Licht – darüber besteht kein Zweifel – ist einer der zentralen Faktoren für Orientierung. Das betätigen nicht nur die bis heute in der Seefahrt genutzten Lichtfeuer und Leuchttürme. Doch angesichts der Lichtüberflutung aller Orten – Leuchtreklamen, Gebäudebelichtung, Verkehrslichter, Flut- und Industrielicht in Überwachungssystemen – wird die gestaltende Komponente von Licht schnell übersehen und mit ihr die physiologische und die psychologische Bedeutung. Die diversen Lichtinstallationen, die den Stadtraum wie ein Koordinatensystem überziehen, werden oft nicht mehr bewusst wahrgenommen. Dabei sind es gerade diese im öffentlichen oder halböffentlichen Raum angesiedelten Werke, die jedermann rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Sie sind Teil des öffentlichen Raums und in diesem Zusammenhang ein zentraler sozialpolitischer Faktor. Und in Zeiten wie der Corona-Pandemie, die das soziale und kulturelle Leben erheblich einschränkt, stellt sich die Frage nach Alternativen.

Thomas Emde, Lichtinstallation Kaiserdom
St. Bartholomäus, 2010, © Thomas Emde

Dieser Frage hat sich das von Heike Sütter und Viola Hildebrand-Schat angebotene kunstgeschichtliche Seminar angenommen. Die beiden Referentinnen erarbeiten gemeinsam mit ihren Student*innen einen Lightresp. Nightwalk, bei dem die im öffentlichen und halböffentlichen Raum der Stadt Frankfurt angesiedelten Lichtskulpturen erschlossen werden. Die Erschließung sieht neben der Beschreibung die kunst- und architekturgeschichtliche Verortung vor. Und da Licht nicht nur ein künstlerisches Gestaltungsmittel ist, werden sowohl die technischen Voraussetzungen wie auch wahrnehmungstheoretischen Faktoren eingebunden. Entsprechend ist das ambitionierte Vorhaben auf zwei Semester angelegt. Doch bereits nach Abschluss des Wintersemesters 2020/21 werden erste Ergebnisse in Form unter www.lichtkunst-in-frankfurt.de mit Objektbeschreibungen und Routenvorschlägen für einen Lightwalk vorliegen, mit dem sich die individuell „erlaufen“ lassen. Die finanzielle Basis ist dank einer Forderung der Hessischen Kulturstiftung gesichert.

Omnipräsenz der Lichtkunst

Die Positionen des von den Studierenden erarbeiteten Lightwalks erstrecken sich über das ganze Stadtgebiet. Auch wenn rein anteilsmäßig die Schwerpunkte um das Messegelände mit den Arbeiten und das innerstädtische Zentrum liegen, werden doch auch das Universitätsklinikum in Niederrad, die Ausleuchtung der Friedberger Warte von Christian Uitz oder das Grüne-Soße-Denkmal von Olga Schulz in Frankfurt Oberrad neben international renommierten Künstlern wie Leo Villa Real, Tobias Rehberger oder Bill Viola berücksichtigt. Gerade die aus dem Zentrum herausgerückten Positionen lassen nicht nur deutlich werden, wie omnipräsent Lichtkunstwerke sind, sondern auch, welche sozialpolitische, psycho-physiologische und raumstrukturierende Wirkung sie haben. Die Vielfalt erschließt sich zugleich in einer chronologischen Dimension. So knüpft etwa Thomas Emdes Beleuchtung des Kaiserdoms St. Bartholomäus an die spirituelle Dimension des mittelalterlichen Lichts an. Gleichzeitig zeigt Emde, dass die sakrale Dimension des Lichts auch für die zeitgenössische Architektur relevant ist. So hat er seine für das Commerzbank-Hochhaus konzipierte Lichtarbeit so platziert, dass die auf den verschiedenen Etagen angeordneten Wintergärten bei Dunkelheit von Weitem sichtbar sind und so gleichsam das Gebäude diaphan erscheinen lassen. Gleichzeitig werden durch die beiden Lichtkunstwerke Emdes der mittelalterliche Dom und das moderne Hochhaus in Analogie zueinander gesetzt, hat doch das weithin sichtbare Licht am Commerzbank-Hochhaus den Dom als Wahrzeichen und Wegmarke, die er noch bis zum Zweiten Weltkrieg war, ersetzt.

Barbara Trautmann, CROSSOVER, 2014,
Lichtobjekt aus 101 handgefertigten Leuchtstoffröhren in elf hintereinanderliegenden Ebenen, Breite 1170 cm, Höhe 2000 cm, Tiefe 300 cm Kongressgebäude Kap Europa, Messe Frankfurt © Barbara Trautmann, Foto: Wolfgang Günzel

Raumübergreifend und zugleich verbindend wirkte auch die Lichtinstallation „Light Shaft II“ von James Turrell, die auf zwei Standorte verteilt, am Gallileo Art Tower an der Gallusanlage einerseits und – damit korrespondierend – dem unweit gelegenen ehemaligen Gebäude der Dresdner Bank andererseits, sichtbar werden. Mit Turrell ist der wohl bekannteste Vertreter der Lichtkunst in Frankfurt gegenwärtig und umso erstaunlicher ist es, dass Turrells für Frankfurt geschaffenes Werk nicht mehr in Erscheinung tritt, weil es – aus welchen Gründen auch immer –einfach ausgeschaltet ist. Was jedoch bedeutet die Abwesenheit des Lichts für ein Kunstwerk, dessen Essenz im Licht besteht, weil es Licht als Material wie Ausdruck gleichermaßen einbinde. Ist das Werk, auch wenn nicht sichtbar, weiterhin existent?

Andere Arbeiten wiederum, wie der Schriftzug MENSCH auf der Weißfrauenkirche im Bahnhofsviertel, führen zurück in die jüngere Geschichte Frankfurts. Mirek Macke hat für seine Arbeit an der Weißfrauen
Diakoniekirche den Schriftzug des ehemaligen Kaufhaus Schneiders recycelt, wodurch bei manchem auch die Erinnerung an den Brandanschlag der RAF im April 1968 auf das Kaufhaus aufscheinen mag. Zieht man die „ideellen“ Ziele der RAF in Betracht, so lassen sich darüber wiederum Parallelen zu Macke aufzeigen, der für seine Lichtskulptur nicht zufällig das heute von der Diakonie als Kulturzentrum und Obdachlosentreff genutzte Gebäude gewählt hat. Die wenigen Beispiele lassen nicht nur die Vielfalt der Lichtkunst ahnen, sondern weisen die Thematik ebenso als ein interdisziplinär relevantes Forschungs- und Lehrfeld aus, dass umfassende Ansätze der Auseinandersetzung bietet.

Relevanz für berufliche Praxis

Christian Herdeg, Synergie, 1997,
Stahlkonstruktion mit Argonlichtröhren,
O 14 m, Platz der Einheit
© Christian Herdeg, Foto: A.N. Simmen

Mit seiner klaren Zielsetzung ist das Lichtkunst-Projekt zugleich ein Beispiel praxisrelevanter Lehre. Die studentischen Arbeiten fließen in eine Veröffentlichung ein, die das kulturelle Angebot der Stadt Frankfurt erweitert. Da die wenigsten Lichtkunstarbeiten in Frankfurt bislang kunsthistorisch erfasst sind, kommt ihre Einbindung in einen größeren Zusammenhang wie dem Lightwalk einer Pionierarbeit gleich. Die Student*innen sind gefordert, sich mit den jeweiligen baulichen Situationen und den Besitz- und Eigentümerverhältnissen der Gebäude und Orte vertraut zu machen, an denen die Arbeiten lokalisiert sind. Darüber werden die beim kunstwissenschaftlichen Arbeiten schnell übersehenen, jedoch im kunstrelevanten Berufsfeld zentralen Faktoren bewusst. Die Studierenden haben oftmals Gelegenheit, mit den Künstlern wie auch mit den für die Lichtinstallationen Verantwortlichen zu sprechen, dabei Fragen von Copyright und Darstellungsmodi vor dem Hintergrund der Veröffentlichung zu klären. Sie treten somit in Dialog mit einem Erfahrungsraum, der für die spätere berufliche Praxis von eminenter Bedeutung sein wird, der im kunsthistorischen Seminar aber normalerweise nicht zur Sprache kommt.

Viola Hildebrand-Schat

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2021 (PDF) des UniReport erschienen.