Goetheanum in Dornach, Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft. Foto: Wladyslaw, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3999348

Goetheanum in Dornach, Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft. Foto: Wladyslaw, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3999348

Esoterische Weltanschauungen stellen sich in ein bewusstes Konkurrenzverhältnis zu den akademischen Wissenschaften. Dennoch hat sich der esoterische Diskurs immer wieder gerade im Umfeld der gesellschaftlich anerkannten universitären Wissenschaften konstituiert.

Esoterische Weltanschauungen versprechen „höhere“, „ganzheitliche“ Einsichten statt kalter, „materialistischer“ Erkenntnis. Damit stellen sie sich in ein bewusstes, wenn auch aussichtsloses Konkurrenzverhältnis zu den akademischen Wissenschaften. Dennoch hat sich der esoterische Diskurs immer wieder gerade im Umfeld und im Schatten der gesellschaftlich anerkannten universitären Wissenschaften konstituiert, zumindest in reflexiver Abhängigkeit von ihren normativen Ansprüchen, so Ansgar Martins in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ zum Thema „Gott und die Welt“.

Esoterische Wissenschaftsparadigmen verdienen längst ein eingehenderes Studium, wie beliebig aufgezählte Beispiele zeigen mögen: Von Newton, der nach wie vor als Gallionsfigur moderner Epistemologie gilt, sind unzählige alchemistische Manuskripte überliefert. Im 18. Jahrhundert begeisterten sich Fichte, Schelling, Hegel und Schopenhauer für den „animalischen Magnetismus“ des romantisch-esoterischen Mediziners Franz Anton Mesmer (1734–1815). Dieser integrierte Hell- und Geisterseherei in den größeren Rahmen eines medizinisch-therapeutischen Selbstverständnisses. Komplementärmedizinische Anthropologien und Therapien sind nach wie vor zutiefst gesellschaftlich verankert. Das prominenteste Beispiel ist vielleicht die anthroposophische „Misteltherapie“ gegen Krebs, die der „Geisteswissenschaftler“ Rudolf Steiner (1861–1925) ersann. Dessen Lehre fand schnell eine breite Rezeption außerhalb seiner expliziten Anhänger, Kafka, Bloch und Beuys zum Beispiel.

Helena Blavatsky. Wikipedia commons

Helena Blavatsky. Wikipedia commons

Es hat sich etabliert, solche gelegentlich als „mystisch“ oder „okkult“ bezeichneten Lehren unter dem Namen „Esoterik“ zu verhandeln, der im Deutschen zuerst 1772 in freimaurerischen Kontexten verwendet wurde. Über seine inhaltlichen Merkmale als Forschungsgegenstand und die Frage, ob er überhaupt inhaltlich definiert werden dürfe, wird wie üblich hitzig gestritten. Es gibt jedoch ein gemeinsames Merkmal vieler einflussreicher Spielarten von Esoterik: Sie positionieren ihre Programme zu den modernen Wissenschaften. Sowohl die kulturgeschichtlich ungeheuer einflussreiche Neo-Theosophie Helena Blavatskys (1831–1891) als auch der „Eranos-Kreis“ im Schweizerischen Ascona, wo Gelehrte wie C. G. Jung, Gershom Scholem, Henry Corbin und Mircea Eliade zusammentrafen, zielten auf eine Kritik des Historismus. Sie suchten nach Wesen und Sinn in den Tiefen der Geschichte, deren Erkennbarkeit durch Quellenkritik und Relativismus bestritten wurde. Dabei postulierten sie verborgene Überlieferungen, die sie normativ aufwerteten und sowohl der ignoranten offiziellen Religionsgeschichte als auch den kalten Naturwissenschaften entgegenstellten.

Esoterik imitiert Wissenschaft und will sie zugleich überschreiten

In Ascona wurde am Programm einer »mystischen« Tiefenharmonie der Weltreligionen gesponnen. Selbst der Ideologiekritiker Theodor Adorno, der etwaiger okkultistischer Interessen unverdächtig ist, übernahm von Scholem die esoterische Traditionskonstruktion einer unterirdischen Mystik: „Über die Demarkationslinien der Religionen hinweg, die einander Häresien sind“, wie er das formulierte. Scholem war nicht Adornos einziger Kontakt zum Eranos-Kreis: Gemeinsam mit Max Horkheimer bemühte er sich um die Universitätskarriere des jungianischen Kulturphilosophen Jean Gebser. Das zeigt nichts als die Dauerpräsenz esoterischer Forscher am Rande der Universitäten.

»Die vergessenen Nach- und Auswirkungen esoterischer Debatten auf die anerkannte Ideengeschichte finden erst in den letzten Jahren steigende wissenschaftliche Aufmerksamkeit und Kritik.«

Und umgekehrt: Ein Teil der gnostischen Schriften von Nag Hammadi fand seinen Weg in die Öffentlichkeit etwa durch das Studierzimmer C. G. Jungs, der sie für seine tiefenpsychologische Heils- und Heilungslehre in Anspruch nahm und damit den Ruf der spätantiken gnostischen Religionen bis heute beeinflusste. Solche imaginären historischen Verbindungen wurden lange auch von Esoterik-Kritikern geteilt, die dann umgekehrt eine dunkle, schädliche irrationale Unterströmung der Geistes- und Religionsgeschichte unterstellten. Die vergessenen Nach- und Auswirkungen esoterischer Debatten auf die anerkannte Ideengeschichte finden erst in den letzten Jahren steigende wissenschaftliche Aufmerksamkeit und Kritik. Lange blieben sie unbeachtet, weil historische Kontextualisierung sich auf akademisch gut beleumundete Quellen beschränkte oder formalistische Zugänge die Einbeziehung ideengeschichtlicher Kontexte ohnehin systematisch boykottierten.

Esoterische Praktiken und Lehren sind „Rejected Knowledge“ (James Webb), Ideen, die wissenschaftlich überholt sind oder niemals etabliert wurden, weil sie sich als »höheren« Zugang zu Konzepten verstanden, die seit der Reformation eher dem Gebiet des Glaubens zugeordnet würden.

Die jüngere Esoterik, von vielen als feige Flucht vor der Moderne verstanden, erweist sich vielmehr als eines ihrer Phänomene und strebt in ihrem Selbstverständnis danach, sich dem »polemischen Diskurs« (Wouter Hanegraaff) der »aufgeklärten« Akademie anzugleichen: „Der Versuch, sich in aufgeklärter Geselligkeit durch die Beschwörung von Geistern die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen statt nur daran zu glauben“, wie die Hallenser Historikerin Monika Neugebauer-Wölk 2008 feststellte. Man darf durchaus an Faust denken: Gesucht ist letztes Wissen, das „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den sogenannten »okkulten Wissenschaften« des Mittelalters und der Frühneuzeit, die sich noch als rechtgläubig im Sinne der kirchlichen Autorität erweisen wollten.

Auf den Punkt gebracht:

  • Die moderne Esoterik imitiert den akademischen Diskurs und versucht, die Möglichkeiten der Wissenschaften mit ihrem Erkenntnisideal, das auf integrale Allwissenheitsmythen und übersinnliche Relevanzstrukturen abzielt, zugleich zu überschreiten.
  • Die »Anthroposophie« Rudolf Steiners, einer der einflussreichsten esoterischen Systembauten, ist nicht nur Mitten in der Gesellschaft angekommen, sondern hat ihren Platz auch an vier deutschen Hochschulen.
  • Die Kunden des esoterischen Markts konsumieren nicht selten konkurrierende Angebote.

Moderne Esoteriker dagegen sehen sich zwar oftmals in Opposition zu einer entfremdeten, „materialistischen“ Welt. Als Alternative bieten sie die Erforschung höherer Bereiche unserer selbst und des Kosmos an. Das merkt man konkret daran, wie spätestens seit den 1930er Jahren von „höheren Energien“, „Geistfunkenatomen“ und „Schwingungen“ die Rede ist oder spirituelle Lebensberatungen sich irgendwie auf konstruktivistische Einsichten der modernen Physik wie die Quantentheorie abstützen wollen. So enthielten theosophische Zeitschriften um 1900 ausführliche Debatten zur visuellen Diagnostik der Aura. Es wurde über konkrete farbige Abbildungen des „Astralleibs“ oder Ähnliches gestritten, die den Menschen in verschiedenen Gemütszuständen oder beim Hören bestimmter Musikstücke darstellten. Dabei wurde offensichtlich der akademische Betrieb, etwa der Diskurs in Fachforen und -zeitschriften, unter Einbeziehung der »höheren Welten« imitiert, Methoden der kontrollierten Falsifikation und Weiterentwicklung hellseherischer Schauungen zu erarbeiten versucht.

Mitten in der Gesellschaft: Steiners Anthroposophie

An den Kontroversen der theosophischen Aura-Forschung um 1900 partizipierte auch der »Geistesforscher« und Lebensreformer Rudolf Steiner. Dessen Weltanschauungskosmos „Anthroposophie“ ist einer der einflussreichsten esoterischen Systembauten. Sie macht deutlich, dass und wie sich die öffentliche Rehabilitierung esoterischer Wissenschaftsansprüche längst an den Debatten der akademischen Wissenschaften vorbei und in ihrer Mitte vollzogen hat. Steiners Schriften – mit Versprechen aus der Ecke: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ – erscheinen seit 2013 gar in „Kritischer Ausgabe“ im renommierten Stuttgarter frommann-holzboog Verlag.

Steiner_um_1905

Rudolf Steiner um 1905. Wikipedia Commons

Der Herausgeber Christian Clement, ein ehemaliger Waldorflehrer, unterrichtet am German Studies Department der mormonischen Brigham Young University. Er will Steiner keinesfalls mit der Theosophischen Gesellschaft verbunden wissen, sondern verortet dessen monistisch-morphologisches Erkenntnisideal in einer dem deutschen Idealismus entstammenden Bewusstseinsphänomenologie. Die empiristisch-objektivistischen übersinnlichen Schauungen habe Steiner bloß als Metaphern und Sinnbilder formuliert, um ein monistisches Menschenbild zu illustrieren. Clements Versuch, Steiner apologetisch einer hochgeschätzten philosophischen Tradition und damit unverdächtigen Vorstellungen anzugliedern, ist ein Grundmodus esoterischer Selbstapologie in öffentlichen Debatten, der den anti-esoterischen akademischen Vorbehalt mehr oder weniger reflexiv integriert.

Derweil haben vier akkreditierte Hochschuleinrichtungen in Deutschland anthroposophische Wurzeln und zum Teil Studieninhalte: Die »Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft« in Alfter bei Bonn bietet ein Graduiertenkolleg Waldorfpädagogik und Studiengänge für den anthroposophischen Ausdruckstanz Eurythmie an, ähnlich die private Universität in Witten-Herdecke. An der Uni Kassel existiert eine „Koordinationsstelle für biologisch-dynamische Landwirtschaft“, eine weitere anthroposophische Reforminitiative, nachdem eine Professur für das Thema auf Widerstand gestoßen war. Auf breitere öffentliche Kritik stießen auch die esoterischen Annahmen von Harald Wallach, der eine Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin am „Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften“ der Universität Frankfurt Oder innehat.

Auf dem Esoterik-Markt wird Absolutes zu Relativem

Ebenso wie vereinzelt esoterische Weltanschauungen im akademischen Diskurs verankert werden, gibt es immer mehr – meist historische – Forschung über die diversen und durchaus widersprüchlichen Spielarten esoterischer Strömungen der Neuzeit, die durch philosophische Kritik und soziologische Analysen komplettiert zu werden verdienen. Dabei wird die esoterische Rhetorik des höheren Wissens als Versuch erkennbar, Glaubensinhalten – es geht eben meist um Christus, Buddha, die Seele und so weiter – den Schleier „objektiver“ Erkenntnis zu verleihen. Die Sehnsucht nach religiös-wissenschaftlicher Objektivität reagiert auf die relativistischen Implikationen von Interkulturalität und einander exkludierenden religiösen Heilsansprüchen.

»Die Kunden des esoterischen Markts konsumieren nicht selten konkurrierende Angebote.«

Die Kunden des esoterischen Markts verhalten sich dementsprechend oft eklektisch und individualistisch. Sie konsumieren nicht selten konkurrierende Angebote, während sich esoterische Gurus und Bewegungen teilweise energisch bekämpfen und exkommunizieren. „Auf dem Markt feilgeboten, wird alles Absolute ganz praktisch zu einem Relativen“, kommentierte dies der Berliner Religionswissenschaftler Hartmut Zinser. Die entstehenden Widersprüche zwischen unterschiedlichen Systemen werden oft unter Verweis auf eine paradoxale Logik erklärt, der Satz vom ausgeschlossenen Dritten durch eine vage postulierte höhere Harmonie der Gegensätze ersetzt. Irrational kann alles erklärt werden.

Die magisch-ganzheitliche Sinngebung durch „höheres Wissen“ vermag der Fragwürdigkeit jeder Heilsgewissheit jedoch nichts entgegenzusetzen, weil sie den Relativismus bloß durch dogmatische Setzung aus dem Jenseits umgehen kann. Schon Nietzsche spottete über die „Hinterweltler“. Ihr Einspruch gegen eine relativistische Wissenschaft zieht das reklamierte Unbedingte selbst in den Bereich des Bedingten und muss daran scheitern. Die über-sinnlichen Strukturen lassen sich nicht wissenschaftlich ausweisen. Denn gerade in der erkenntnistheoretischen Hybris erweist sich esoterisches Wissen eben nicht als außerzeitlich, sondern als abhängig von inzwischen selbst überholten Objektivitätsparadigmen.

Ansgar Martins. Foto: Dettmar

Ansgar Martins. Foto: Dettmar

Der Autor: Ansgar Martins, Jahrgang 1991, studierte Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte an der Goethe-Universität und recherchiert nun für ein Promotionsprojekt zur Philosophie Siegfried Kracauers an der Martin-Buber-Professur für jüdische Religionsphilosophie. Er hat verschiedentlich zur Geschichte und Kritik neuzeitlicher Esoterik publiziert, insbesondere zu ihren rassistischen und nationalsozialistischen Spielarten. Dabei interessiert ihn insbesondere die Transformation religiöser Traditionen im Wirkungsbereich der philosophischen und wissenschaftlichen Moderne. Letzte Publikation: Adorno und die Kabbala, Potsdamer Universitätsverlag (erscheint 2016/7).

Der Artikel ist erschienen in Forschung Frankfurt 1-2016 zum Thema „Gott und die Welt“ unter dem Titel: „Sehnsucht nach absoluter Wissenschaft. Die moderne Esoterik will nicht glauben, sondern wissen„.