UniReport: Frau Prof. Wolff, der erste Abend der Reihe ist unter anderem auch dem Gedenken an 30 Jahre Mauerfall gewidmet. Was ist Ihre eigene persönliche Erinnerung an den 9. November?

Birgitta Wolff: Die Ankunft am 10. November 1989 an meinem Praktikumsplatz in der Deutschen Bank Melbourne. Alle KollegInnen völlig aufgelöst, Aussies mit Tränen der Rührung in den Augen: „Are you going to be reunited now?“ Einziges Problem: Wolff war völlig ignorant. Kein Internet, kein Mobiltelefon, nicht einmal Frühstücksfernsehen im College-Wohnheim. Was – in australischer Nacht – zuvor im fernen Europa passiert war, war nicht nur im Wortsinne ganz weit weg. Aber es kam dann ganz schnell näher. Noch während meines Praktikums akzeptierten die ersten KollegInnen neue Jobs in den schnell entstehenden Geschäftsstellen jenseits des gefallenen Eisernen Vorhangs… Als ich Ende März 1990 nach Deutschland zurück kam, sah Europa anders aus!

Sie haben selber an der Uni Magdeburg gelehrt und waren Wissenschaftsministerin in Sachsen-Anhalt. Gibt es Ihrer Ansicht nach immer noch einen gravierenden Mentalitätsunterschied zwischen Ost und West? Oder sind die Gründe für das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in sozialen und ökonomischen Verwerfungen zu sehen, die es ebenso im Westen der Republik gibt?

Auch 30 Jahre nach der Wende mag es immer noch an etlichen Stellen Be- und Empfindlichkeiten geben. Die schnelle und manchmal vielleicht auch zu schnelle Abwicklung der DDR-Staatsbetriebe hat viele Existenzen erschüttert. Jedoch darf man nicht vergessen, dass es für eine solche Wiedervereinigung kein historisches Vorbild gegeben hat.
So gesehen ist das Zusammenwachsen zweier Staaten doch insgesamt ein Erfolg, bei allen berechtigten Kritikpunkten. Der Rechtspopulismus und -extremismus ist keine Spezialität des Ostens. Es steht auch gar nicht fest, dass nur jene, die sich als sozial ‚abgehängt‘ betrachten, rechtsextreme Parteien wählen. Unter den Wählern finden sich auch viele ökonomisch Bessergestellte. Ob allein die Fluchtmigration des Jahres 2015 für das Erstarken rechter Parteien verantwortlich ist, ist auch umstritten. SozialwissenschaftlerInnen wie Cornelia Koppetsch sehen eher in der Globalisierung Gründe für eine umfassende wirtschaftliche, politische und kulturelle Verunsicherung. Anstatt also Ost und West oder arm und reich gegeneinander auszuspielen, geht es sicherlich eher darum, diese Skepsis gegenüber der Globalisierung, die man im Übrigen auch in anderen westlichen Ländern antrifft, besser zu verstehen und politisch darauf angemessen zu reagieren.

Hochschulen sind Orte diskursiver Auseinandersetzungen um das bessere Argument. Doch diese Freiheit der Wissenschaft muss, wie die letzten Jahre gezeigt haben, auch verteidigt werden. Welche Rolle könnte der Wissenschaftsbetrieb für die Demokratie übernehmen? Kann er Vorbild sein oder überfordert man ihn damit?

Auch die Freiheit der Wissenschaft muss immer wieder verteidigt werden, wie die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen. Indem die Universitäten die Freiheit der Wissenschaften verteidigen, übernehmen sie auch für die Demokratie einen wichtigen Dienst. Hochschulen sollten auch die Orte sein, an denen – wissenschaftsgeleitet – intensiv über gesellschaftlich strittige Fragen diskutiert wird. Dabei folgt die Logik wissenschaftlicher Diskurs- und Erkenntnisprozesse dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Einschüchterungen und Drohgebärden, ob von rechts oder links, haben an einer Universität nichts zu suchen.

Die Demokratie braucht Orte des Gedenkens und der öffentlichen Debatte. In welche Richtung könnte sich Ihrer Meinung nach die Paulskirche entwickeln, wie könnten Bürgerinnen und Bürger an einer Neuausrichtung der Wiege der deutschen Demokratie partizipieren?

Die Paulskirche ist der zentrale Gedenkort der deutschen Demokratie. Gleichzeitig übernimmt sie als Veranstaltungsort die Funktion, gesellschaftlichen Debatten eine würdige Form zu geben. Wir haben heute eine andere Debattenkultur als noch vor 50 Jahren, Partizipation ist ein wichtiges Stichwort: Bei einer Neuausrichtung sollte man versuchen, neue Wege zu beschreiten, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von Herkunft, Bildung und Geschlecht, an der Gestaltung dieses Demokratieortes zu beteiligen. Ich würde mich freuen, wenn die Paulskirche sich zu einem Ort entwickeln würde, an dem der Geist der Demokratie nicht als etwas „Steinernes“, sondern als höchst Lebendiges zu erleben ist.

Die Fragen stellte Dirk Frank

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.19 des UniReport erschienen.

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