Im Moment reisen wir alle ja nur in Gedanken. Da kommt es einem schon fast unwirklich vor, dass Anfang März 2020 noch eine Delegationsreise des DAAD nach Südafrika stattfand. Mit dabei war Vizepräsident Prof. Dr. Rolf van Dick. Er und die anderen Studienreiseteilnehmer/innen kamen gerade noch rechtzeitig vor der Schließung der Flughäfen zurück nach Deutschland im Gepäck viele Eindrücke der südafrikanischen Hochschul-Begegnungen und von einem Land im Umbruch.

„Nach meinem Besuch in Israel und Palästina letztes Jahr war dies das zweite Mal, dass ich an einer vom DAAD organisierten Delegationsreise teilgenommen habe. Dank eines straffen und gut organisierten Programms lernt man in kurzer Zeit viele verschiedene Universitäten kennen, erhält direkt durch deren Präsidentinnen oder Präsidenten Einblicke, knüpft vielerlei Kontakt im Gastland wie unter den Mitreisenden von anderen deutschen Universitäten. Das ist anstrengend, aber hochspannend und lohnt sich in vielfacher Hinsicht. 

Südafrika hat einige Top-Universitäten. Sehr angesehen ist zum Beispiel die Physik-Forschung, insbesondere in der Astronomie, für deren Studium sich der sternenklare Himmel über Südafrika bestens eignet. Bekannt ist Südafrika ebenfalls für seine wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der Ozeanographie und der Klimawandelforschung. Aber: Auch rund 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist Südafrika noch immer belastet durch seine Vergangenheit und tief gespalten. Das zeigt sich auch an den Hochschulen: Zwar machen die Weißen nur noch zehn Prozent der südafrikanischen Bevölkerung aus, sie besetzen aber fast überall die Professuren und Führungspositionen an den Universitäten. Hier eine Veränderung zu erreichen ist mühsam. Auch, weil die Senate der Universitäten unter anderem aus allen (!) Professorinnen und Professoren bestehen, die in der Regel der weißen Mittel- und Oberschicht angehören.

Von internationalem Rang sind beispielsweise die (eher Weiß geprägten) Universitäten von Witwatersrand (Johannesburg, WITS) oder Stellenbosch. Abschlüsse der WITS sind sehr begehrt und versprechen beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Sie ist auch Gründungsmitglied der ARUA (African Research University Alliance) aus 16 forschungsstarken Unis auf dem afrikanischen Kontinent. Ebenfalls renommiert ist das STIAS (Stellenbosch Institute of Advanced Studies, Foto), mit dem die Goethe-Universität seit langem verbunden ist. Es ist vergleichbar mit dem Wissenschaftszentrum in Berlin. Man kann sich als Fellow bewerben und dann dort Zeit verbringen – mit Unterkunft, guter Ausstattung, in wunderbarer Umgebung. Einzige Bedingungen sind mittags am gemeinsamen Lunch mit allen Fellows teilzunehmen und einmal einen Vortrag zu halten – dadurch ergibt sich ganz natürlich ein offener Austausch über alle Disziplinen und Kulturen hinweg.

Etwas diverser ist die University of Johannesburg; es sind deutlich mehr Schwarze auf dem Campus zu sehen. Hier wurde ich enthusiastisch begrüßt von Prof. Mpedi, der als DAAD-Alumnus an der Goethe-Uni war. Alle Studierenden müssen dort übrigens die Online-Module „Understanding Africa“ und „Data Science“ belegen. Das ist etwas, das ich mir ähnlich auch für unsere TruMotion-Initiative im Rahmen der Europäischen Universitäten vorstellen kann, zum Beispiel mit einem Kurs „Understanding Europe“, der online von verschiedenen Partneruniversitäten angeboten würde.

Sehr beeindruckt hat mich die University of Cape Town (UCT), ebenfalls eine Top-Hochschule. Deren Präsidentin, Vice Chancellor Phakeng (Foto), ist eine charismatische, im ganzen Land bekannte Persönlichkeit. Sie lenkt die Universität mit einem fast komplett weiblichen Führungsteam und meinte augenzwinkernd zu uns „Wir lassen die Männer die Arbeit für uns machen.“ Ihre Vision ist ein Dreieck aus Exzellenz, Nachhaltigkeit und Transformation, gespeist durch eine starke Zuversicht in das Potenzial aller Menschen. Phakeng hat es sich unter zur Aufgabe gemacht, ärmere Studierende (meist Schwarze) mit privat eingeworbenen Stipendien zu unterstützen. Viele Angehörige der unteren Mittelschicht fallen nämlich durchs Raster: Sie sind nicht arm genug, um von den hohen Studiengebühren befreit zu werden, ihre Familien verdienen aber zu wenig, um sie bezahlen zu können. Dabei ist ein Studium entscheidend für den weiteren Lebenslauf in Südafrika: Während die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen ansonsten bei zirka 50 Prozent liegt, haben quasi alle Hochschulabsolventen einen Job – das ermöglicht oft ein besseres Leben für die ganze Familie. Außerhalb des offiziellen Programms habe ich an der University of Cape Town einen Vortrag zum Thema Leadership gehalten. Außerdem traf ich mich mit Kollegen aus der Physik (teilweise aus Deutschland und den USA). Zwischen ihnen und Kollegen an der Goethe-Uni gibt es eine rege Zusammenarbeit. Die Physiker haben mir auch ihre Labore gezeigt, wo state-of-the-art unter anderem Bausteine für das CERN entwickelt und getestet werden.

Dennoch bleibt für mich der Eindruck, dass Südafrika noch einen langen Weg vor sich hat, bis der Traum von der glücklichen Rainbow Nation Wirklichkeit wird. Die Erwartungen an Präsident Ramaphosa sind enorm – wie sehr er seine Pläne gegen Widersacher im eigenen Kabinett nach Jahren von Misswirtschaft und Skandalen unter seinem Vorgänger wird durchsetzen können, ist aber fraglich. Wer ist zu einem gewissen Wohlstand geschafft hat, schützt sein Eigenheim mit Gittern und Zäunen. Frei bewegen ist nicht überall im Land ungefährlich: Wie Sie vielleicht wissen, mag ich es sehr, meine Dienstreiseziele morgens beim Joggen zu erkunden. In Kapstadt war dies auch gut möglich, in Johannesburg wurde ich aber davor gewarnt – zu hohes Überfallrisiko. Umso beeindruckender ist es zu erleben, wie einige Menschen für eine bessere Welt kämpfen. Ein Beispiel dafür durfte ich erleben, und es hat mich sehr bewegt:

Eine ehemalige Diplomandin von mir arbeitet seit 20 Jahren in Südafrika und ist mittlerweile Associate Professor an der UCT. Sie nahm mich am letzten Tag mit in ein Township. Auf der Autofahrt dorthin sah ich die verschiedenen Abstufungen – wenn man aus der Innenstadt fährt gibt es erst die Townships für Menschen indischer/asiatischer Abstammung, dann die Menschen mit schwarzen und weißen Elternteilen und schließlich die für Schwarze. Je weiter man kommt, umso beengter werden die Zustände. In den Townships für Schwarze gibt es teilweise keine befestigten Wege, die Hüttenwände sind aus Wellblech usw. Wir trafen uns mit Monwabisi Maqogi (auf dem Foto in der Mitte, zwischen Prof. Dr. Rolf van Dick und Prof. Dr. Ines Meyer), der im ANC hochrangig mit unter anderem neben Jacob Zuma für die Gleichberechtigung der Schwarzen gekämpft hat. Er wurde gefoltert, war lange außer Landes und leitet jetzt eine kleine Gemeinde, in der er Workshops beispielsweise gegen häusliche Gewalt oder HIV – beides riesige Probleme in Südafrika – organisiert. Er übernachtet derzeit meist in der Kirche, einem selbstgebauten Gebäude mit einem Raum von zirka 20 Quadratmetern, weil in seinem Haus mit zwei Zimmern nachts teilweise 20 Personen und mehr übernachten: seine Kinder, Nichten, Neffen und andere Verwandte. In Menschen wie ihm lebt der Geist von Mandela weiter.“ 

Autor: Prof. Dr. Rolf van Dick, Vizepräsident für Internationalisierung, Nachwuchs, Gleichstellung und Diversity

So können auch Sie helfen:

Spenden für Monwabisi Maqogis (s.o.) Gemeinde sind immer willkommen, am einfachsten über einen elektronischen Nahrungsmittelgutschein, den man über diese Webseite an Maqogis Telefon +27835184508 senden kann.

DAAD-Reise Südafrika: Besuchte Universitäten und Forschungseinrichtungen

University of Witswatersrand (WITS), Johannesburg 

  • eine der Top-Unis im Land, Abschlüsse sind sehr begehrt 
  • sehr “Weiß“ – der Präsident (Vice Chancellor) ist indischer Abstammung, ansonsten sind die Dekane/Executives fast ausschließlich männliche Weiße. 
  • Gründungsmitglied der ARUA (African Research University Alliance) University of Johannesburg, Johannesburg Etwas diverser aus die WITS Alle Studierenden müssen zwei Module belegen „Understanding Africa“ und „Data Science“ – rein online, unterstützt durch online tutors. Innerhalb weniger Wochen nach dem launch gab es 3000 Einschreibungen 

University of Pretoria, Pretoria 

  • Ebenfalls ARUA-Gründungsmitglied 
  • 50.000 Studierende, von denen sich 33.000 in der Gesellschaft engagieren, davon 13.000 in „community service projects“ 
  • Themen in Forschung & Lehre: 
    • Engineering 4.0 – SmartCity – Data Science o Agriculture in an era of climate change, including “precision agriculture“ 
    • Master programme in preserving heritage (museums, collections, digital tools…) 

NRF National Research Foundation 

Große Themen, die aktuell verfolgt werden: 

  • Paleoanthropology 
  • Astronomy/Astrophysics 

Themen, die in den nächsten 10 Jahren verfolgt werden sollen: 

  • Transformation of society: participation, gender & diversity o Knowledge transfer, impact 
  • Sustainability 

University of Cape Town (UCT) 

  • Eine der anderen Top Unis (Selbstdarstellung: No. 1 in Africa) 
  • Forschung ist bezogen auf die SDG (sustainable development goals) 
    • Astononomy & Oceonography o Health (infectious diseases) 
    • High energy physics 

Stellenbosch University und STIAS (Stellenbosch Institute of Advanced Studies) 

  • Stellenbosch ist Mitglied einer globalen Allianz von 14 Universitäten, die das Klima erforschen
  • “Social impact“ spielt eine große Rolle 
  • Seit 2019: School of data science and computational thinking, bald: School of climate 
  • Mit dem STIAS gibt es seit langem Verbindungen zur Goethe-Universiät. Es ist vergleichbar mit dem Wissenschaftszentrum in Berlin.