Internationale Konferenz »The Return of the Aesthetic in American Studies« eröffnete neue Blickwinkel.

Welche Rolle spielt die Ästhetikforschung in Zeiten von Globalisierung, #MeToo und „identity politics“? Vom 29.11. bis 1.12.2018 fand die Konferenz The Return of the Aesthetic in American Studies statt, die solche und andere Fragen stellte.

Die Veranstaltung, organisiert von der Frankfurter Amerikanistik, brachte internationale und europäische WissenschaftlerInnen der American Studies und angrenzender Disziplinen zusammen, um die Rolle der Ästhetik in den Geisteswissenschaften zu beleuchten und ihre Verflechtung mit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu untersuchen.

In der jüngeren Vergangenheit galten in der Amerikanistik ästhetische Fragestellungen häufig als ideologisch belastet oder politisch desinteressiert. Doch Beiträge aus den Medienwissenschaften, Literaturwissenschaften und Kulturwissenschaften kreierten neue, interdisziplinäre Verbindungen und eröffneten somit produktive Dialoge zwischen den Disziplinen.

Die Konferenz begann am Donnerstag mit einer Bestandsaufnahme: Die Vorträge von Walter Benn Michaels, Professor an der University of Illinois in Chicago, Rieke Jordan, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität, und Caroline Levine (Cornell) untersuchten die Rolle der Ästhetik in Fotografie, Literatur oder Stadtplanung. Der Dialog zwischen NachwuchswissenschaftlerInnen und großen Namen der Disziplin erwies sich schon hier als sehr produktiv.

Während Michaels die Konferenz eröffnete, indem er nach den Existenz- bedingungen ästhetischer Autonomie im neoliberalen Kapitalismus fragte, untersuchte Jordan die gegenwärtigen Transformationen von Praktiken des Lesens und der Buchpublikation. Publikationen wie Chris Wares Building Stories (2012) spielen mit der Materialität des Buches und verwandeln so die LeserIn in eine KuratorIn.

Levine schloss hier an und betonte die Rolle geisteswissenschaftlicher Methoden für politische Analyse und fragte nach den ästhetischen Formen, die nachhaltige Stadtplanung und nachhaltige gesellschaftliche Institutionen ermöglichen. Doch können Fragestellungen der Ästhetik auch ändern, wie die Wissenschaft sich mit ihren Objekten befasst? Am Morgen des zweiten Tages sprach sich Bernd Herzogenrath, Professor der Amerikanistik an der Goethe-Universität, für „Praktische Ästhetik“ aus.

Formen wie der Videoessay erlauben es der Wissenschaft, nicht nur über Kunst, sondern auch mit Kunst zu forschen und zu denken. Wie die ästhetischen Sprachen verschiedener Medien es selbst erlauben, die Welt in ethischen und politisch relevanten Formen zu denken, bewiesen Eugenie Brinkema (MIT) in ihrem Vortrag über Wes Andersons Film The Grand Budapest Hotel (2014) und Julius Greve (Universität Oldenburg) in seinem Vortrag über die intermateriellen ästhetischen Praktiken moderner Lyrik.

Diese Ansätze verfolgte auch Elisabeth Bronfen, Professorin an der Universität Zürich. Ihre Analyse der Fernsehserien The Wire, Deadwood und Westworld etablierte das „Regime der Fragmentierung“, um Anhaltspunkte zu finden, wie das amerikanische Fernsehen Krise („crisis“) als ästhetisches Mittel verwendet. Ästhetische Formen der Serialität lassen die Polis als ein Konglomerat verschiedener aufeinanderprallender Perspektiven erscheinen.

Diese Fragestellungen wurden auch von Luvena Kopp (Universität Tübingen) weiterverfolgt. Ihr Vortrag zu Spike Lees Do The Right Thing (1989) war brandaktuell: Kopp war es möglich, ästhetische Formen der Krise im Film zu erforschen und so rassistische Polizeibrutalität in den USA zu analysieren und die enge Verflechtung von gegenwärtigem Rassismus und Kapitalismus zu betonen.

Lee Edelman, Professor an der Tufts University, schloss den zweiten Konferenztag ab, indem er betonte, dass das Ästhetische auch seinen negativen Gegenpart mitproduziere, der vom Ästhetischen weder anerkannt noch artikuliert werden kann. Dies greift er unter dem Begriff „Queerness“. Am Samstagmorgen wurde die Ästhetik der Demokratie und ihrer Krise untersucht. Jennifer Greiman (Wake Forest) argumentierte, dass Demokratie selbst bestimmte literarische Formen hervorruft und dass Herman Melville durch seine literarische Ästhetik über die Bedingungen der Demokratie reflektierte.

Johannes Völz, der Heisenberg-Professor der American Studies an der Goethe-Universität ist, untersuchte die politische Rally als eine ästhetische Form des Populismus. Unter anderem mit Rückgriff auf ein Konzept von Hannah Arendt analysierte er den „Erscheinungsraum“ der Rally, in dem sich US-Präsident Trump und sein Publikum zumindest zeitweise vereinen. Völz betonte, dass Populismus als Phänomen des Demokratischen zu verstehen sei. Russ Castronovo, (University of Wisconsin Madison) schloss das Panel mit einem Beitrag zu Charles Brockden Brown und seiner „gothic theory of communication“.

Wie er zeigte, wurden amerikanische Schriftsteller schon in den Jahren nach der Staatsgründung von der Einsicht umgetrieben, dass die demokratische Kommunikation von einem Überschuss an Information („data“) gestört werden kann – und keinesfalls nur von verstörenden Inhalten. Am Ende wendete sich die Konferenz erneut der ästhetischen Theorie zu. Hanjo Berressem (Universität Köln), nahm einige Auftritte von Félix Guattari auf literaturwissenschaftlichen Fachtagungen in den USA als Ausgangspunkt, um Guattaris „ökologische Ästhetik“ zu erläutern.

Susanne Rohr (Universität Hamburg) positionierte gegenwärtige popkulturelle Darstellungen von Autismus in einer „Ästhetik des Wahnsinns“, die sie bis in die Antike zurückverfolgte. Jennifer Ashton von der University of Illinois in Chicago beschrieb Korrelationen zwischen der Ästhetik von Gegenwartslyrik und dem Verschwinden von Gemeingut. Im letzten Vortrag umriss Winfried Fluck, emeritierter Professor der FU Berlin, die Geschichte der Ästhetik innerhalb der Amerikanistik.

Die Ästhetik kann sich laut Fluck nur dann wieder im Feld verankern, wenn es eine Auseinandersetzung über den meist unreflektiert bleibenden Freiheitsbegriff gibt, der Ästhetikforschung und künstlerischer Praxis normativ zugrunde liegt. Die Konferenz hat sowohl klassische Fragestellungen ästhetischer Theorie aufgenommen als auch die ästhetischen Dimensionen von Populismus oder der wissenschaftlichen Praxis selbst untersucht.

Die thematische Vielfalt unterstreicht, dass von den „humanities“ wesentliche Beiträge zu gesellschaftspolitischen Debatten zu erwarten sind, wenn sie sich auf ästhetische Fragestellungen rückbesinnt, statt diese als unpolitisch oder gesellschaftlich irrelevant zurückzuweisen. Abseits der Bühne trafen die SprecherInnen in einem Studio auf namhafte internationale FachkollegInnen – die 15 Gespräche stehen online als Videos zur Verfügung: http://returnoftheaesthetic.de. Ein Themenheft von „REAL – Yearbook of Research in English and American Literature“ wird im Herbst 2019 die Beiträge sammeln.

Autoren: Rieke Jordan und Stephan Kuhl

Die Konferenz wurde von den Freunden und Förderern, der DFG, der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien sowie von der Dr. Bodo Sponholz-Stiftung gefördert.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.19 des UniReport erschienen.