Prof. Matthias Jahn, Rechtswissenschaftler und Vorsitzender der Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten an der Goethe-Universität, zu den Enthüllungen über Scheinwissenschaft und Raubverleger – und wie Präventionsmaßnahmen weiter verbessert werden können.

Die Machenschaften einer Scheinwissenschaftsindustrie wurden Mitte Juli vom Rechercheverbund NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung enthüllt. Die Journalisten berichten über Pseudoverlage, die Wissenschaftlern gegen Bezahlung und ohne Inhaltsprüfung nach wissenschaftlichen Standards die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen binnen Tagen ermöglichen. Demnach haben auch mehr als 5000 deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – wissentlich oder unwissend – in den vergangenen Jahren in scheinwissenschaftlichen Zeitschriften publiziert oder auf Pseudo-Fachkonferenzen gesprochen. [Mehr zum Thema zum Beispiel hier auf sueddeutsche.de]

Herr Professor Jahn, „Fake News“ sorgen schon länger für gezielte Desinformation; nun untergraben „Raubverleger“ noch zusätzlich die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Welche Dimension hat dieses Phänomen Ihrer Einschätzung nach? 

Man muss bei der Frage eine quantitative und eine qualitative Dimension unterscheiden. Was die Goethe-Universität betrifft, haben wir rund 600 Professorinnen und Professoren und derzeit – aufgedeckt durch das Recherchenetzwerk – etwa ein Dutzend Verdachtsfälle. Quantitativ reden wir also derzeit über zwei Prozent der hauptberuflich tätigen Kolleginnen und Kollegen, die in irgendeinem Zusammenhang mit den so genannten Raubverlegern, vor allem also OMICS und WASET, stehen könnten.
Die qualitative Dimension geht viel tiefer, weil das Raubverlags-Phänomen das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Wissenschaftsbetrieb untergräbt. Uns ist es deshalb wichtig, das Thema aktiv anzugehen und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Dabei muss aber auch gesehen werden, dass nicht nur auch bei uns Professoren mit Raubverlagen zusammengewirkt haben, sondern dass die Goethe-Universität auch selbst als Geschädigte betroffen sein kann. Es ist derzeit nicht auszuschließen, dass öffentliche Gelder zweckwidrig eingesetzt wurden, um Fake-Publikationen mitzufinanzieren oder Reisen zu Schein-Konferenzen zu unternehmen.
Wir sollten also den Journalisten dankbar dafür sein, dass sie ein Bewusstsein dafür geschaffen haben, dass hier in den letzten Jahren eine scheinwissenschaftliche Schattenwirtschaft entstanden ist.

Wie hat die Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten reagiert, als sie von den Verdachtsfällen erfahren hat? 

Die Universität hat vom Rechercheverbund des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung eine Liste mit URLs zur Verfügung gestellt bekommen, auf der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Goethe-Universität genannt werden. Wir haben uns als Kommission umgehend ein erstes Bild davon gemacht, inwieweit es sich tatsächlich um wissenschaftliches Fehlverhalten handeln könnte. Aktuell gehen wir davon aus, dies in einzelnen Fällen nicht ausschließen zu können. Deshalb haben wir die betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgefordert, zu dem Vorgang Stellung zu nehmen – und zwar unter voller Wahrung der Unschuldsvermutung. Tatsächlich wissen wir mittlerweile von zwei Frankfurter Wissenschaftlern, die ohne eigenes Zutun auf einer Raubverleger-Homepage genannt werden. Ich kann das deshalb so genau sagen, weil ich einer von beiden bin: erst durch Recherchen des Hessischen Rundfunks habe ich erfahren, dass mein Name ohne jegliches Zutun auf einer dieser Internetseiten gelistet war. Beim zweiten Fall handelte es sich um eine sehr renommierte Kollegin aus den Wirtschaftswissenschaften, bei der genauso – ebenfalls ohne ihr Einverständnis – Inhalte der Universitätshomepage einfach ins Englische übersetzt und auf die Raubverleger-Website kopiert wurden. Dieses Vorgehen gehört, wie wir jetzt aus der Süddeutschen Zeitung wissen, zu den üblichen Praktiken der Raubverleger, die dadurch ihren Angeboten eine Scheinseriosität verleihen. Das Justitiariat hat umgehend reagiert und den betroffenen Anbieter zur Löschung aufgefordert. Kurz danach waren die Einträge kommentarlos entfernt – nach dem Motto, „man kann’s ja mal versuchen“. Nach allem, was wir bisher erfahren haben, scheinen wir es teilweise mit organisierter Wissenschaftskriminalität zu tun zu haben. Einige Raubverleger sind weltweit operierende Unternehmen, bei denen nie ganz klar ist, unter welcher Jurisdiktion man rechtlich gegen sie vorgehen kann – das macht es so schwer, an den richtigen Daumenschrauben zu drehen.

Der amerikanische Bibliothekar Jeffrey Beall führt eine Liste mit Raubverlegern. Ein geeignetes Mittel, um weitere Fake-Veröffentlichungen zu verhindern? 

Hierzulande eher nicht. Zum einen ist nach dem Hase-Igel-Prinzip eine neue Seite schnell online gestellt, weil diese Journals nicht mit realen Wissenschaftsstrukturen hinterlegt sind, sondern nur mit einer Imitation von Peer Review. Zum anderen dürfte es Konstellationen geben, bei denen Wissenschaftler zumindest im Wiederholungsfall erkennen mussten, dass eine Publikation oder Tagungsteilnahme offensichtlich nicht wissenschaftsadäquat ist – zumal wenn verhältnismäßig viel Geld fließt und weitere verdächtige Umstände im Raum stehen. Diesen Missbrauch kann man mit Listen nicht verhindern. Ich glaube also nicht, dass wir bei der Prävention auf Black Lists setzen sollten. Es gehört zur rechtlich eingehegten Freiheit jedes Wissenschaftlers, grundsätzlich alleinverantwortlich darüber entscheiden zu können, ob er etwas publiziert, wie er es publiziert und auch wo er es publiziert: In welchem Journal bringe ich mein Paper unter, in welchem Zusammenhang kann meine Publikation am besten Wirkung entfalten? Das kann, abgesehen von offensichtlichen Missbrauchsfällen, im Einzelfall grundsätzlich nur der Wissenschaftler entscheiden.

In der Berichterstattung zum Thema „Fake Science“ wird auch der hohe Publikationsdruck als wesentlicher Faktor für die Bereitschaft, in unseriösen Journalen zu veröffentlichen, genannt. Eine berechtigte Vermutung? 

Wir müssen nach Fachkulturen differenzieren. Als Rechtswissenschaftler sind wir sind von diesem Phänomen nicht wirklich betroffen, weil unsere Publikationskultur verlags- und schriftleitungsgestützt ist. Wir publizieren fast ausschließlich bei Traditionshäusern, bei denen wir die Verleger teils persönlich auf echten Fachtagungen treffen. Der Publikationsdruck existiert natürlich trotzdem, aber er wird von vornherein seriös kanalisiert. Ich habe aber gelernt, dass in Fächern, in denen vor allem auf Englisch publiziert wird wie in den Naturwissenschaften, es eher ein Bedürfnis zu geben scheint, in einem exotischen Journal für fast 2000 Dollar ein Papier unterzubringen.

Das heißt, jeder Fachbereich muss auch noch einmal für sich selbst prüfen, wie die Qualitätssicherung verbessert werden kann? 

Ja, nach vorläufiger Sichtung der Verdachtsfälle könnte sich der Eindruck verdichten, dass es in einigen Fachbereichen sinnvoll sein mag, über spezifischere Maßnahmen nachzudenken, die den dort betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Augen öffnen. Aber ich sehe die Lösung nicht in Schwarzen Listen.

Was muss Ihrer Einschätzung nach auch auf politischer Ebene verändert werden, um Scheinforschung zu verhindern? 

Wir sind nicht gut beraten, wenn wir auf politische Steuerung oder gar auf den Landesgesetzgeber schielen. Der Goldstandard in der Wissenschaft ist die Reputation, und wir haben gesehen, dass allein die Berichterstattung des Recherchenetzwerks genügt, um den Ruf von Betroffenen zu schädigen. Die Aufdeckung dieses Graubereichs durch die investigative Arbeit der Journalisten legt also schon die Axt an die Wurzel des Übels. Jeder wird sich in Zukunft ganz genau überlegen müssen: Soll ich noch einmal in den Journalen der einschlägigen Raubverleger publizieren? Werde ich es einem Mitarbeiter meines Instituts erlauben, eine „Lustreise“ zu einer wissenschaftlich völlig sinnlosen Tagung an einem touristisch attraktiven Ort zu unternehmen?

Was halten Sie den von dem Vorschlag, bei Peer Reviews künftig die Namen der prüfenden Wissenschaftler öffentlich zu machen sollte, um die Transparenz zu erhöhen? 

Schon heute werden bei den mir bekannten Wissenschaftsjournalen die Peer Reviewer namentlich genannt – allerdings nicht gegenüber den Reviewten, sondern quartals- oder jahresweise als Personen, die Gutachtertätigkeit für eine Fachzeitschrift übernommen haben. Wenn wir im Einzelfall dem Reviewten die Namen der Gutachter offen legen, erkaufen wir uns erhebliche Folgeprobleme – ich glaube nicht, dass der Peer Review dann noch eine rosige Zukunft hätte. Denn wer möchte nicht gerne wissen, wer schuld daran ist, dass das geniale Manuskript nicht veröffentlich wird? Das Reviewing ist eben auch unentgeltliche und aufwändige Tätigkeit, die nicht nur Freude bereitet – insbesondere dann, wenn ich aktiv dazu beitrage, dass ein ersichtlich mit viel Arbeit erstelltes Papier abgelehnt werden muss, weil es dennoch die Qualitätslatte reißt. Sollte der Anonymisierungszusammenhang aufgehoben werden, müsste man sich in Zukunft ganz genau überlegen, ob man dazu noch bereit ist.

Der Gründer des Raubverlags Omics präsentiert sich als sozial gesinnten Vorkämpfer für die Open-Access-Bewegung. Ist Open Access Teil des Problems? 

Das ist eine sehr schwierige Frage. Open Access hat für Raubverleger eine Gelegenheit geschaffen, ihr Geschäftsmodell aufzusetzen. Die entscheidende Frage wird sein, ob man in den nächsten Jahren die OA-Bewegung als etwas identifiziert, das die Gefahr solcher krimineller Aktivitäten tatsächlich systemrelevant erhöht hat. Wir kennen derzeit noch nicht alle Fakten, also ist Vorsicht angezeigt.

Das Recherchenetzwerk hat auch gezeigt, welche Gefahr von Scheinforschung in der Wirtschaft – beispielsweise beim Thema Glyphosat – ausgeht, wenn politische Entscheidungen auf diesen Gutachten beruhen. Wie kann die Wissenschaft dazu beitragen, mögliche Fehlentscheidungen zu verhindern? 

Meine Erfahrung ist, dass wissenschaftliche Beratung immer sinnvoll ist und potentiell sehr viel erreichen kann. Allerdings setzen sich nicht viele Kolleginnen und Kollegen der politischen Beratung mit dem nötigen letzten Nachdruck aus, weil sie befürchten, instrumentalisiert zu werden. Aber trotz dieser Gefahren sollten wir meiner Meinung nach versuchen, politische Entscheidungen durch unser Mitwirken möglichst rational zu gestalten, statt das Feld den Scheinwissenschaftlern zu überlassen. Das kann schwierig, mühevoll und manchmal auch ziemlich frustrierend sein. Es scheint mir aber der einzige Weg zu sein, die Politik in Deutschland, vielleicht auch in Europa, nicht denjenigen zu überlassen, die entweder von Fakten gar nichts halten oder sich ihr Faktengebäude selbst zusammenbauen.

Werden die Stimmen der Wissenschaftler angesichts starker Industrie-Lobbyarbeit denn überhaupt ausreichend wahrgenommen? 

Ich glaube schon, dass wir in der Politik gehört werden, wenn wir uns darauf einlassen, wissenschaftliche Arbeitsergebnisse so zu kommunizieren, dass sie im politischen Geschäft weiterverarbeitet werden können. Infrastrukturen wie das Brüsseler Büro der Goethe-Universität unterstützen dabei zusätzlich.

Mit dem Anthropologen Reiner Protsch von Zieten hatte die Goethe-Universität 2005 selbst einen klassischen Wissenschaftsskandal. Was wurde seitdem unternommen, damit so etwas nicht wieder passieren kann? 

Die Arbeit der Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten spielt hier eine wichtige Rolle. Sie dient nicht nur der Untersuchung und Ahndung von wissenschaftlichem Fehlverhalten, sondern wir haben in den letzten Jahren eine etwas andere Mission angenommen, nämlich: Strukturen zu unterstützen, die solche Wissenschaftsskandale künftig verhindern sollen. In diesem Zusammenhang diskutieren wir aktuell mit den universitären Gremien eine Neufassung der Grundsätze, nach denen unsere Kommission arbeitet. Darin findet sich auch ein Passus, wonach es auch zu den Compliance-Anforderungen gehört, dass Publikationen nur auf wissenschaftsadäquate Weise erfolgen dürfen. Damit hätten wir sogar schon eine ausdrückliche Regelung für das Raubverleger-Phänomen – das unterscheidet uns von vielen anderen Universitäten unserer Größe und macht uns fit für die Zukunft.

Das Interview führte Imke Folkerts. Foto: Uwe Dettmar