategievereinbarungen zwischen Präsidium und Fachbereichen. Es kann zudem ein Orientierungsrahmen bei der Unterstützung von Forschungsvorhaben sein. „Und natürlich wird der Profilbildungsprozess Eingang finden in den Hochschulentwicklungsplan (HEP), an dem derzeit in unterschiedlichen Arbeitsgruppen gearbeitet wird“, sagt Fulda.

Schematische Darstellung für ein Forschungsprofil der Goethe-Universität

Am Ende des Prozesses sollen bis zu fünf Profilbereiche erkennbar werden; sie gehen hervor aus der Zusammenschau von Forschungsschwerpunkten und Potenzialfeldern sowie von herausragender Einzelforschung, die in thematischer oder methodischer Nähe zueinander stehen. Unter anderem die individuelle Forschung stelle die Dynamik des universitären Forschungsprofils sicher und sei deshalb unerlässlich für wissenschaftliche Entwicklung als solche.

Nichts sei auf Ewigkeit in Stein gemeißelt. Vielmehr handele es sich um einen fortlaufenden Prozess, der dynamisch bleiben wird. Das verdeutlicht auch die organisch anmutende Illustration, die die Idee eines dynamischen Forschungsprofils darzustellen versucht.

STIMMEN ZUM WORKSHOP:
Prof. Dr. Rainer Forst, Politischer Philosoph: »Als Sprecher der Normativen Ordnungen und Mitglied des Forschungsrats war ich früh in den Prozess eingebunden. In einer Zeit, da Universitäten ihre Stärken auf Begriffe bringen müssen, die einen starken Wiedererkennungswert haben, sehe ich es als eine Notwendigkeit an, dass wir uns über unser Forschungsprofil Gedanken machen. Angesichts der Größe und Vielfalt der Goethe-Universität ist es allerdings kein leichtes Unterfangen. Aber schon jetzt habe ich den Eindruck, dass sich durch die Diskussion neue Perspektiven ergeben haben, dass man viel darüber erfährt, was andere machen, die man nicht auf dem Schirm hatte. Im ersten Workshop haben sich viele interessante Gespräche ergeben, man hat über einige Tellerränder geschaut, und auch im Nachgang kam es zu einigen interessanten Treffen. Wir wollen den bisherigen Exzellenzcluster ja durch die Einbeziehung neuer Leute und mit neuen Themen fortentwickeln und werden uns auf alle Fälle einbringen.«

Bottom-up, Top-down plus externe wissenschaftliche Expertise

Auf keinen Fall soll das Profilbild „von oben“ verordnet werden, das ist der Vizepräsidentin besonders wichtig. Die Impulse und Ideen zur Profilbildung sollen zu einem erheblichen Anteil von den Forschenden an der Uni selbst kommen. „Der Prozess hat drei Komponenten: Bottom-up, Top-down und externer Blick“, erläutert die Vizepräsidentin.

„Das heißt, es ist ein partizipatives, vom Präsidium geleitetes Verfahren, in das auch externe wissenschaftliche Expertise einfließt.“ Die Unileitung werde die Ergebnisse am Ende zusammenfassen und gewichten, bevor sie in Abstimmung mit den relevanten Gremien eine Entscheidung treffen wird. Zur organisatorischen Unterstützung wurde die Agentur rheform ins Boot geholt. „rheform hat bereits mehrere andere Hochschulen bei strategischen Prozessen begleitet, die die Forschung betreffen, zum Beispiel das Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Dabei hat sich die Agentur bewährt“, begründet Schulmeyer diese Wahl. Der Organisationssoziologe Lars Winter von rheform habe einen „umfassenden und differenzierten Begriff von Universität“. Wobei, so betont Schulmeyer, seine Beratungstätigkeit sich auf die Gestaltung des Prozesses beziehe, nicht auf wissenschaftliche Inhalte. Um möglichst viele für das Projekt zu gewinnen, ist Fulda unermüdlich im Einsatz.

Senat, Präsidium, Dekane- und Forschungsdekanerunde werden fortwährend über den Stand der Dinge informiert. Auch einzelne Fachbereiche hat Fulda besucht, insbesondere diejenigen, bei denen zuvor bei der Diskussion in den Gremien ein erhöhter Gesprächsbedarf erkennbar war. „Wo Verbundforschung nicht denselben Stellenwert hat wie in den Naturwissenschaften oder in der Medizin, gibt es die Befürchtung, nicht gleichermaßen sichtbar zu werden“, habe sie wahrgenommen.

Ihr sei jedoch bewusst, dass es unterschiedliche Forschungskulturen in den verschiedenen Disziplinen gebe, die es zu berücksichtigen gelte. Der konkrete Ablauf des Konturierungsprozesses ist mehrstufig. Im April wurden knapp 80 Professorinnen und Professoren aus allen Fachbereichen zu einem ersten Workshop eingeladen, um in die Debatte einzusteigen; teilnehmen konnten schließlich 55.

Eingeladen worden waren vor allem solche Wissenschaftler, die als Leiter eines Verbundprojekts oder herausragende Einzelforscher ihre Expertise gezeigt haben. Auch Forschungsdekane und Mitglieder aus dem Senat waren unter den Teilnehmern; und insgesamt wurde darauf geachtet, dass die Forschungsvielfalt der Goethe-Universität abgebildet wurde.

STIMMEN ZUM WORKSHOP
Prof. Dr. Joachim Curtius, Atmosphären- und Umweltforscher: »Das ist ein sehr wichtiger Prozess, aber durchaus auch schwierig. Natürlich kann man nicht alle 650 Profs der Uni einbeziehen, aber man muss verhindern, dass es zu Verunsicherung und Frustration kommt. Das ist meiner Meinung nach ganz gut gelungen. Das Beste an dem ersten Workshop war, da bin ich mir mit Kollegin Petra Döll einig: Wir haben über den Fachbereich hinaus viele Kontakte geknüpft. Solche Möglichkeiten des Kennenlernens sind viel zu selten. Nach dem Workshop haben wir spontan beschlossen, im Herbst eine fächerübergreifende Veranstaltung zum Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit zu machen. Die Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften allein reichen ja nicht, für die Umsetzung brauchen wir die Forschung von Politologen, Psychologen, Ökonomen, Soziologen und Juristen. Das haben wir jetzt mal angestoßen, mal schauen, was daraus wird.«

Mehr Interdisziplinarität gab es selten

In mehreren Arbeitsrunden versuchten die Workshop-Teilnehmer, übergreifende Forschungsthemen der Goethe-Universität zu identifizieren, sowohl die bereits vorhandenen Schwerpunkte als auch etwaige sich erst im (inter- und transdisziplinären) Dialog entwickelnde Forschungsperspektiven. Selten dürfte so offen zwischen Vertretern aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Archäologie und Medizin, Linguistik und Informatik diskutiert worden sein.

An Stellwänden wurden die Beiträge gesammelt, geclustert, Querverbindungen hergestellt. Die im Auftaktworkshop begonnenen Diskussionen gingen am 1. Juli in einem zweiten Workshop weiter, zu dem weitere Forscherinnen und Forscher aus der Goethe-Uni eingeladen waren. In der Zeit zwischen den beiden Workshops war das Team um Simone Fulda nicht untätig: Im Nachgang wurden die Diskussionsbeiträge nochmal systematisiert, dabei größere Forschungsfelder ermittelt, die zugleich mit aktuellen Forschungsprojekten und herausragender Einzelforschung hinterlegt wurden, sagt Regine Leitenstern.

Diese Forschungsfelder sind im zweiten Workshop auf Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken hin abgeklopft worden. Der Vizepräsidentin liegt viel an einem transparenten Prozess. Daher kann sich die Hochschulöffentlichkeit im Intranet unter http://www.uni-frankfurt.de/Forschungsprofil über den aktuellen Stand informieren.

Auch die Perspektive externer Frankfurter Forschungspartner soll berücksichtigt werden. Hierfür befragen Schulmeyer, Leitenstern und Winter Leitungspersonen außeruniversitärer Forschungsinstitute in strukturierten Interviews; die Ergebnisse sollen in den Prozess einfließen. Wofür die Goethe-Uni aus ihrer Sicht stehe und welche Kooperationsmöglichkeiten bestünden, wurde u. a. gefragt.

„Schon die erste Durchsicht zeigt, welches enorme Forschungspotenzial hier in Frankfurt versammelt ist, das noch nicht ausgeschöpft ist. Das wollen wir zukünftig noch besser strategisch nutzen, um exzellente Forschung zu befördern“, folgert Simone Fulda. Die Freude über diesen produktiven Prozess, der schon nach dem ersten Workshop zur Bildung neuer Arbeitsgruppen geführt hat, ist ihr anzumerken.

Autorin: Anke Sauter

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.19 des UniReport erschienen.