Dr. Victor Toom, wissenschaftlicher Mitarbeit am Institut für Soziologie an der Goethe-Universität

Dr. Victor Toom, wissenschaftlicher Mitarbeit am Institut für Soziologie an der Goethe-Universität

Der Soziologe Dr. Victor Toom von der Goethe-Universität ist Mitautor eines Offenen Briefes zu Forderungen nach mehr Befugnissen für die Polizei nach Freiburger Mordfall.

Seit bekannt wurde, dass der mutmaßliche Mörder der Freiburger Studentin Maria ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan ist, werden die Stimmen immer lauter, die eine Ausweitung der polizeilichen Möglichkeiten bei der DNA-Analyse fordern. In einem Offenen Brief fordert eine Gruppe von Geistes-und Sozialwissenschaftlern aus Frankfurt, Freiburg und England eine differenzierte Diskussion über das Thema, um die geforderte Gesetzesänderungen tiefgreifend zu beleuchten. Unkritische Technikgläubigkeit, so die Verfasser, sei eine Gefahr für die Demokratie und für die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien.

„Ich habe nichts zu verbergen, also habe ich auch nichts zu verlieren“: Diese Haltung sei weit verbreitet, wenn es um den Einsatz von DNA-Analysen in der Ermittlungsarbeit geht, meint Victor Toom, wissenschaftlicher Mitarbeit am Institut für Soziologie an der Goethe-Universität. Sollten in Zukunft jedoch neueste Erkenntnisse in der Genetik dazu beitragen können, Prioritäten in der Ermittlung zum Kreis der Verdächtigen bei einem Kapitalverbrechen zu setzen, dann könne unter Umständen „jeder zum Verdächtigen werden“. Informationen, die durch neue genetische Analysearten von DNA-Spuren abgeleitet werden, sind nicht zu 100 Prozent genau und können auch auf eine falsche Fährte führen, wenn sie vorschnell interpretiert werden. Natürlich sehe auch er, dass mit einer Gesetzesänderung auch Chancen verbunden seien, indem Täter schneller gefasst werden könnten. Es sei jedoch wichtig, dass im Vorfeld einer solchen Änderung intensiv über die Folgen diskutiert werde. Im Freiburger Klima der Angst und Empörung sei das derzeit kaum möglich.

In ihrem Schreiben weisen die Wissenschaftler auf die Risiken hin, die mit dem Einsatz detaillierter Genanalysen verbunden seien. Während die technischen Standards bei der Anwendung mittlerweile sehr gut sind, kann es doch immer an anderen Stellen oder im Vorfeld zu Verunreinigungen, Verwechslungen und Missverständnissen kommen. So stehen einzelnen spektakulären Fahndungserfolgen auch desaströse Pannen gegenüber. Beispiel: Das „Heilbronner Phantom“, das für den Mord an einer Polizistin verantwortlich gemacht wurde, sich letztlich aber als Mitarbeiterin der Firma herausstellte, die die verwendeten Wattestäbchen herstellte. Zuvor allerdings waren aufgrund des genetischen Abgleichs monatelang Frauen aus „Reisenden Familien“ verdächtigt worden; die Ermittler nahmen hunderte DNA-Proben.

Prof. Thomas Lemke, Inhaber der Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft

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Darüber hinaus hätte eine Gesetzesänderung unter Umständen Auswirkungen auf die Datensicherheit und den Schutz der Privatsphäre, rechtliche Prinzipien wie Unschuldsvermutung, Beweislast und Verhältnismäßigkeit der Mittel stünden auf dem Spiel. Wo setzt man Grenzen bei der Anwendung der DNA-Analyse? Was geschieht mit den gewonnenen Daten? Dürfen Datenbanken verschiedener Einrichtungen untereinander abgeglichen werden? Über all diese Fragen müsse vor einer Gesetzesänderung ausführlich diskutiert werden, meinen die Wissenschaftler.

Insbesondere geht es um drei verschiedene Technologien, die in dem Offenen Brief angesprochen werden: die familiäre Suche mittels DNA-Datenbanken der Polizei, die Ableitung äußerer Merkmale aus der DNA und die Vorhersage von biogeographischer Herkunft. Da es sich insbesondere bei den letzten beiden nur um Wahrscheinlichkeiten auf der Basis zum Teil zweifelhafter Datensammlungen handelt, sehen die Verfasser und Unterzeichner des Briefes die Gefahr von Ungenauigkeiten und Fehleinschätzungen. Auch die Vergleichsdatenbanken stellen ein Problem dar. In Ländern, wo die Polizei mehr Befugnisse hat, werden zum Teil sogar die genetischen Daten aus Krankenhäusern in die Ermittlungen einbezogen, ohne das Einverständnis der Patienten einzuholen.

„Wer behauptet, DNA-Analysen in der polizeilichen Ermittlungsarbeit seien einfach, trivial, zuverlässig, unproblematisch und eindeutig, und damit impliziert, die Technik bedürfe keiner sozialen, ethischen und rechtlichen Eingrenzung, der irrt nicht nur: Er handelt unverantwortlich“, so lautet der Schlusssatz des Offenen Briefes. Zu den Autoren gehört auch der Frankfurter Soziologe Dr. Victor Toom, der sich in seiner Forschung mit der Problematik auseinandersetzt.

Link zum Offenen Brief: https://stsfreiburg.wordpress.com/