Das italienische Epos der Moderne schlechthin, I Promessi Sposi (Die Verlobten) von Alessandro Manzoni, beginnt mit der Schilderung eines Blicks auf die Arme des Comer Sees. Wo sonst wäre eine Verortung dessen zu finden, was das bezaubernde deutsche Wort Italiensehnsucht auszudrücken versucht, als in diesem Blick auf eine Zwischenwelt, mit den Alpen im Rücken und dem Süden am Horizont. In vollkommener Erhabenheit fällt er von der Terrasse der einstigen Sommerresidenz des gebürtigen Frankfurter und schließlich Mailänder Kaufmanns und Bankiers Heinrich Mylius (1769 –1854) auf den ideellen Mittelpunkt des Comer Sees, wo sich jener in die beiden unteren Arme teilt.

Es war dieser Blick von der Villa Vigoni in Menaggio aus, heute das Deutsch-Italienische Zentrum für den Europäischen Dialog, der eine kleine Frankfurter Delegation am 12. Oktober für einen Moment vergessen ließ, dass sie nicht etwa trotz, sondern wegen der Folgen der Corona-Pandemie in die Region von deren europäischem Ausbruch gereist war.

Villa Vigoni wirkt, gemeinsam mit dem Land Hessen, dem Italienischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und La Repubblica als Konsortionalpartner der Goethe-Universität im Programm der Goethe-Vigoni Discorsi. Wir entwickelten die Idee als Antwort auf die Frage, ob wir uns mit der coronabedingten Absage des Europasommers der Goethe-Universität 2020, der die deutsch-italienische Partnerschaft gefeiert hätte, zufriedengeben wollten und das Programm dieses Festivals einfach auf das Jahr 2021 verschieben können. Stattdessen haben wir Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichsten Bereichen, aus Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft, aus der Medizin oder den Künsten dazu eingeladen, die Krise zu reflektieren und nach Stichworten für ein stärkeres Europa zu suchen. Die Serie begann mit einem Appell des Dalai Lama (Wir alle müssen uns kümmern, FAZ, 4. Juli 2020); am 29./30. Juli manifestierten Jürgen Kaube und Maurizio Molinari in FAZ und La Repubblica die Kooperation beider Zeitungen beim Abdruck der Essays. Die Spanne reicht von Durs Grünbein bis Christian Sewing, von Maurizio Ferraris bis Roberto Saviano; vollständig werden die Beiträge in einer Buchausgabe versammelt werden.

Darüber hinaus warten wir mit Ringvorlesungen in Mailand und Frankfurt auf die Wiederöffnung der Hörsäle, planen ein Symposion im Kloster Eberbach, und konnten mit Mitteln des Landes Hessens drei Stipendien für wissenschaftlichen Nachwuchs vergeben. Es waren Ricardo Haupt, Maria Stalla und Leonardo Veneziani, die in der Villa Vigoni den Studientag German-Italian ideas for a new start als Hybridveranstaltung konzipierten. In den Panels „Politics, Cities and Sustainability“, „Business and Ecconomy“ und „Culture, Young Generation and Innovation“ wurden Diskussionen fortgesetzt, die mit den Goethe-Vigoni Discorsi angestoßen worden waren.

Einen stillen Anlass für unsere Präsenz in der Villa Vigoni gab die Ceremony „Rose Bianche“, die Einweihung eines Gedenkortes für die Opfer der Pandemie und die unzähligen Helferinnen und Helfer, die diese Krise zu überwinden versuchen. Das Memorial liegt am Tempietto, den Mylius zum Andenken an seinen früh verstorbenen Sohn errichten ließ. Eben in Sichtweite von „Jenem Arm des Comer Sees…“, wie es bei Manzoni heißt.

Wolfgang Schopf


Nachzulesen sind die bislang erschienenen Goethe-Vigoni Discorsi
auf Deutsch unter
https://www.uni-frankfurt.de/Goethe_Vigoni_Discorsi,
auf Italienisch unter
https://www.villavigoni.eu/project/goethe-vigoni-discorsi


Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 5.20 des UniReport erschienen.