Der Ausgang des Referendums in Großbritannien hat Wissenschaftler und Studierende verunsichert. Im aktuellen UniReport wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Zusammenarbeit mit britischen Unis gefährdet ist.

Dass das Ergebnis des „Brexit“-Referendums über den EU-Austritt Großbritannien knapp ausfallen könnte, war durchaus bekannt. Aber mit einem Votum für den Brexit dürften die wenigsten Beobachter gerechnet haben. Wenn Großbritannien aus der EU austritt – wie und in welchem Zeitraum ist zum jetzigen Zeitpunkt noch ungewiss – wären wahrscheinlich auch akademische Austauschund Forschungsprogramme davon betroffen. Angehörige der britischen Unis dürften mehrheitlich für „Remain“ gestimmt haben, denn ein weltoffenes und mobiles Großbritannien dürfte Akademikern wohl in hohem Maße zugutekommen. Zudem profitieren die britischen Universitäten auch finanziell von der EU: Die FAZ beruft sich in einem Artikel über mögliche Folgen auf HESA, die Statistik-Agentur für britische Hochschulen, nach der landesweit die britischen Hochschulen rund sechzehn Prozent ihrer Forschungsgelder direkt von der EU erhalten.

Studium: Austausch auch jenseits von ERASMUS

Die Brexit-Entscheidung dürfte eine gewisse Symbolwirkung haben und wirkt nicht gerade wie eine Einladung an ausländische Studierende, Großbritannien als Zielland zu wählen. „Damit werden geradezu die Recruitment-Bemühungen britischer Universitäten, die sich größtenteils gegen den Brexit ausgesprochen hatten, sabotiert“, erklärt Almut Rhode, Abteilungsleiterin Partnerschaften und Mobilität beim International Office. Die Goethe-Universität werde sich aber dafür einsetzen, dass die für Wissenschaftler und Studierende äußerst wichtige Zusammenarbeit mit der britischen Seite weiterhin in beidseitigem Interesse stattfindet.

Fünf Prozent aller Studierenden in Großbritannien kommen aus Europa, und deren Situation könnte sich durchaus verschlechtern, denn bislang bezahlen Europäer die gleichen Studiengebühren wie Briten, die Gebühren werden bei 9.000 Pfund (p.a.) gekappt. Nichteuropäer hingegen zahlen manchmal das Dreifache. Wie sieht es aber aus mit Programmen wie ERASMUS? Großbritannien ist bei Studierenden der Goethe-Uni nach Frankreich und Spanien auf Rang 3 der beliebtesten ERASMUS-Länder. Im akademischen Jahr 2015/16 sind 48 Studierende der Goethe-Uni im Rahmen des Programms an 14 britische Hochschulen gegangen. An die University of Birmingham, mit der die Goethe-Universität eine Strategische Partnerschaft verbindet, gingen insgesamt sechs Studierende – fünf davon werden über ERASMUS, einer aber über die Strategische Partnerschaft zwischen den Unis gefördert.

„Ein Studierenden-Austausch zwischen Deutschland und Großbritannien wäre sicherlich auch außerhalb von ERASMUS denkbar“, sagt Mathias Diederich, der beim International Office für die Strategischen Partnerschaften zuständig ist. Er sieht daher die Situation nicht so dramatisch. „Selbst eine weitere Beteiligung Großbritanniens am ERASMUS-Programm auch ohne EU-Mitgliedschaft wäre theoretisch möglich – im Falle der Türkei geht das ja auch“, betont er.

In der Forschung vorerst keine Einschnitte

Wie sieht es aber aus im Bereich Forschung? „Die Briten sind bisher sehr aktiv im EU-Forschungsbereich, so dass ein Austritt aus dem Rahmenprogramm Horizon 2020 weitreichende Folgen für die europäische Förderlandschaft hätte. Da Großbritannien bisher sehr von Horizon 2020 profitiert, vermute ich stark, dass sie in diesem Bereich eine weitere Zusammenarbeit anstreben werden. Für die laufenden Vorhaben dürfte der geplante Austritt ohnehin keine unmittelbaren Auswirkungen mehr haben“, sagt Kristina Wege, EU-Referentin im Research Service Center der Goethe-Universität. Noch ist aber unklar, wann Großbritannien überhaupt nach Artikel 50 des EU-Vertrages den Austritt bei den anderen EU-Staaten ankündigen wird. Doch wer nun auf Petitionen setzt, die ein neuerliches Referendum herbeiführen wollen, sollte sich keine zu großen Hoffnungen machen. Prof. Stefan Kadelbach, Professor für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Goethe Uni, betonte jüngst in einer Diskussion zum Brexit: „So lange abstimmen, wie man gerade möchte? Nein, denn der Brexit war von einer Mehrheit gewünscht.“

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4-2016 des UniReport erschienen [PDF].