Bereiten den Start des Mercator Science-Policy Fellowship-Programms vor: Annette Wieckowski vom HMWK unterstützt im Rahmen ihrer Jobrotation die Abteilung »Forschung & Nachwuchs« (FuN) bei der strategischen Netzwerkarbeit. Dr. Justus Lentsch, Leiter der Abteilung FuN, hat gemeinsam mit der Stiftung Mercator das Mercator Science-Policy Fellowship-Programm entwickelt, Foto: Dettmar

Bereiten den Start des Mercator Science-Policy Fellowship-Programms vor: Annette Wieckowski vom HMWK unterstützt im Rahmen ihrer Jobrotation die Abteilung »Forschung & Nachwuchs« (FuN) bei der strategischen Netzwerkarbeit. Dr. Justus Lentsch, Leiter der Abteilung FuN, hat gemeinsam mit der Stiftung Mercator das Mercator Science-Policy Fellowship-Programm entwickelt. Foto: Dettmar

Ein innovatives und in seiner Art in Deutschland einzigartiges Programm will Führungskräfte aus dem sogenannten Policy-Sektor sowie Forschende der Rhein-Main-Universitäten (RMU) und ihrer Partnerorganisationen ins Gespräch bringen. Entscheider aus Politik, öffentlichem Sektor und Zivilgesellschaft auf nationaler und europäischer Ebene sollen sich mit Hilfe des Mercator Science-Policy Fellowship-Programms ein neues Netzwerk in die Wissenschaft aufbauen können. Dies soll es ihnen ermöglichen, für ihre Arbeitsfelder die Expertise von Spitzenwissenschaftlern heranzuziehen und mit diesen aktuelle Fragestellungen zu diskutieren.

Die Geschäftsstelle für das Mercator-Programm wird in die Abteilung Forschung und Nachwuchs integriert; die Goethe-Universität übernimmt die Koordination des Programms. Im Oktober 2016 soll das Programm mit rund 20 »Fellows« – so die Bezeichnung für die teilnehmenden Führungskräfte aus dem Policy-Sektor – starten.

Welchen Mehrwert das Fellowship-Programm für die Goethe-Universität und die Gestaltung der Politik haben kann, erklären Dr. Justus Lentsch, Leiter der Abteilung Forschung und Nachwuchs (FuN), und Annette Wieckowski aus dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die zurzeit im Rahmen einer Jobrotation FuN unterstützt.

GoetheSpektrum: Führungskräfte aus Politik, Verwaltung oder NGOs sind vielbeschäftigte Leute. Womit locken Sie diese an die RMU?

Dr. Justus Lentsch: Mit dem Mercator Science- Policy Fellowship-Programm möchten wir einen übergreifenden Gesprächszusammenhang zwischen Universitätsgemeinschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft stiften. Die dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen erfordern einen Austausch zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit Perspektiven aus Politik, Wirtschaft, öffentlichem Sektor und Zivilgesellschaft.

Zu vielen aktuellen Fragen – von der Finanzwirtschaft über Konfliktforschung und normative Ordnungen, Bildung bis hin zu Klimawandel oder Green IT – finden sich an RMU-Universitäten herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich auf ein Gespräch mit Blick über den Tellerrand freuen. Oder denken Sie an Trends und Innovationen wie beispielsweise »RegTech«, also die Entwicklung neuer IT-basierter Dienstleistungen, mit denen Regulation und Compliance im Finanzsektor unterstützt werden. Für so ein Thema müssen Sie viel über IT, IT-Sicherheit, Finanzmärkte, Recht und über gesellschaftliche Trends wissen. Wo sonst werden Sie in Europa einen Ort finden, an dem Sie über die unterschiedlichen Facetten dieses Themas mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Gespräch kommen können?

Aber sind Wissenschaft und Wirtschaft nicht ohnehin im Austausch?

Annette Wieckowski: Klar, es gibt bereits einen vielfältigen und für beide Seiten befruchtenden Austausch. Aber gerade zwischen Politik, öffentlichem Sektor und Zivilgesellschaft sind die Grenzen zur Wissenschaft (und umgekehrt) vielfach undurchlässig. Dies gilt mitunter selbst für einschlägige Ministerien. Diese fehlenden, aber dringend benötigten Brücken zwischen Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft möchten wir gemeinsam mit der Stiftung Mercator bauen.

Policy - was ist das?

Policy bezeichnet in der Politikwissenschaft die inhaltliche (materielle) Dimension von Politik; im Deutschen wird diese inhaltliche Dimension üblicher Weise durch die Angabe der verschiedenen Politikfelder angegeben (bspw. Wirtschaftspolitik, Umwelt- oder Energiepolitik). Eine etablierte Übersetzung des Begriffs »Policy« gibt es bislang nicht. (Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung)

Wie soll der Austausch konkret funktionieren?

Lentsch: Wir wollen pro Jahr bis zu 20 Entscheiderinnen und Entscheider, die in Ministerien, Verbänden oder Nichtregierungsorganisationen an der inhaltlichen Gestaltung von Politiken mitwirken, für einige Tage an die Goethe-Universität einladen.

Die Programm-Geschäftsstelle wird für jeden Policy-Fellow ein maßgeschneidertes und an seinen Fragen orientiertes Programm aus persönlichen Gesprächen und anderen Dialogformaten organisieren und so neue Arten der Interaktion befördern. Zudem werden die Fellows als Gastwissenschaftler in die akademische Gemeinschaft der Rhein-Main-Universitäten integriert und in das Alumni-Programm der RMU-Universitäten als »Science-Policy Partner of Preference« aufgenommen. Auf diese Weise können Entscheiderinnen und Entscheider mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten über ihre Themen sprechen und dabei ihr professionelles Netzwerk um Kontakte in die Spitzenforschung erweitern, die ihnen als Multiplikatoren und für ihre inhaltliche Arbeit in Zukunft sehr nützen können.

Werfen wir einen Blick auf die andere Seite: Welchen Mehrwert bietet das Programm unseren Wissenschaftlern und der Goethe-Universität?

Lentsch: Mit dem Mercator Science-Policy Fellowship-Programm möchte sich die Goethe- Universität noch stärker als Impulsgeberin für gesellschaftliche Innovationsprozesse positionieren. Als Bürgeruniversität fühlen wir uns dem Leitspruch »Wissenschaft für die Gesellschaft« verpflichtet. Mit ihrem Konzept »Third Mission: Partnerschaften für gesellschaftliche Innovationsprozesse« ist die Goethe-Universität gleichzeitig eine von bundesweit fünf Pilothochschulen im Transfer- Audit des Stifterverbands. »Third Mission « meint dabei Kooperationen zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen, die einen systematischen Mehrwert für Forschung und Lehre zeitigen. Die Kooperationen zu Politik, öffentlichem Sektor und Zivilgesellschaft sind dabei eine wesentlicher Schwerpunkt.

„Wo sonst werden Sie in Europa einen Ort finden, an dem Sie über die unterschiedlichen Facetten dieses Themas mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Gespräch kommen können?“

Seitens der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Fachbereichen gibt es ein großes Interesse, und es laufen bereits außerordentlich viele Kooperationen. Über das Mercator-Programm bekommen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Gesprächen mit den Policy-Fellows neue Ideen und Fragen. Vor allem aber erhalten sie individuelle Einblicke aus erster Hand zu den komplexen Herausforderungen, mit denen sich Führungskräfte aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft heute auseinandersetzen:

Welche Fragen stellen sich dort? Wie laufen Entscheidungsprozesse ab? Welches Know-how ist dort vorhanden, und welche Expertise wird in diesen Organisationen vielleicht noch benötigt? Nicht zuletzt wird das Programm das wechselseitige Verständnis für die jeweils andere Perspektive und »Denke« innerhalb der Wissenschaft und auf der anderen Seite in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft befördern.

Sie arbeiten eng mit dem Centre for Science & Policy der University of Cambridge zusammen, das seit einigen Jahren Erfahrungen mit einer ähnlichen Initiative gesammelt hat. Was berichten die britischen Kollegen?

Wieckowski: In Cambridge wurden sehr positive Erfahrungen mit dem Science-Policy Fellowship-Programm gemacht. Seit seinem Start im Jahr 2011 haben mehr als 200 einflussreiche Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und tertiärem Sektor daran teilgenommen. Mehr als 1100 Forscher und Experten sind bisher von dem Programm erreicht worden. Eine Erhebung unter den Fellows in Cambridge unterstreicht den Erfolg des Programms:

70 Prozent haben ein besseres Verständnis davon bekommen, was die Wissenschaft zu bieten hat und wie und wo sie die richtigen Gesprächspartner finden. 91 Prozent haben neue Perspektiven für ihre laufende Arbeit gewonnen, und 75 Prozent haben ihr Netzwerk erweitert. Alle Fellows würden das Programm dort weiter empfehlen. Aber auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben den Austausch schätzen gelernt: Grenzen werden mit dem Programm überwunden, Einschätzungen überdacht, und allgemein erhöht sich das Verständnis für die komplexen Herausforderungen im Policy Sektor, so ihr Feedback.

Auch wenn dies ursprünglich gar nicht beabsichtigt war: Das dortige Science-Policy Fellowship-Programm hat sich schließlich zu einer der effektivsten Public-Relations- Maßnahmen der University of Cambridge entwickelt. Daher arbeiten wir in Frankfurt eng mit der Abteilung PR und Kommunikation zusammen. Denn als Bürgeruniversität ist für uns eine hohe Resonanz in Politik, öffentlichem Sektor und Zivilgesellschaft ein ganz wichtiger »Nebeneffekt«. [Die Fragen stellte Imke Folkerts]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.16 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.