Ein Beitrag von Anna Braam, Dania Hückmann und Maria Stalla


Die Zukunft der jungen Generation in Deutschland und auch in Italien steht im Schatten zweier Krisen, Covid-19 und dem Klima-Notstand. Dass die Regierungen so unterschiedlich auf diese Szenarien reagieren und in beiden Fällen die 18- bis 30-Jährigen kaum im Blick haben, wirkt auf diese, gelinde gesagt, ernüchternd. Zum exzessiven Verbrauch der ökologischen Ressourcen der Zukunft kommen mit den nationalen Konjunkturpaketen und dem europäischen Hilfspaket nun unermessliche finanzielle Schulden hinzu. Heute geboren zu werden, bedeutet eine Welt der Unsicherheit und der ökologischen und finanziellen Schuldenberge zu erben – auch die demografische Zuspitzung wird sich ab 2025 enorm bemerkbar machen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer, in Rente gehen. Der Umgang mit der Pandemie ist für junge Menschen nicht ohne Zynismus, wurde die Wissenschaft doch zum engsten Berater der Regierungen, während dieselben Regierenden den zentralen Slogan der Jugendbewegung für den Klimaschutz -„Listen to Science“ – bisher weitgehend ignorieren. Das Krisenmanagement stellt die Weichen für eine Zukunft, die von Regierenden wie Angela Merkel (66), Giuseppe Conte (55) und Ursula von der Leyen (61) bestimmt, aber nicht mehr erlebt werden wird. Die Corona-Krise zwingt Regierenden – und auch der Bevölkerung – eine Flexibilität im Denken und ein ständiges Neu-Justieren im Handeln auf, die vor einem Jahr undenkbar gewesen wären. Im Vordergrund steht dabei eine Verantwortung füreinander und zwar auf lokaler und europäischer Ebene. Die momentane Situation beinhaltet damit eine Chance, die europäische Jugend auch im politischen Bereich mit in die Verantwortung zu nehmen, ihr also eine aktivere Rolle im Gestalten ihrer Zukunft zuzugestehen und damit den Glauben an die Demokratie und an Europa zu stärken.

Die Corona-Krise belastet die Jugend in Deutschland wie in Italien besonders, da durch sie Zukunftspläne und -perspektiven radikal ins Wanken kommen. In Italien steigt die Jugendarbeitslosigkeit, die nach der Finanzkrise 2008/9 gerade einem Abwärtstrend gefolgt war, seit der Coronakrise wieder dramatisch und auch in Deutschland wird sich der knapp unter 6% liegende Wert in einer Zeit nicht halten können, in der der neue Trend Kurzarbeit heißt und prekäre weil oft befristete Beschäftigungsverhältnisse keine Jobsicherheit gewährleisten. Die sogenannten “Digital Natives” dürften die gleiche Erfahrung gemacht haben wie wir – mitnichten fühlen wir uns wohl in einer voll digitalen Welt, das analoge Miteinander fehlt schmerzlich. Da junge Menschen sozial deutlich aktiver sind und ihre Peer Groups eine wesentliche Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung spielen, wurden sie durch social distancing viel stärker in ihrem Alltag eingeschränkt als Ältere.

Die Klima-, aber insbesondere die Corona-Krise bieten nicht zuletzt einen Nährboden für negative psychische Auswirkungen bis hin zur Depression bei Jugendlichen. Psychologische Studien belegen, dass junge Menschen besonders stark von den Einschränkungen und Kontaktbeschränkungen betroffen sind. So erfüllen laut der Mannheimer Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit 57 Prozent der befragten 16- bis 25-Jährigen Kriterien einer psychischen Belastung (leicht bis schwer), 38 Prozent sogar einer mittleren bis schweren. Im internationalen Vergleich habe sich gezeigt: Je stärker der Grad der Isolation, desto größer das Risiko einer psychischen Belastung. Vergleicht man den Grad der Einschränkungen in Deutschland mit denen in Italien, dann handelte es sich hier um Ausgangsbeschränkungen und nicht um einen Lockdown wie Italien ihn erlebte. Auch für junge Menschen bedeutete dies oftmals, dass sie in Wohnungen ohne Balkon oder Garten ausharren mussten, eine bislang unbekannte Einschränkung und Disziplinierung, die bis heute die Angst vor weiteren Lockdowns schürt. In Deutschland konnten wir an uns selbst und anderen beobachten, wie der Rückhalt der Familie für viele junge Deutsche wichtiger wurde, viele verbrachten Monate bei ihren Eltern auf dem Land statt in ihren kleinen Wohnungen in der Stadt. Für alle gilt gleichermaßen – Covid-19 lässt wenig Raum für zwischenmenschlichen Austausch und gemeinsame Erfahrungswelten. Das Anhalten der Krise führte daher auch zu Gegenreaktionen junger Leute wie Abschlussfeiern in Kampanien und geheimen Raves in Berlin.

Die der Covid-Krise zugeschriebene Akzelerator-Funktion trifft die Jugend besonders im sozialen Bereich: Covid verschärft Ungleichheiten in jedem Land und in Europa generell. Wer kann es sich leisten, auf den Minijob im Café zu verzichten, wer kann durch die Eltern weiter unterstützt werden, wenn der Ausbildungsplatz gestrichen, der Jobeinstieg erschwert und Abschlüsse verschoben werden? Jede Zukunftsperspektive steht im Schatten alltäglich gewordener Drohkulissen mit denen die junge Generation sich oft allein gelassen fühlt. “Lost” wurde nicht ohne Grund zum Jugendwort 2020 gewählt.

Von den Klimademonstrationen abgesehen, hat unsere Generation sich bisher noch nicht durch ihren besonders revolutionären Geist hervorgetan und selbst Fridays for Future löst weniger Konflikte als Applaus seitens der Eltern aus. Natürlich reagierte nicht die gesamte junge Generation mit Aktivismus auf den Klima-Notstand, sondern einige auch mit Passivität. Was die junge Generation jedoch klar von ihren Eltern unterscheidet, ist, dass sie aufgrund der demographischen Schieflage nicht nur auf die emotionale, sondern auf die politische Unterstützung ihrer Eltern- und Großelterngeneration angewiesen ist. Politiker und Politikerinnen wie Conte und von der Leyen verkaufen das “Meistern” der Corona-Krise als Neustart. Wir hoffen, dass dies auch ein Neustart für die Jugend sein wird.

Optimistisch stimmt dabei die Reaktion vieler junger Menschen zu Beginn der Krise. Obwohl Corona geradezu zur Passivität verdammt, zeigt sich in unserer Wahrnehmung seit Beginn der Pandemie vor allem die italienische Jugend solidarisch gegenüber den älteren Generationen. Auch in Deutschland gab es viele kreative Initiativen, um Ältere zu unterstützen, beispielsweise die #NachbarschaftsChallenge. Wo die Solidarität anfangs jedoch fehlte, war auf der europäischen Ebene. Italien fühlte sich alleingelassen und damit stieg auch die Skepsis gegenüber dem Projekt Europa. Dabei handelt es sich bei der heutigen Jugend um die erste europäische Generation, die ohne Grenzen aufgewachsen und etwa durch Erasmusprogramme eng verflochten ist. Generell ist die EU bei jungen Menschen deutlich beliebter als bei den älteren Bevölkerungsgruppen. Die Young Europe Studie 2019 der TUI Stiftung zeigte, dass eine positive Einstellung junger Menschen gegenüber der EU und der europäischen Zusammenarbeit vor allem in Deutschland (Platz 1) und Italien (Platz 2) vorherrscht.

Die globale Jugendbewegung für Klimaschutz zeigt, wie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Problem und ein gemeinsames Ziel die junge Generation einen, stärken und politisieren kann. Dabei könnte die politische Landschaft unterschiedlicher nicht sein: Während Deutschland eine zunehmend starke grüne Partei hat, ist das italienische Pendant äußerst schwach; Klima- und Umweltinitiativen finden meist nur auf lokaler Ebene statt. Trotzdem stehen die jungen Menschen beider Länder weiter kreativ für ihre Klimaziele ein, verschieben wegen Corona die Proteste auf Onlineportale und platzieren Schilder statt Menschen vor dem Reichstag. Beispiele wie diese zeugen von einem weitestgehend positiven, verantwortungsvollen und partizipativen Demokratieverständnis der nächsten Generation. Genau diese Werte müssen gestärkt und vor Desillusionierung geschützt werden. Eine starke europäische Jugend ist der nachhaltigste Schutz gegen rechte Meinungsmache.

Die junge Generation kann insofern als privilegiert gelten, als sie ohne Krieg im eigenen Land und ohne innerdeutsche Grenzen aufgewachsen ist. Für uns stellt Covid-19 die erste globale Krise dar, die uns selbst direkt im Alltag erreicht. Zugleich sind die Millennials die erste Generation seit der Nachkriegszeit, der es schlechter geht als ihrer Elterngeneration. Wie die Generationenbilanz der Mittelschichtstudie der OECD von 2019 zeigt, schrumpft die Mittelschicht zusehends: Während in der Generation der Babyboomer noch 70 Prozent der Haushalte ein mittleres Einkommen verzeichneten, sind es bei den Millennials nur noch 60 Prozent im gleichen Lebensalter. In Italien haben die heute 18- bis 35-Jährigen sogar rund 17 Prozent weniger Einkommen als ihre Eltern, wie die renommierte italienische Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore berichtet.

Der Bruch mit dem Status quo, den wir heute erleben, führt der Jugend unmittelbar die Notwendigkeit vor Augen, sich aktiv einzubringen. Das würde aber auch bedeuten, dass die zahlenmäßig weit überlegenen und damit demokratisch entscheidenden Gruppen, den Jungen Raum zugestehen müssen. Es gibt mehr alte Wähler als junge und damit entscheiden die Alten per se über die Zukunft der Jungen. Ihrem politischen Engagement steht also ein demographisches Ungleichgewicht entgegen. Neben einem generationsübergreifenden Dialog könnte hier die Senkung des Wahlalters helfen. Hätten etwa mehr junge Briten wählen können, wäre der Brexit am Europagefühl der Jungen gescheitert.

Im Bezug auf die Orientierung an und das Ernstnehmen der Wissenschaft klafft der Umgang der Regierenden mit der doppelten Krise harsch auseinander. Während Regierende wie Bevölkerung geradezu obsessiv die Zahlen der Infizierten, der Todesfälle, der Betten auf Intensivstationen verfolgen, rückt das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, immer mehr ins Utopische. Eine von Fridays for Future beauftragte Studie des Wuppertaler Instituts geht der Frage nach, ob die Bundesregierung die 1,5 Grad noch einhalten könnte, und zeigt: technisch ist es möglich, hängt aber vom politischen Willen ab. Die Flexibilität und das Umdenken, die für eine solche Kehrtwende nötig wären, legen die Regierenden in Bezug auf die Corona-Krise durchaus an den Tag. Der Umgang mit der Corona-Krise steht zwar im Zeichen der Exekutive, positiv bewerten wir dagegen den Mut des Ausprobierens und das Abwägen der Konsequenzen. Plötzlich lässt sogar die deutsche Regierung in Berlin von der schwarzen Null ab und treibt auch in Brüssel einen 750 Milliarden schweren europäischen Hilfsfonds voran. Diese experimentelle Herangehensweise der Regierenden ist nicht nur – wie Fridays for Future – den Prinzipien der Wissenschaft verpflichtet, sondern trägt auch Züge des Idealismus junger Menschen, kurz, ihrem Glauben daran, dass struktureller und wirtschaftlicher Wandel und damit eine bessere Zukunft für alle möglich ist.

Für die Jugend bedeutet das Corona-Hilfspaket “Next Generation EU” zunächst einmal eine enorme finanzielle Bürde, die auf ihrer Zukunft lastet. Das Hilfspaket könnte aber auch für eine Bereitschaft der Europäischen Union stehen, von etablierten Denkmustern abzulassen und eine in diesem Sinne kreative Antwort auf die Corona-Krise und den Klima-Notstand zu finden. Hierfür spricht auch, dass 30% der Mittel des Corona-Fonds (wie auch des EU-Haushalts) für Klimaschutz verwendet werden sollen. Um jedoch dem Namen der EU Initiative “Next Generation” gerecht zu werden und die sozialen Unsicherheiten und die Arbeitsmarktprobleme der jungen Menschen zu bekämpfen, ist eine stärkere Förderung von Bildung, beispielsweise von Erasmus+ und zwar auch für Ausbildungsplätze sowie Innovationsförderung etwa im Bereich der Gründungsförderung unerlässlich.

Liegt in dem EU-Hilfsfonds also die Möglichkeit, gleich zwei Krisen gemeinsam zu meistern – und dabei neue, dialogorientierte Beteiligungsformate auszuprobieren? In Bezug auf Corona wird immer wieder die Solidarität der Jugend für die älteren Generationen eingefordert. Doch zugleich ist es nun auch an den älteren Generationen, sich mit den jüngeren solidarisch zu zeigen und sich für den Klimaschutz und (Aus-)Bildungsinvestitionen einzusetzen. Um den Generationenkonflikt in Richtung einer gegenseitigen Solidarisierung zu verschieben, braucht es den Dialog, den aktiven Austausch und eine Vorstellung von Generationengerechtigkeit, die in beide Richtungen geht. Ein gelungenes Beispiel dafür ist die “Ring your Granny”-Kampagne in Irland: Junge Iren riefen ihre Großeltern an, um sie davon zu überzeugen, beim Referendum zur Ehe für Alle für die Öffnung der Ehe zu stimmen. Der Appell der Enkelkinder wurden gehört und das Referendum angenommen.

Eine Generation alleine kann die doppelte Krise unserer Zeit nicht meistern. In der generationsübergreifenden Zusammenarbeit liegt der größte Hebel, um gemeinsam Zukunft zu gestalten. Damit dieser Dialog nicht eine bloße Floskel bleibt, brauchen junge Menschen jetzt wirkungsvolle Beteiligungsmöglichkeiten und einen Platz am Verhandlungstisch, angefangen bei einer Wahlaltersenkung über Nachwuchsquoten für junge Politiker und Politikerinnen in Parteien und Parlamenten. Zur Bekämpfung sowohl der Corona-Pandemie als auch der Klima-Krise brauchen wir neben der gebotenen Kurzfristigkeit im politischen Handeln zugleich eine langfristige Vision, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen. Die aktive Mitgestaltung muss aber nicht zuletzt von jungen Menschen in Italien, Deutschland und Europa eingefordert werden, mit dem Mut zum politischen Ausprobieren.

Anna Braam (32) arbeitet als Vorstandsvorsitzende der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen und ist Mitglied der Scientists for Future;
Dania Hückmann (42) ist Germanistin und Mitglied des Goethe-Vigoni-Discorsi Kollegiums;
Maria Stalla (25) ist Politikwissenschaftlerin und eine der ersten Stipendiat*innen der Goethe-Vigoni Discorsi.


Dieser Artikel erscheint in der Reihe Goethe-Vigoni Discorsi.