Stipendiaten des Diesterweg-Stipendiums für Kinder und ihre Eltern auf Exkursion im Institut für Bienenkunde.

Stipendiaten des Diesterweg-Stipendiums für Kinder und ihre Eltern auf Exkursion im Institut für Bienenkunde.

Dass die Goethe-Universität 1914 gegründet wurde, verdankt sich der Initiative engagierter Bürger, die den Bildungs- und Forschungsstandort Frankfurt am Main voranbringen wollten. Sie waren damit von ähnlichen Zielen angetrieben, wie die 1816 gegründete Polytechnische Gesellschaft, die denn auch gleich ab 1914 Sitz und Stimme im Großen Rat und im Verwaltungsausschuss der Universität erhielt. Seitdem sind die traditionsreiche Bürgervereinigung, die 2016 ihren zweihundertsten Geburtstag feiert, und die von ihr gegründeten „Tochterinstitute“ der Universität treu geblieben.

Von Bienenkunde bis Bürgergesellschaftsforschung

Besonders deutlich wird die enge Verbindung am Beispiel des Instituts für Bienenkunde am Fachbereich Biowissenschaften. Das 1937 gegründete Institut, in dem sich alles um das polytechnische Wappentier, die Honigbiene, dreht, wird von Gesellschaft und Universität gemeinsam finanziert. Seit 2008 steht es unter der Leitung von Prof. Bernd Grünewald, der es an der Schnittstelle von Theorie und Praxis positioniert hat: Geforscht wird über die Neurobiologie der Biene, ferner werden aber auch die ökologische und ökonomische Bedeutung unseres wohl wichtigsten Haustiers vermittelt, die Imkerschaft unterstützt und neue Imker ausgebildet. Grünewalds Amtsantritt fand insofern besondere Beachtung, weil die für ihn eingerichtete Stiftungsprofessur der Polytechniker die erste Zustiftung zu der 2008 in eine Stiftungsuniversität rückgewandelte Hochschule war.

Den wissenschaftlichen Kontakt zur Universität sucht immer wieder auch die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, eine weitere polytechnische Gründung. So wurde beispielsweise zwischen 2010 und 2013 gemeinsam mit dem Alternsforscher Prof. Frank Oswald das psychosoziale Beratungsangebot „LOTSE“ entwickelt. Es bringt Senioren, die unter altersbedingter Makuladegeneration leiden, mit Begleitern zusammen, die sie beim Bewältigen des Alltags unterstützen.

Ohne die Zusammenarbeit mit der Universität undenkbar wäre auch die Vortragsreihe der Gesellschaft, die Früchte aktueller Forschung jedermann verständlich vermittelt. Ihre naturwissenschaftlichen Abende locken stets zahlreiche Zuhörer in die Universitätshörsäle, sachkundig kuratiert vom ehemaligen Vizepräsidenten der Hochschule, Prof. Christian Winter.

Schließlich engagiert sich seit 2005 der „operative Arm“ der Gesellschaft, die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, an der Universität. Angestoßen durch den ehemaligen Hochschul- und Polytechniker-Präsidenten Prof. Klaus Ring wurde sie aus dem Verkaufserlös der Frankfurter Sparkasse von 1822, einer weiteren polytechnischen Gründung, errichtet und setzt sich für Bildung und Verantwortung in Frankfurt am Main ein. An der Goethe-Universität stiftete sie zum Beispiel 2009 die Internationale Alfred-Grosser-Gastprofessur für Bürgergesellschaftsforschung und ermöglichte seitdem ihre Besetzung mit prominenten Zivilgesellschaftsexperten aus Frankreich, Deutschland, Kanada, Brasilien und den USA.

Nachwuchsförderung

Vor allem den Nachwuchsforschern der naturwissenschaftlichen Fachbereiche kommt die finanzielle und ideelle Förderung durch das MainCampus Stipendiatenwerk der Stiftung zugute. Es ist nicht nur hinsichtlich seines fachlichen Schwerpunkts eine Besonderheit unter den deutschen Begabtenförderwerken, sondern auch weil es ausschließlich auf einen Hochschulstandort, eben Frankfurt am Main, bezogen fördert – und zwar bislang über 150 Studierende, Promovierende und junge Naturwissenschaftler in Erziehungsverantwortung. Sie alle sind und waren nicht nur fachlich exzellent, sondern auch vielfältig ehrenamtlich engagiert: beispielsweise im Stiftungsprojekt „Junge Forscher“, das Drittklässler an die Naturwissenschaften heranführt – auch in Zusammenarbeit mit den Fachbereichen Physik und Biowissenschaften der Goethe-Universität.

Apropos naturwissenschaftlich-technischer Nachwuchs: Um diesen gezielt aufzuspüren, zu motivieren und zu fördern, rief die Stiftung 2010 den Polytechnik- Preis für die Didaktik der MINT-Fächer ins Leben. Er sucht nach den besten naturwissenschaftlichen Vermittlungskonzepten im deutschen Sprachraum, um sie dann in Frankfurts Bildungseinrichtungen zu transferieren. Daran, dass dies auch funktioniert, haben die Frankfurter Professoren für Didaktik der Chemie und Physik, Arnim Lühken und Thomas Wilhelm, besonderen Anteil, weil sie die neuen Konzepte schon im Methodenschatz der nachwachsenden Pädagogen verankern. Und apropos fördern: Die Gesamtzahl der Projekte, die die Stiftung schon an der Universität gefördert hat, bewegt sich im zweistelligen Bereich und umfasst den Schülercampus, die Science Tours und die Transkription der Senckenberg Tagebücher ebenso wie das Goethe-Schülerlabor Chemie und Physik, das Mentoring-Projekt „Balu und Du“ oder „Die Goethe schreibt!“, den von den Deutschlandstipendiaten veranstalteten Diktatwettbewerb.

Die ausgewählten Beispiele zeigen, wie mannigfach die langjährigen Verbindungen zwischen „Polytechnischer“ und Universität sind. Und so verwundert es nicht, dass es die Polytechniker zu wichtigen Anlässen auch immer wieder an die Uni zieht. Im November 1966 etwa feierten sie ihren 150. Geburtstag in der Aula, 2015 wurde der zehnte Geburtstag der Polytechnischen Stiftung im Festsaal begangen, und am 10. September 2016 steht das nächste Großereignis bevor: Anlässlich des 200. Geburtstags der Gesellschaft präsentieren sich von 11 bis 16 Uhr alle polytechnischen Institute im Casino auf dem Campus Westend – mit Gesprächsrunden, Lesungen, Kurzvorträgen, einer MINT-Mitmachmesse, Aktivitäten für Kinder, viel Musik und selbstverständlich auch mit Honigbienen. Alle Studierenden und Mitarbeiter der Universität sind herzlich dazu eingeladen – das aktuelle Programm findet sich stets auf www.polytechnische.de.

Autor: Stephan M. Hübner

Literatur-Tipp: Bauer, Thomas: In guter Gesellschaft. Die Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft in Frankfurt am Main. Verlag Waldemar Kramer, 2010.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4-2016 des UniReport erschienen [PDF].