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Robert Gugutzer ist Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Goethe-Universität

Der Soziologe Robert Gugutzer erforscht die Stimmung beim Public Viewing. Der UniReport hat sich mit ihm in der neuen Ausgabe darüber unterhalten.

Herr Gugutzer, die Fußball-EM steht vor der Tür: Für einen Sozialwissenschaftler des Sports sicherlich ein Highlight, haben Sie in Ihrem Institut eine Urlaubssperre verhängt?

Die EM ist für den fußballinteressierten Sozialwissenschaftler natürlich etwas Besonderes. Aber weder wird es für meine Mitarbeiter eine Urlaubssperre geben, noch erhalten sie vier Wochen Urlaub, um die EM zu schauen.

Wie gehen Sie da vor: Schauen Sie sich quasi wie ein normaler Zuschauer die Spiele an?

Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich Profession und Hobby miteinander verbinden kann. Wenn ich mir ein Spiel live anschaue, dann meist als Fußballfan. Der Wissenschaftler kommt erst danach ins Spiel, zum Beispiel, weil ich mich über etwas gewundert oder geärgert habe und daraus eine Forschungsfrage entwickele. So bin ich unter anderem auf das Thema Public Viewing gekommen.

Der Begriff „Public Viewing“ wird im Englischen interessanterweise für die „Leichenschau“ verwendet. Was macht das Phänomen interessant für einen Sozialwissenschaftler?

Dem Soziologen Erving Goffman zufolge lautet die soziologische Grundfrage etwas salopp gesagt: „Was geht hier eigentlich vor?“ Das kann man sich beim Public Viewing natürlich auch fragen: Was geht beim Public Viewing eigentlich vor sich? Wer geht da hin und was machen die Leute dort? Nach welchen Regeln läuft ein Public Viewing ab, welche Erwartungen sind damit verknüpft? Aber auch: Was sagt es über ein Land aus, in dem diese Art Fußballfankultur populär ist, was in Deutschland ja seit der Fußball-WM 2006 der Fall ist? Oder: Wie entsteht eigentlich Stimmung beim Public Viewing, und warum entsteht sie manchmal nicht, obwohl doch alle alles Mögliche dafür tun?

Public Viewing kann mit anderen Worten auch ,scheitern‘, beziehungsweise, es kann dazu kommen, dass sich die spezifische Stimmung nicht einstellt?

So ist es. Die Übertragung eines Fußballspiels auf einer riesigen Leinwand im öffentlichen Raum, das von vielen, eng beieinander stehenden, singenden, klatschenden, trötenden Menschen gemeinsam angeschaut wird, ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Stimmung. Wichtig ist zusätzlich zum Beispiel die richtige Spieldramaturgie. Wenn ein Spiel nach 30 Minuten 5 : 0 für die gegnerische Mannschaft steht, wie 2014 im WM-Halbfinale für Deutschland gegen Brasilien, kommt kaum Stimmung auf – bei den brasilianischen Public Viewings war das so, und vielleicht auch manchen deutschen, weil die Spannung fehlte. Auch nasskaltes Wetter ist eher nicht förderlich für Stimmung, wie es auch Nachmittagsspiele schwerer haben als Spiele bei Dunkelheit. Ein Rezept für eine tolle kollektive Atmosphäre gibt es jedenfalls nicht.

Sind Sie jemand, der Public Viewing mag oder schauen Sie lieber in der Kneipe?

Am liebsten schaue ich Fußball alleine zuhause, in die Kneipe gehe ich schon auch, aber nicht mehr zum Public Viewing. Ich will das Spiel sehen und dabei nicht von anderen abgelenkt werden, weil sie mir die Sicht auf die Leinwand versperren oder ‚kluge‘ Kommentare abgeben.

Viele Kritiker sehen im Public Viewing ein Symptom der Verflachung – hat das mit der Erlebnisgesellschaft zu tun?

„Verflachung“ würde ich nicht sagen, da es impliziert, dass das Fußballschauen oder gar das gesellschaftliche Zusammenleben früher irgendwie „hochwertig“ oder „wertvoller“ war. Ich wüsste nicht, was das heißen soll. Ohnehin ist es nichts Neues, dass viele Menschen wenigen anderen Menschen bei deren sportlicher Aktivität zusehen. Das war bei den antiken griechischen und römischen Spielen schon so, und zu Fußballspielen Anfang des 20. Jahrhunderts kamen auch bereits zehntausende Zuschauer. Gerhard Schulzes Überlegungen zur „Erlebnisgesellschaft“ helfen aber durchaus zu verstehen, warum Public Viewing so populär ist. Zur Erlebnisgesellschaft gehört die „Erlebnisrationalisierung“, das heißt, die gezielte, systematische Suche nach Erlebnissen – erkennbar daran, dass heutzutage alles Mögliche ‚eventisiert‘ wird. Der Fußball ist hierfür besonders geeignet, weil sich viele für ihn interessieren, er an einem besonderen Ort stattfindet, leicht zu verstehen und zu konsumieren ist, Spannung bietet und unterhaltsam ist und so weiter.

Die Puristen unter den Fußballfans finden das wahrscheinlich nicht so gut.

Klar, die echten Fans finden die Eventisierung des Fußballs furchtbar. Wenn Sie „Purist“ sagen, könnte man den Gegensatz von E- und U-Kultur heranziehen: Der Fußball-Purist, der für seinen Verein lebt und über viel Sachverstand verfügt, entspräche dann dem gebildeten Opernliebhaber und der relativ fachunkundige Besucher eines Public Viewings dem Konsumenten banaler Popmusik. Der Purist ist der leidenschaftliche Fachmann, der an der Sache interessiert ist, der typische Public-Viewing-Gucker ein Schön Wetter-Fan, den primär das Event interessiert.

Wie wäre denn in Deutschland das Interesse an der EM, wenn sich das deutsche Team nicht qualifiziert hätte (eine Erfahrung, die die Niederländer wieder machen müssen)?

Ja, die armen Holländer … Nein, ich bedauere wirklich, dass sie nicht dabei sind. Das Interesse wäre in Deutschland bestimmt geringer, wenn die eigene Mannschaft nicht qualifiziert wäre. Vermutlich würden nur echte Fußballfans die Spiele verfolgen. Und Public Viewing im größeren Rahmen, also auf öffentlichen Plätzen oder in Stadien, gäbe es sehr wahrscheinlich gar nicht.

Seit dem „Sommermärchen“ im Jahre 2006 werden EM und WM auch in Deutschland viel öffentlicher gelebt: Autos werden mit Fähnchen geschmückt, Fans bemalen sich et cetera. Ist das aus Ihrer Sicht ein durch und durch friedlicher ,Patriotismus‘ oder gibt es auch fragwürdige Aspekte?

Die Diskussionen über den „neuen Patriotismus“, die es 2006 gab, hatten wesentlich mit dem Überraschungsmoment dieser Aktionen zu tun. Dass so viele Menschen ganz selbstverständlich und stolz mit Deutschland-Symbolen in der Öffentlichkeit auftraten, war für manche irritierend. Inzwischen gibt es diese Diskussion nicht mehr, was meines Erachtens bestätigt, dass es sich um einen friedlichen Patriotismus handelt. Ich halte die deutschen Fußballfans mehrheitlich für relativ unpolitisch. Als Münchner erinnert mich das Fanverhalten beim Public Viewing ohnehin sehr ans Oktoberfest, hat also eher mit einem „Party-otismus“ als mit Patriotismus zu tun.

Sind denn von den Spielern politische Botschaften zu erwarten? Ein Philipp Lahm hat sich ja einmal kritisch zur Krise in der Ukraine geäußert.

Das ist kaum zu erwarten. Abgesehen davon, dass die EM in einem politisch unbedenklichen Land stattfindet, erhalten Profi-Fußballer heutzutage eine Medienschulung, um ja immer das Richtige zu sagen. Fußballer sehen sich selbst außerdem primär als Sportler und nicht als politische Akteure – ‚die wollen ja nur spielen‘. Deshalb wird es auch keinen Fußballer geben, der Kritik an der WM 2022 in Katar üben wird oder gar freiwillig auf eine Teilnahme verzichten würde. Das wäre aber auch zu viel von ihnen erwartet, schließlich äußern sich ja nicht mal Fußballfunktionäre kritisch hierzu. Ich fände es eine tolle Sache, wenn ein nationaler Verband von der Bedeutung Deutschlands sagen würde: Eine Fußball- WM in der Wüste, in einem Land ohne Fußballtradition, das Menschenrechte missachtet – das boykottieren wir. Dazu wird es nur leider nicht kommen.

Viel wird über die verkrusteten Strukturen von FIFA und UEFA diskutiert – erwarten Sie durchgreifende Änderungen in der Ära nach Blatter?

Ich wäre sehr überrascht, wenn es zu bedeutenden strukturellen Änderungen käme. Der Blatter-Nachfolger Gianni Infantino hatte in seiner Wahlrede zwar einige Reformen angekündigt, aber was daraus wird, bleibt abzuwarten. Ich bin skeptisch, weil er meines Erachtens zu sehr „Familienmitglied“ der UEFA und FIFA ist. Der gemeine Fußballfan interessiert sich dafür aber eh kaum, was schade ist, weil ein „Aufstand von unten“ vielleicht doch etwas bewirken könnte.

Das gibt es auf Vereinsebene schon.

Richtig, von Seiten der so genannten „Ultras“. Diese organisierten kritischen Fans findet man aber nur im Vereinsfußball, nicht jedoch im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft.

Wie sehen Sie, dass nun auch am Montag Bundesliga-Spiele stattfinden?

Das folgt der Logik des professionellen, durch und durch kommerzialisierten Fußballs. Aus Sicht der meisten Fans ist das ärgerlich, denn viele werden an diesem Wochentag nur schlecht ins Stadion gehen können. Aus Sicht der Vereine und Verbände ist das hingegen nachvollziehbar, weil das zusätzliche Fernsehgelder bedeutet, sofern die Spiele übertragen werden. Wenn man sieht, wie astronomisch hoch die TV-Einnahmen in der englischen Premier League sind, muss sich die deutsche Bundesliga sehr anstrengen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das Montagsspiel wird die Einkommensdifferenz zu England natürlich nicht wirklich verringern, aber zumindest für die ‚kleineren‘ Vereine ist das womöglich eine nicht unbedeutende Einnahmequelle.

Sie sind Sozialwissenschaftler des Sports – inwiefern spielen auch spielimmanente Dinge wie Taktik oder Spielzüge eine Rolle?

Das Soziale beginnt ja, einfach gesagt, dort, wo zwei Menschen miteinander zu tun haben, daher interessiert sich die Soziologie selbstverständlich auch für das, was auf dem Platz passiert. Mit dem Soziologen Norbert Elias kann man zum Beispiel die 4-4-2 oder 3-5-2-Systeme im Fußball als „Figurationen“ beschreiben und fragen, wie solche Figurationen die soziale Dynamik innerhalb und zwischen den beiden Mannschaften bedingen. Oder, ganz aktuell: Nach dem Halbfinal-Hinspiel in der Champions League gegen Atletico Madrid beklagten sich einige Spieler von Bayern München über den „stumpfen Rasen“, der es verhindert habe, dass sie ihr Passspiel aufziehen konnten. Praxissoziologische Ansätze helfen zu verstehen, inwiefern ein Artefakt wie der Rasen ein „Mitspieler“ ist, der das soziale Geschehen auf dem Platz beeinflusst.

Es gibt immer mehr Experten, die sehr eloquent und unter Zuhilfenahme von Technik im Fernsehen Fußball analysieren. Der Goethe-Uni-Alumnus Jürgen Klopp war einer der ersten. Wie sehen Sie das als Wissenschaftler?

Ich sehe das als gute Möglichkeit, die Differenz zwischen Laien (den Zuschauern) und Experten (Trainern) etwas zu reduzieren. Gerade mit den technischen Visualisierungsmöglichkeiten kann dem Zuschauer das Spiel gut erklärt werden. Jürgen Klopp hat das toll gemacht. Mit seinen Strichen und Pfeilen hat er dem Zuschauer Spielzüge erklärt oder Stellungsfehler aufgezeigt und so zu deren Expertisierung beigetragen.

Wie sehen Sie die deutschen Chancen bei der EM, welches Team wird gewinnen?

Ich glaube nicht, dass das deutsche Team die EM gewinnen wird, dazu scheint es mir auf einigen Positionen nicht gut genug besetzt zu sein. Und einen Weltmeisterbonus gibt es natürlich nicht. Aber fürs Halbfinale könnte es trotzdem reichen. Mein Favorit ist Frankreich aufgrund des Heimvorteils, und Belgien traue ich eine Überraschung zu wie Griechenland 2004.

Die Fragen stellte Dirk Frank

Zum Weiterlesen

Gugutzer, Robert: Public Viewing als sportiv gerahmtes kollektivleibliches Situationsritual. In: Körper und Ritual. Sozial- und kulturwissenschaftliche Zugänge und Analysen, Hg. v. Robert Gugutzer und Michael Staack. Berlin: Springer 2015, S. 55–70.