Chiffre für Wunsch nach sozialem Wandel

Höhepunkt der Studenten-Proteste: die symbolische Umbenennung der Goethe-Universität im Mai 1968 durch den SDS; Foto: Universitätsarchiv Frankfurt

Dr. Steffen Bruendel, Direktor des Forschungszentrums Historische Geisteswissenschaften, über die Beschäftigung mit »68« an der Goethe-Universität

UniReport: Lieber Herr Bruendel, 2018 jährt sich „68“ zum 50. Mal – ein Geburtstag, den man pflichtgemäß abhakt? Oder erlaubt der zeitliche Abstand neue Erkenntnisse und Einsichten?

Dr. Steffen Bruendel: Die 50-jährige Wiederkehr eines historischen Ereignisses ist immer etwas Besonderes. Auch die Geschichtswissenschaft orientiert sich an Jubiläen, weil die Veröffentlichung neuer Forschungsergebnisse dann stärker wahrgenommen wird – gerade auch medial. In den letzten Jahren hat es zahlreiche Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten von „1968“ gegeben, so dass man durchaus fragen kann, welche neuen Erkenntnisse man im kommenden Jubiläumsjahr erwarten darf. Aber es hat sich oft als Trugschluss erwiesen, zu glauben, ein Thema sei ‚hinreichend erforscht‘. Das ist ja das Faszinierende an der Geschichtswissenschaft: dass neue Quellenfunde, neue Aussagen von Zeitzeugen oder neue methodische Fragestellungen immer die Chance auf neue Erkenntnisse bergen. Im Rückblick nach 50 Jahren kann man aber auch (selbst-)kritisch auf die geschichtswissenschaftliche Erforschung von „1968“ blicken, denn zum dreißigsten Jubiläum 1998 waren viele Quellen noch gar nicht zugänglich, und dieses Thema galt nicht wenigen Historikern als noch gar nicht ‚historisch genug‘. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben, aber das waren die Schwierigkeiten des ersten, 1997 an der Universität Bielefeld durchgeführten wissenschaftlichen Kongresses zu 1968. Der damalige Tagungsband „1968 – Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft“ wurde längst wiederaufgelegt und gilt heute als Standardwerk.

UniReport: Wird Ihrer Einschätzung nach auch im Ausland das Jahr 68 ähnlich bedeutend gesehen und auch in Form eines Jubiläums gewürdigt?

Bruendel: Im Ausland – denken Sie an Frankreich – wurde „1968“ viel früher als bei uns als wichtige Wegmarke der eigenen Geschichte angesehen. Das liegt auch daran, dass es im Mai 68 fast zu einem Generalstreik und zu einer Staatskrise kam, das Ereignis also von den Zeitgenossen als etwas wahrgenommen wurde, das weit über studentische Unruhen an Universitäten hinausreichte. Anders sieht es demgegenüber in Großbritannien aus. Dort ist zwar die große Vietnam-Demonstration vom Oktober 1968 noch im kollektiven Gedächtnis präsent, aber diese wurde bis vor wenigen Jahren gewissermaßen entkontextualisiert. Selbst die britische Geschichtsschreibung nannte die Proteste lange Zeit nur verniedlichend „Troubles“ – obwohl diese bereits 1967 begonnen hatten und über das Jahr 1968 hinaus anhielten! –, vermochte aber keine politisch relevante Bewegung zu erkennen. Selbst die kürzlich unter dem Titel „Revolution“ in London gezeigte Ausstellung über die späten 1960er und frühen 70er Jahre fokussierte auf den sich in Musik und Mode ausdrückenden kulturellen Wandel. Insgesamt aber lässt sich feststellen, dass „1968“ heute als Chiffre für ein weltweites Phänomen gilt, für einen vor allem von jungen Leuten artikulierten Wunsch nach sozialem Wandel und einer anderen Gesellschaftsordnung. Dieses Phänomen zeigte sich – und das ist das Faszinierende – sowohl im Westen als auch im Ostblock, in den autoritären Regimen Spaniens und Lateinamerikas und in den Kolonien europäischer Staaten. Insofern ist es spannend zu sehen, ob es 2018 auch globale Jubiläen geben wird.

UniReport: Worum werden sich im kommenden Jahr schwerpunktmäßig die Diskussionen drehen, was sind die offenen Fragen des Jahres 68, die uns auch heute noch beschäftigen? Und wer wird sich wohl zu Wort melden?

Dr. Steffen Bruendel, Direktor des Forschungszentrums Historische Geisteswissenschaften; Foto: Dettmar

Bruendel: Jubiläen sind in der Regel die Stunde der Zeitzeugen. Diese werden sich sicher zu Wort melden, auch wenn Daniel Cohn-Bendit gesagt haben soll, er wolle ab Mai 2018 nur noch über Fußball sprechen. Ob er tatsächlich bei diesem Thema bleibt, wird sich zeigen. Aber viel interessanter dürfte sein, welche Zeitzeugen sich vielleicht erstmals äußern. Im Studierendenhaus hat letzten November eine Tagung zu „Kunst und Revolte“ in Frankfurt 1968 stattgefunden. Auf ihr kamen u. a. ehemalige Redakteure der Studentenzeitung „Diskus“ zu Wort, so dass die anwesenden Historiker bemerkten, dass es sich hierbei offenbar um einen bisher vernachlässigten Untersuchungsgegenstand handele. Dies führt zu einem anderen, nicht systematisch aufgearbeiteten Thema von „1969“. Es sind die Auswirkungen von „1968“ auf das „Literarische Feld“, das heißt auf Zeitungen und Zeitschriften, Verlage und auf die Buchmesse, auf das Verhältnis von Literaturproduzenten und -kritiker. Dies ist ein wichtiger Aspekt, der auf dem von der Goethe-Universität für Oktober 2018 geplanten Kongress zu 1969 behandelt werden soll.

UniReport: Denken Sie, dass auch die heutigen Studierenden sich für das Thema interessieren?

Bruendel: Einerseits liegt das Jahr 1968 lange zurück, so dass viele heutige Studierende es als rein historisches Ereignis wahrnehmen wie die politische Wende von 1989 oder den Mauerbau von 1961 – Ereignisse, die im Gedächtnis ihrer Eltern und Großeltern ganz anders präsent sind. Andererseits ist „1968“ ja auch heutigen Studierenden als Chiffre für Ungehorsam, Freiheit und Aufbruch zu etwas Neuem bekannt, und ich glaube, dass darin eine bis heute – und für die heutige Generation Studierender – anhaltende Faszination liegt. Der große Zuspruch, den die von Frankfurt ausgegangene Bewegung „Pulse of Europe“ gerade unter jungen Menschen erhalten hat, zeigt ja, dass auch in der heutigen Studierendengeneration ein großes Bedürfnis vorhanden ist, sich für eine Idee bzw. eine bessere Zukunft einzusetzen. Gleichwohl wird es auch von den Themen und Veranstaltungen der Goethe-Universität abhängen, inwiefern unsere Studierenden sich für eine Auseinandersetzung mit „68“ begeistern lassen. Der bereits angesprochene 68er-Kongress unserer Universität widmet deshalb eine Veranstaltung genau diesen neuen, heutigen sozialen Bewegungen und der Frage, was „1968“ für sie bedeutet.

UniReport: Wo sehen Sie die Rolle der Goethe-Universität in dieser Zeit, hat die Uni auch heute noch ein Stück „68er“- Identität?

Bruendel: Ein bauliches Stück Identität ist ohne Zweifel das Studierendenhaus in Bockenheim, in dem noch immer interessante Veranstaltungen stattfinden und in dem sich bis heute die „Pupille“ befindet. Hier bleibt zu hoffen, dass dieses Gebäude und sein „geistiges Erbe“ künftig – ausgelöst vielleicht durch Aktivitäten im 68er-Jubiläumsjahr – eine stärkere identitätsstiftende Rolle für die Uni spielen als bisher. Auf die besondere Bedeutung des „Diskus“ hatte ich schon hingewiesen. Adorno und Horkheimer haben sich 1968ff. zu Wort gemeldet, die Studierenden bis zu einem gewissen Grade beeinflusst, aber zugleich auch durch ihre öffentlichen Äußerungen maßgeblich zur Deutung der studentischen Proteste beigetragen. Auch wenn diese Deutungen sich auf die Frankfurter Ereignisse bezogen, wirkten sie doch weit über Frankfurt hinaus. Ansonsten zeigt sich eine „68er-Identität“ vielleicht auch im Verlust: Ich denke da an den leeren Behälter der Amtskette des Rektors, die seit einer Rektoratsbesetzung 1968 „verschwunden“ ist, woran das Universitätsarchiv in seiner Ausstellung 2014 ja augenzwinkernd erinnert hat.

UniReport: An der Goethe-Universität werden zahlreiche Veranstaltungen das Thema „68“ aufgreifen, was ist Ihr persönliches Highlight?

Bruendel: Oh, ich bin froh, mich nicht entscheiden zu müssen! Es wird ein vielfältiges Programm geben, so dass ich nur hoffe, selbst möglichst viele Veranstaltungen besuchen zu können. Filme werden gezeigt und eine Ausstellung, Vorträge und Vorlesungen werden gehalten und ein großer Kongress stattfinden. Gerne möchte ich den Lesern empfehlen: Nehmen Sie so viel wie möglich von dem wahr, was angeboten wird. Denn das nächste 68er-Jubiläum ist erst wieder in zehn Jahren – aber das Jubiläum mit wieder richtig großem Uni-Programm dürfte wohl erst das 100. werden.

[Die Fragen stellte Dirk Frank]

»Dass Angehörige meiner Generation heute als ›Gutmenschen‹ beschimpft werden, finde ich fürchterlich«

Barbara Köster vor dem berühmten Hörsaal VI; Foto: Frank

Barbara Köster hat als Soziologie-Studentin und Mitglied des SDS das Jahr 68 in Frankfurt erlebt.

„Sieht alles sehr neu aus!“ Barbara Köster schaut sich etwas irritiert den Hörsaal VI in Bockenheim an und erkennt wenig von der Atmosphäre der 60er Jahre wieder. Sie wohnt gar nicht so weit entfernt vom Gründercampus, nämlich im Frankfurter Westend, in einem Haus, dass Studierende ehemals besetzten und damit dem Baggerzahn erfolgreich entzogen.

Heute wohnten dort eher „Yuppies“, der Geist von 68 sei dort schon lange nicht mehr anzutreffen, beklagt sie sich. Köster lebte damals in den ersten Kommunen Frankfurts. „Dass die Klotüren bei uns ausgehängt wurden, kann ich nicht bestätigen“, lacht sie. Mit Hans-Jürgen Krahl besuchte sie Seminare, bei Joschka Fischer kaufte sie Bücher. „Die 68er-Szene war damals überschaubar, die politisch Engagierten kannten sich eben“, erzählt Köster nüchtern.

Faszinosum Adorno

Dass sie 68 nach Frankfurt kam, war eher einer erzieherischen Maßnahme ihrer autoritären Eltern geschuldet: Weil sie in München, wo sie das Studium der Soziologie aufnahm, mit ihrem Freund zusammengezogen war, sollte sie zur Strafe in einer anderen Stadt ohne Freund ihr Studium fortsetzen. „Frankfurt war ein Glücksfall“, schwärmt Köster von der Stadt und von der Universität, die so ganz anders als München waren.

Dass in Frankfurt ein Theodor W. Adorno von vielen Studierenden als Theoretiker des Aufbruchs angehimmelt wurde, war ihr anfangs überhaupt nicht klar. Aber auch sie fing Feuer, als sie bei Adorno ein musiksoziologisches Seminar besuchte. „Ein sehr konzilianter Mensch, der so sprach, wie er schrieb. Als ich zum ihm in die Sprechstunde ging, sprach er etwas altväterlich zu mir: ‚Mein liebes Fräulein Köster, jetzt müssen wir doch mal schauen, wie das mit Ihrer Bildung weitergeht‘.“

Sehr anspruchsvoll sei Adorno gewesen, man habe lange Literaturlisten abarbeiten müssen, doch sei sein Denkstil auch sehr verführerisch gewesen. Auch Köster eignete sich den Adorno-Sprech an und wurde Teil einer intellektuellen Subkultur, die sich über den akademischen Jargon erkannte. „‚Was redest Du denn eigentlich da‘, sagte mein Vater etwas irritiert, als ich in den Ferien nachhause kam“, lacht Köster.

Ihre Eltern seien sehr konservativ gewesen; ihr Vater habe keinerlei Distanz zum Geist des Nationalsozialismus gezeigt. „Die Wissbegierde meiner Generation rührte sicherlich auch daher: Wir wollten endlich die Wahrheit über diese dunkle Phase der deutschen Geschichte erfahren.“

Sommer, Musik, Diskussion

Wenn Köster heute an das Jahr 68 in Frankfurt zurückdenkt, dann nennt sie keine revolutionären Ereignisse, sondern beschreibt zuerst eine Atmosphäre: „Ich denke an den Sommer, an die Musik der Stones, und vor allem an viele junge Leute, die miteinander redeten, diskutierten, flirteten – so ganz anders als das, was man noch Jahre vorher in seiner Heimat erlebt hatte.“ In den Seminaren sei plötzlich nicht mehr nur doziert und zugehört worden:

„Besonders die SDS-Mitglieder standen einfach auf und stellten Fragen – das brach dann das Eis, stellte zugleich auch die Autorität der Lehrenden in Frage.“ Die Anführer seien meist Männer gewesen, Machokultur sei auch unter kritischen Geistern sehr verbreitet gewesen, konzediert Köster; allerdings erinnere sie sich auch an charismatische Frauen wie Antonia Grunenberg und Mona Steffen: „Die hielten tolle Reden, da dachte ich: Wow, das geht also auch.“

Mit einer Freundin gründete sie eine Basisgruppe Soziologie, um Verbesserungen in der Struktur des Studiums zu erreichen. Auch wenn man sich mit Marx beschäftigte, ging es Köster und ihrer Mitstreiterin weniger ums revolutionäre Ganze. Daher versuchte man auch, die SDS-Hardliner von der Basisgruppe fernzuhalten. Doch ohne Erfolg, denn nach und nach übernahmen Krahl & Co wieder das Kommando.

„Basisgruppen reichten denen nicht, sie wollten mehr“, berichtet Barbara Köster. Irgendwann entschloss sich der SDS, das Soziologie-Institut, das sich damals in einer alten Villa in der Myliusstraße befand, zu besetzen. 1969 dann das Jahr der Ernüchterung: Der SDS löste sich auf, die Revolution an den Universitäten war im Bewusstsein der 68er gescheitert. Barbara Köster ging mit Freunden nach Rüsselsheim:

Zuerst arbeitete sie in der Fabrik bei Opel, um den Geist einer anderen Gesellschaft zu den Arbeitern zu tragen. Im Kollektiv kaufte man später Häuser auf und gründet soziokulturelle Zentren, die auch von Arbeitern und Angestellten frequentiert wurden. „Wir haben unter anderem Zeitungen herausgegeben, Rockkonzerte veranstaltet und multikulturelle Feste gefeiert. Und wir haben aber auch gemeinsam mit Ärzten vor Ort Frauen bei der Abtreibung beraten.“

Barbara Köster war auch Mitglied des ersten Frankfurter Weiberrates. Sich für die Interessen von Frauen einzusetzen, hat sie bis in die Gegenwart begleitet. Sie bezeichnet sich als „Differenz-Feministin“; Gleichheit vor dem Gesetz sei zwar selbstverständlich, reiche aber nicht aus, wenn es um die Bedürfnisse und Interessen von Frauen gehe.

Ab 1982 war sie Mitarbeiterin der Frankfurter Frauenschule, wurde schließlich auch die Leiterin der Institution, die 2013 aufgelöst wurde. „Unsere Arbeit, die theoriegeleitete und auch strategische Beschäftigung mit Feminismus, wurde gewissermaßen dann vom Cornelia Goethe Centrum der Goethe-Universität fortgeführt“, sagt Köster.

Blick zurück mit Stolz

Die Kritik vieler 68er an der vermeintlich unpolitischen und konsumorientierten Jugend der Gegenwart kann Köster nicht nachvollziehen. Sie selber hat gute Erfahrungen mit jungen Leuten gemacht, berichtet begeistert von ihrer Mitbewohnerin, einer jungen Studentin, die im Bereich Food Sharing aktiv ist. „Diese Idee eines Teilens ist mir noch sehr vertraut, ich war ja auch immer von diesem Hippie-Geist beseelt“, schmunzelt Köster.

Aktiv ist sie heute auch in der Flüchtlingsarbeit, trifft dort auf viele alte Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Sie ärgere sich, dass dieses Engagement von vielen Kritikern als „Gutmenschentum“ abgetan wird. Insgesamt zeigt sie sich sehr zufrieden mit dem, was ihre Generation auf den Weg gebracht hat, gerade auch im Bereich der Erziehung: „Ich habe noch Angst vor der autoritären Schule und vor meinen Lehrern gehabt, besonders vor Prüfungen. Mein Sohn hingegen konnte auch vor Klausuren normal durchschlafen – darauf bin ich wirklich stolz.“

Und sie ergänzt: „Und trotzdem ist aus ihm etwas geworden, er arbeitet heute als Anwalt.“ Wenn der begeisterte Surfer seinem Sport im marokkanischen Agadir nachgeht, erinnert ihn seine Mutter bisweilen daran, dass es der Entdeckergeist der 68er gewesen ist, der dieses ehemals unberührte Fleckchen Erde entdeckt hat. „Wir waren die Pioniere, dann kam Neckermann“, sagt Köster augenzwinkernd.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.