Prof. Dr. Kira Kosnick; Foto: Dettmar

Prof. Dr. Kira Kosnick; Foto: Dettmar

Die Soziologin Prof. Kira Kosnick analysiert die aktuelle Diskussion über Einwanderung und Sexismus seit den Vorfällen an Silvester in einigen deutschen Großstädten.

Wer dachte, es gäbe zu den Ereignissen der Silvesternacht in Köln und anderswo so gar nichts Amüsantes zu sagen, hat insofern Recht, als dass sexuelle Gewalt an Frauen in unserer Gesellschaft viel zu oft bagatellisiert wird. Dies geschah im Zuge der sogenannten ‚Sexmob‘- Vorfälle, wie die Bild Zeitung die Ereignisse betitelte, allerdings nicht, im Gegenteil: die Täter und die ihnen zur Last gelegten Taten bestimmen seit Beginn des Jahres die Schlagzeilen quer durch die bundesdeutsche Medienlandschaft.

Der Kölner Polizeipräsident tritt zurück, Vertreter und Vertreterinnen der großen Parteien fordern Konsequenzen. Und Konsequenzen zeichnen sich bereits ab. Allerdings nicht so sehr hinsichtlich der von feministischer Seite schon lange geforderten Reform des Sexualstrafrechts, die als Gesetzentwurf nun schon länger in den Schubladen lag, sondern hinsichtlich der Asyl- und Integrationsdebatte, die seit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen 2015 immer heftiger geführt wird.

Der Umstand, dass die Männergruppen, von denen die Gewalt in der Silvesternacht ausging, von ‚nordafrikanischem Aussehen‘ waren und inzwischen ein Teil von ihnen als Asylsuchende identifiziert wurden, gilt vielen Stimmen als unumstößlicher Beleg dafür, dass sich mit den Zugewanderten eine kulturelle Integrationsproblematik verschärft. In einem wachsenden rechtspopulistischen Lager wird die Zuwanderung, insbesondere die von Menschen aus muslimischen Ländern, schon länger mit dem drohenden Untergang des Abendlandes in Verbindung gebracht.

Doch religiöser Extremismus, Gewaltbereitschaft und patriarchale Unterdrückung von Frauen gelten inzwischen in weiten Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft als kulturelle Marker von Zugewanderten, aber auch von in Deutschland aufgewachsenen muslimischen Männern. Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder steht mit ihrer Meinung nicht allein, dass ‚Köln‘ dringend dazu Anlass gäbe, sich mit „gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in muslimischer Kultur“ auseinanderzusetzen, wie sie auf Twitter verkündete.

Kampf der »Kulturen«?

Versuche, dieser Stimmungslage etwas entgegenzusetzen, tun sich auch deshalb schwer, weil die VertreterInnen einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland schon seit den 90er Jahren Gefahr laufen, eine grundlegende Auffassung mit ihren GegnerInnen zu teilen. Auch sie vertreten meist ein Verständnis von Kultur und Religion als grundlegender Merkmale sozialer, in der Regel nationalstaatlich gebundener Gruppen, die sowohl identitätsstiftend als auch handlungsleitend und darüber hinaus traditionsgebunden und historisch stabil sind.

Derart gefasste ‚Kulturen‘ sind nun selbst zu homogenen Akteuren mutiert, die sich scheinbar auf der Weltbühne mehr oder weniger feindlich gegenüberstehen bzw. in Nationalstaaten um Anerkennung konkurrieren oder sich kennenzulernen versuchen. So wuchs auch in der Bundesrepublik beständig die Zahl der interkulturellen Begegnungsstätten, der interkulturellen Wochen, der Festivals der Kulturen, der Ansätze der inter- kulturellen Pädagogik.

Und dementsprechend ging und geht es bei Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens stets um Fragen der kulturellen Anerkennung und des wechselseitigen interkulturellen und interreligiösen Dialogs, und sehr viel weniger um Fragen der rechtlichen und sozio-ökonomischen Einbindung von Zugewanderten. Doch bleibt der Humor in der Debatte dann doch nicht ganz außen vor, wenn der Bundesrichter in Karlsruhe, Thomas Fischer, in seiner ZEIT-Kolumne einen Perspektivwechsel vorschlägt:

„Überlegen wir vielmehr, was wir aus den Erfahrungen mit Sexmobs und Horden schwer alkohol- und testosteronberauschter Jungmänner lernen können. Nehmen wir ein besonders abstoßendes Beispiel: ,Allein der kurze Weg zur Toilette ist der reinste Spießrutenlauf. Drei Umarmungen von wildfremden, besoffenen Männern, zwei Klapse auf den Hintern, ein hochgehobener Dirndlrock und ein absichtlich ins Dekolleté geschütteter Bierschwall sind die Bilanz von dreißig Metern.

Es ist Samstag, 11 Uhr morgens im Hofbräuzelt. Der Wiesntag hat gerade angefangen.‘“ Und er bilanziert ironisch: „Ja, so war das! Wir wissen es noch wie heute. Die vielen Sondersendungen! Der Rücktritt des Polizeipräsidenten! Die aktuelle Stunde im Bundestag! Angela Merkels Videobotschaft an die deutschen Frauen.“ Das Lachen bleibt einem im Halse stecken, doch Fischer verweist auf einen wichtigen Sachverhalt:

Sexuelle Gewalt von jungen Männern, die als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft durchgehen, wird in der Regel als Folge von übermäßigem Alkoholgenuss, Gruppenzwang oder individuellen Problemen gewertet. Die Täter von Köln jedoch haben mit ihrem Verhalten offenbar auf einen Schlag die gesamte Gruppe der Geflüchteten von Syrien bis Marokko diskreditieren können. Selbst schuld? Die Skandalisierung der Straftaten in der Silvesternacht als Integrationsproblematik ist ein erschreckendes Beispiel für die Kulturalisierung des politischen Diskurses.

Kulturell argumentierender Rassismus

Als derart von Kultur (an)getrieben gelten allerdings nicht alle Menschen gleichermaßen: es sind diejenigen, welche ob ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder Religion als ‚fremd‘ wahrgenommen werden, die als Spezieswesen von Kultur herhalten müssen. Die Tat eines Individuums dieser ‚Spezies‘ wird als Ausdruck ihrer Eigenschaften im Allgemeinen gewertet, sie tragen stets die Last der Repräsentation.

Dies war schon zu Zeiten so, als europäische Kolonialherren ihre Unterwerfung von vermeintlich minderwertigen ‚Rassen‘ in anderen Teilen der Welt mit biologischen und genetischen Argumenten unterfütterten. Der spätmoderne, eher kulturell argumentierende Rassismus weist da deutliche Kontinuitäten auf. Die Stoßrichtung vieler antirassistischer Initiativen in Deutschland hat sich auch aus verständlichen historischen Gründen vor allem auf die Bekämpfung rechtsextremer Umtriebe konzentriert.

Doch diese Art von Antirassismus liefert wenig Argumente, wenn es um Zuschreibungen und Ausgrenzungen geht, die an die scheinbare Evidenz von kulturellen Unterschieden als zentrale gesellschaftliche Problemlage anknüpfen. Ein essentialistisches, identitäres Verständnis von Kultur und Religion hat fatale Konsequenzen in einer politischen Situation, in der die patriarchale Unterdrückung von Frauen als unveränderliches Merkmal des Islam oder auch einer ‚arabischen Herkunftskultur‘ betrachtet wird.

Dies als rassistische Diffamierung zu entlarven fällt schwer, wenn zugleich Pegida-Anhänger aus dem Koran zitieren, aber auch Gruppierungen wie die Salafisten medienwirksam ihre Interpretation des Islam als unverrückbare Wahrheit behaupten. Die Behauptung von Kultur als wirkmächtigem Prinzip, das soziale Kollektive anleitet, ist nicht der Mehrheitsbevölkerung vorbehalten.

Statt ethnisch-nationale Kulturen und Religionen jedoch als identitäre Differenzlinien zu sehen, ist es dringend notwendig, sie als politisch eingebettete und historisch wandelbare Phänomene zu begreifen. Könnten Gewalt und Radikalisierung vielleicht auch damit zusammenhängen, dass ein Staat es sich leistet, einen Teil seiner jungen Menschen in die berufliche Perspektivlosigkeit zu entlassen, von denen aufgrund von Unterschichtungsphänomenen wiederum ein signifikanter Teil zumindest in Westdeutschland einen sogenannten Migrationshintergrund hat?

Ebenso wäre zu fragen, wie in den Staaten, aus denen jetzt Menschen fliehen, und die seit Jahrzehnten als Spielball der Weltmächte von autoritären Regimen, militärischen Konflikten und ökonomischen Krisen geprägt sind, eigentlich eine emanzipatorische Geschlechterordnung entstehen sollte. Kultur und Religion können nicht isoliert von geopolitischen Machtverhältnissen, globaler sozialer Ungleichheit und kolonialer Geschichte diskutiert werden.

Das bedeutet aber auch, über die Ränder des eigenen Nationalstaats hinausblicken zu müssen, die auch in dieser Debatte wie so oft die Grenzen des Denk- und Sagbaren abstecken. Die Unfähigkeit oder der Unwille, dies zu tun – außer sich über patriarchale Herkunftskulturen zu echauffieren – markiert eine weitere, folgenreiche Gemeinsamkeit vieler Positionen im aktuellen Diskurs.

Leider haben undemokratische Verhältnisse in Nordafrika jahrzehntelang weder Deutschland noch die EU wesentlich irritiert, solange es autoritären Regimen gelang, die Flüchtlingsrouten aus den südlicheren afrikanischen Ländern Richtung EU gewaltsam abzuschneiden. Die im Moment stattfindenden Verhandlungen über die Schließung der Route nach Griechenland mit einer türkischen Regierung, der massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, lassen in dieser Hinsicht ebenfalls nichts Gutes ahnen.

Doch ist die sogenannte Flüchtlingskrise erst einmal außerhalb der EU-Grenzen gewaltsam unter Kontrolle gebracht, so scheint man in Berlin zu hoffen, lässt sich wieder friedlich der Karneval der Kulturen feiern. Wenn man sich da mal nicht täuscht. Weltweit sind laut UNHCR etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und militärischen Konflikten, Tendenz steigend. Es ist zum Heulen.

Die Autorin: Prof. Dr. Kira Kosnick lehrt und forscht am Institut für Soziologie der Goethe-Universität, sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen Kultur und Migration. Im Wintersemester 2015/16 hat Kosnick die Veranstaltungsreihe „Frankfurter Fragen zu Flucht“ konzipiert. Der letzte Termin ist der Frage „Wie umgehen mit rassistischer Gewalt?“ gewidmet.

Es diskutieren: Dr. Kien Nghi Ha (Kultur- und Politikwissenschaftler, Berlin), Olivia Sarma (Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt/Main) und Dr. Türkân Kanbıçak (Pädagogisches Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums, Frankfurt/ Main).

4. Februar, 19.30 Uhr, Zentralbibliothek der Stadtbücherei Frankfurt, www.fb03.uni-frankfurt.de/58580486/Vortragsreihe