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Straßenbahn auf der Münchener Straße

Soziologisches Forschungspraktikum untersuchte Netzwerke im Bahnhofsviertel: Sie ist „[…] bunt, spannend und multikulturell. Und sie schläft (fast) nie.“ (Prinz 2016). Die Münchener Straße in Frankfurt am Main und ihre Seitenstraßen sind geprägt von kultureller Heterogenität und einer großen Vielfalt unterschiedlicher Gewerbe. Im Wintersemester 2015/2016 machten es sich die Teilnehmer eines von Prof. Dr. Christian Stegbauer angebotenen soziologischen Forschungspraktikums zur Aufgabe, den wohl interessantesten Bereich der Stadt auf seine Beziehungsstrukturen hin zu untersuchen. Einige Forschungsfragen waren: Welche Geschäfte kooperieren miteinander? Werden Angebote der unterschiedlichen Kulturen auch tatsächlich miteinander kombiniert? Wer kümmert sich um Wohnungslose und sozial Schwache?

Vom Rotlicht- und Drogenviertel zum Ausgehviertel

Ein Argument für die Auswahl des Untersuchungsgebiets ist der rasante Wandel, der sich seit einigen Jahren dort vollzieht. Was in der Vergangenheit als gefährliche, vom Rotlichtviertel und der Drogenszene geprägte Gegend galt, entwickelt sich gegenwärtig zu einem attraktiven Ausgehviertel. Neben alteingesessenen Kneipen wie der Terminusklause oder dem Moseleck finden sich neue durchgestylte Restaurants und Bars, aber auch Werbeagenturen, Ärzte, Banken und vieles mehr. Dass diese Veränderungen nicht nur sichtbare, sondern auch mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Spuren hinterlassen haben, liegt auf der Hand. Der Zuzug neuer Gewerbearten verändert nicht nur die Beziehungsstruktur unter den Gewerbetreibenden, sondern auch die Möglichkeiten, das Viertel zu nutzen. Die Kombination von Restaurants, Bars, Geschäften unterschiedlichster ethnischer Färbungen macht die Münchener Straße zu einem Ort, an dem seine Besucher innerhalb von wenigen Minuten in zahlreiche Weltkulturen reisen können.

Ob ein Besuch in einem der vielen Restaurants und Geschäfte, die Gerichte und Güter aus aller Welt vertreiben, oder ein Abstecher in Relikte wie das Moseleck, eine Kneipe, wie sie heute nur noch vereinzelt zu finden ist: Die Möglichkeiten der Gegend sind gewaltig. Um sich diese Vielfalt wissenschaftlich zu erschließen, arbeiteten wir in Gruppen von drei bis sechs Studierenden und bearbeiteten kleinere Forschungsfragen, die zueinander komplementär sein sollten. Diese umfassten die Nutzung der Straße, Kooperationen und Austausch in der Welt der Geschäfte, welche Lokale durch ihre Gäste miteinander in Verbindung gebracht werden und welche Essensmöglichkeiten von Hotels und Geschäften in dem Gebiet empfohlen werden.

Ein Teilprojekt beschäftigte sich mit den Einrichtungen für Obdachlose und legte ihren Fokus auf die „Weser 5“ (eine Obdachloseneinrichtung). Insgesamt wurden in unserem Seminar über 330 Interviews (qualitativ und quantitativ) mit unterschiedlichen Adressaten durchgeführt. Wir kooperierten dabei mit einem Geländepraktikum der Wirtschaftsgeographie an der Universität Heidelberg. Die Studierenden aus Heidelberg führten mit uns abgestimmt im selben Gebiet Erhebungen bei Gewerbetreibenden durch. Die Ergebnisse der Heidelberger und der Frankfurter wurden auf einer Kooperationskonferenz in den Räumen des Regionalverbandes Rhein-Main gegenseitig präsentiert.

Verbindungen der Gewerbetreibenden: ethnien- und branchenübergreifend

Wir fanden heraus, dass die Münchener Straße und ihre Nebenstraßen einen Raum darstellen, in dem vielfältige Beziehungen vorhanden sind. Kontakte finden wir nicht nur zwischen den Gewerbetreibenden, sondern auch die Nutzer verbinden die dort vorhandenen Einrichtungen untereinander. Um die Netzwerke zwischen den Gewerbetreibenden zu identifizieren, wurde im Rahmen von Leitfadeninterviews nicht nur nach bestehenden Geschäftsbeziehungen gefragt, sondern auch danach, wen man in Notsituationen um Hilfe bittet oder wen man privat trifft. Das aus dieser Befragung resultierende Ergebnis ist besonders spannend, da sich zeigt, dass die Gewerbetreibenden untereinander ethnien- und branchenübergreifend verbunden sind. Viel wichtiger als die Herkunft der Geschäftsinhaber sind die räumlichen Verhältnisse, sprich, wer sich zu wem in Nachbarschaft befindet. Zwar spielen bei der Anordnung der Geschäfte die Geschichte dieses städtischen Raumes und damit zusammenhängend auch Landsmannschaften eine Rolle, wir finden aber sehr gute Beziehungen auch zwischen den unterschiedlichen Ethnien.

Ecke Münchener Straße/Moselstraße

Ecke Münchener Straße/Moselstraße

Auffällig ist auch die zentrale Rolle eines Kiosks im Untersuchungsgebiet, der von vielen als Kontakt genannt wurde. Wenn wir die Beziehungen dort anschauen, so finden wir eine Art „Gesellschaftslabor“ für ein funktionierendes Modell des Zusammenlebens verschiedener Kulturen auf engem Raum. Allerdings trifft diese Analyse weniger auf die Gewerbetreibenden aus Ostasien, vor allem aus China zu. Sie waren kaum für ein Interview zu gewinnen und wurden auch fast nie von den restlichen Gewerbetreibenden als Kontakt genannt. Mag sein, dass sie eine eigene Community bilden, hierzu fehlt uns aber der Einblick. Eine Sonderrolle kommt auch den Hotels zu, für die eher die Lage am Hauptbahnhof zählt als das Streben nach einer Integration in den Mikrokosmos der Münchener. Gefragt nach Empfehlungen für Restaurants und Ausgehmöglichkeiten, gaben Hotels oft Hinweise auf Einrichtungen außerhalb des von uns untersuchten Stadtgebietes. Teilweise wurde sogar explizit von der Nutzung der Straße abgeraten. Von Interviews mit Passanten und Besuchern verschiedener Einrichtungen haben wir erfahren, dass die Straße tagsüber und abends ganz unterschiedlich genutzt wird.

Während auf der Straße am Tag eher alltägliche Einkäufe und Besorgungen erledigt werden, bietet sie abends Ausgeh- und Feiermöglichkeiten. Die Münchener beherbergt auf kleinem Raum unglaublich diverse Nutzergruppen, was natürlich aus dem breiten Angebot an Gewerbe-, Dienstleistungs-, Kultur- und Sozialeinrichtung resultiert. Von den meisten Besuchern wird diese vorhandene kulturelle Vielfalt sehr geschätzt, auch wenn sich feststellen lässt, dass die Nähe zum Arbeitsplatz von Bedeutung ist. Während das jüngere studentische Publikum lieber in die neuen angesagten Restaurants und Kneipen geht, nutzen beispielsweise gläubige Moslems, die vorrangig zum Moscheebesuch kommen, eher türkische Läden und Restaurants. Allerdings gibt es auch Einrichtungen, die von allen genutzt werden. Diese können als eine Kontaktfläche zwischen den Kulturen angesehen werden (siehe Graphik).

Erhöhtes Sicherheitsgefühl

Eine Voraussetzung für die Entwicklung des Gebietes zum Ausgehort ist das gestiegene Sicherheitsgefühl. Eine Funktion in dieser Hinsicht erfüllen die vorhandenen Einrichtungen für Obdachlose. Dort können sich die Wohnungslosen tagsüber aufhalten, werden versorgt und finden auch einen Platz zum Schlafen. Hierdurch ist diese Gruppe aus dem Straßenbild weitgehend verschwunden. So halten sich die befragten Wohnungslosen kaum in der Straße auf, sie haben auch gar nicht das Geld dafür. Die sozialen Einrichtungen sind bedeutend für die Veränderung des Gebietes, welche weit über die Betreuung von Hilfebedürftigen hinausgeht. Ähnliches gilt für die Drogenpolitik der Stadt. Beides produziert als Nebeneffekt ein höheres Sicherheitsgefühl, welches die Nutzungsmöglichkeiten des Stadtgebietes verändert, eine Aufwertung erzeugt und dabei hilft, neue Gewerbe zu entwickeln. Damit geht allerdings eine Entwicklung einher, die häufig als Gentrifizierung bezeichnet wird.

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Blick von der Münchener Straße Richtung Willy-Brandt-Platz

Es handelt sich um einen Prozess, bei dem das Gebiet an seiner heute attraktiven Buntheit einbüßt und es zu einer Verdrängung eines Teils der heutigen Einwohner kommt. Die Forschung selbst hatte aber auch mit einigen Problemen zu kämpfen. Insbesondere bei den intensiveren Leitfadengesprächen hatten wir es mit sprachlichen Problemen zu tun. In einigen Fällen zeigte sich auch im Interview, dass sich die Befragten vorsichtig über die Beziehungen in ihrem Viertel äußerten. Dies liegt vermutlich an der Bedeutung guter Beziehungen zu den Nachbarn, die gerade in einem so heterogenen Gebiet ein hohes Gut darstellen. So gaben beispielsweise manche Gewerbetreibende ohne Differenzierung an, zu allen eine gute Beziehung zu haben.

Die Kontakte, die in der Münchener Straße und ihrer Seitenstraßen zustande kommen, sind auch wertvoll, weil sie ein Feld für kulturelles Lernen darstellen. So fällt es selbst uns als interessierten Beobachtern manchmal schwer, die ethnische Herkunft der Betreiber einzuschätzen. Unser Wissen über die Kulturen ist für korrekte Aussagen darüber einfach nicht differenziert genug. Abschließend lässt sich feststellen, dass es sich bei dem Gebiet der Münchener Straße nicht nur auf den ersten Blick, sondern auch bei genauerem Hinsehen um einen multikulturell vernetzten Raum handelt. Durch diese heterogene Zusammensetzung entsteht ein einzigartiges Stadtviertel, das seinesgleichen sucht!

[Autoren: Esra Polat, Sarah Schütz, Christian Stegbauer]

Impressionen aus dem Bahnhofsviertel

Die Netzwerkgraphik zeigt, inwiefern die unterschiedlichen Einrichtungen über ihre Besucher miteinander verbunden sind. Die Zentralität wird durch die Größe der Knoten repräsentiert. Orange sind die Knoten eingefärbt, wenn es sich vorwiegend um ein junges Publikum handelt, gelb bei eher älteren Besuchern. Die Breite des blauen Randes steht für muslimische Besucher – je dicker der Rand, umso mehr muslimische Besucher hat die Einrichtung. Bei den Einrichtungen im Zentrum (Bar-Café Plank, Kiosk Yok Yok, Merkez Restaurant und Bayram Döner) handelt es sich gleichzeitig um diejenigen Institutionen, in denen junge Menschen über Religions- und Herkunftsgrenzen miteinander in Kontakt kommen können. Eine Linie zwischen zwei Einrichtungen wird gezeigt, wenn diese über mindestens zwei Personen verbunden ist. Je dicker diese Verbindung ist, umso mehr Menschen verknüpfen diese durch ihre Nutzung. Grundlage der Abbildung: 106 Interviews mit Passanten.

Anmerkung: Einige Punkte auf der Karte sind mit aktiven Links hinterlegt. Einfach drüberscrollen und Sie erhalten weitere Informationen zu den einzelnen Locations. Hier gelangen Sie direkt zur Bildergalerie mit allen Locations.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.16 des UniReport erschienen [PDF]