Prof. Christoph Deutschmann; Prof. Karl-Heinz Paqué; Moderator Jürgen Kaube; Dr. Lisa Herzog; Prof. Werner Plumpe (v. l. n. r.). Foto: Frank

Prof. Christoph Deutschmann; Prof. Karl-Heinz Paqué; Moderator Jürgen Kaube; Dr. Lisa Herzog; Prof. Werner Plumpe (v. l. n. r.). Foto: Frank

Das Thema „soziale Ungleichheit“ beschere Veranstaltern heutzutage volle Säle, meinte einleitend etwas spöttisch der Volkswirt Prof. Karl-Heinz Paqué (Magdeburg), gerade mit Blick auf die von Thomas Piketty und anderen losgetretene Debatte. Auch im Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg war das Interesse am Thema groß. Das Podium, besetzt mit Ökonomen, Historikern, Soziologen und Philosophen und moderiert von Jürgen Kaube (FAZ), versprach einen vielschichtigen Blick auf die neu aufgeworfene soziale Frage. Der Soziologe Prof. Christoph Deutschmann (Tübingen) wollte den Kapitalismus streng von der sozialen Marktwirtschaft unterschieden wissen. Die Märkte für Kapital und Arbeit erzeugten prinzipiell ein entschiedenes Maß an Ungleichheit, das heute sogar wieder stärker zutage trete. Dr. Lisa Herzog, Politische Philosophin am Institut für Sozialforschung an der Goethe-Uni, betonte hingegen, dass eine wichtige Grundlage des Kapitalismus gerade die rechtliche Gleichheit der Akteure sei. Allerdings könne eine große soziale Disparität diese formale Gleichheit untergraben. Es herrsche heute eine große Skepsis gegenüber dem Fortschritt-Paradigma, Zuwächse kämen nicht mehr der Mehrheit zugute.

Der Wirtschaftshistoriker Prof. Werner Plumpe (Goethe-Universität) betonte, dass die Armen der Gesellschaft heute „revolutionär“ besser lebten als beispielsweise im 18. Jahrhundert; der Unterschied zwischen Reich und Arm sei nur noch ein gradueller, kein kategorialer. Plumpe wies auf einen weiteren Aspekt hin: Der Kapitalismus stünde nicht zuletzt deswegen für eine historische Zäsur, weil die Reichen ihr Vermögen nun nicht einfach mehr ausgäben, sondern durch Investitionen in Fabriken und industrielle Arbeit sogar noch vergrößerten. Die Armen wären als Kunden entdeckt worden, fortan müssten Massenbedürfnisse befriedigt werden. Wer als Vermögender hingegen keine Investitionen tätige und sein Geld einfach nur horte, erfahre nur wenig Wertschätzung seitens der Gesellschaft.

Jürgen Kaube fragte in die Runde, wie vor dem Hintergrund heutiger Krisen und Wachstumsgrenzen das Wirtschaftswunder der 50er Jahre in Deutschland einzuschätzen sei. „In den 70er Jahren war man überrascht über die Wirtschaftskrise, weil man einfach nicht die Sondersituation Deutschlands erkannte, das nach einem fatalen Weltkrieg einiges nachzuholen hatte“, erklärte Plumpe. Die heutigen Wachstumsraten seien in Vergleich mit denen der 50er Jahre zwar recht mager, aber im Großen und Ganzen sei das der ökonomische Normalzustand, ergänzte Karl-Heinz Paqué. Selbst in Zeiten des Booms der Gründerjahre nach 1870 sei die Wirtschaft im Deutschen Reich nur sehr moderat gewachsen.

Abschließend warfen die Diskutanten noch einen Blick auf das Bildungssystem. Christoph Deutschmann beklagte eine zunehmende Ökonomisierung der Hochschulbildung im Zeichen von Bologna. Das modulare System und die Credit Points seien Ausdruck des Faktors Zeit, wie man es aus der industriellen Arbeitsorganisation kenne. Lisa Herzog warnte davor, dass unterschiedliche Zugänge zur Bildung, basierend auf unterschiedlich verteiltem kulturellem Kapital, eine weitere Segregation befördern könnten. „Der Wandel des deutschen Bildungssystems in den letzten 60 Jahren ist beispiellos“, insistierte Werner Plumpe. Eine Überforderung des Bildungssystems, das gar nicht auf derart viele Gymnasiasten und Studierende ausgerichtet sei, könne allerdings dazu führen, dass die Reichen dem staatlichen Bildungssystem den Rücken kehren. Paqué beklagte eine „falsche Anbetung“ akademischer Bildung. Mit dem Dualen System habe Deutschland ein Erfolgsmodell, das unbedingt gestärkt werden sollte.

Die Podiumsdiskussion „Soziale Ungleichheit: Voraussetzung, Problem oder Chance des Kapitalismus?“ am 21. März war Teil des Themenjahres 2015/16 des Historischen Kollegs »Varianten des Kapitalismus – der atlantische Raum und Asien«. Wissenschaftlicher Koordinator ist Prof. Andreas Fahrmeir.
Infos zur Veranstaltung auf der Homepage des Forschungskollegs Humanwissenschaften