Law Clinics an der Goethe-Universität bietet Flüchtlingen Hilfe an; Foto: Hofmann

Law Clinics an der Goethe-Universität bietet Flüchtlingen Hilfe an; Foto: Hofmann

Viele Fragen, wenig Geld und hohe Sprachbarrieren – diese Situation kennen Menschen, die ohne deutsche Staatsbürgerschaft in Deutschland leben. Seit Neuestem bieten deshalb engagierte Jurastudierende der Goethe-Uni Law Clinic (GULC) eine kostenlose Rechtsberatung für Menschen an, die sich eine qualifizierte Beratung sonst nicht leisten könnten.

So geht es zum Beispiel der Familie N. aus Pakistan: Bisher haben die Eheleute erfolglos nach einer sicheren Existenz für sich und ihr Baby in Deutschland gesucht. Als die Familie getrennt werden sollte, traf Frau N. auf einen Studenten der GULC, dem sie ihre verzweifelte Lage schilderte. Was für Familie N. als glücklicher Zufall begann, mündete in eine umfassende (kostenlose) Rechtsberatung an der GULC über die Möglichkeiten, wie sich die Familie weiter rechtmäßig in Deutschland aufhalten und für ihren Lebensunterhalt sorgen kann. Seit der Einrichtung vor einem Jahr hat sich aus dem Projekt GULC eine Anlaufstelle für Personen in ähnlich prekären Lagen entwickelt. Seitdem kommen Klienten – normalerweise vermittelt durch etablierte Sozialberatungsstellen – Rat suchend zur GULC.

Win-win-Situation für alle Beteiligten

Nicht nur die Ratsuchenden, sondern vor allem auch die studentischen Berater der GULC profitieren von diesem Projekt. „Die GULC bietet für Klienten und Studierende eine Win-win-Situation: Wir lernen Rechtswirklichkeit kennen und können dadurch gleichzeitig helfen“, so Madeleine Beul über ihr Engagement als Beraterin. „Wir lernen in wahnsinnig vielen Bereichen Neues dazu – fachliches Wissen, Kulturelles, Zwischenmenschliches und Beratungskompetenz.“ Ihre Studienkollegin Anja Volknant ergänzt: „Das Besondere an unserer Law Clinic ist, dass sie die Möglichkeit bereithält, in Zukunft in einem breiten Spektrum zu beraten. Außerdem stellt das Konzept eine nahezu optimale Beratung der Klienten sicher.“ Für den angehenden Juristen Yacin Amier ist es wichtig, „dass die GULC Hilfebedürftigen die Möglichkeit bietet, ihre Rechte wahrzunehmen. Sie stellt sich damit in den Dienst der Gesellschaft, um Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu verwirklichen“.

Durchdachtes Konzept sichert Qualität der Beratung

Die Studierenden werden auf dem Weg bis zu ihrer ersten Klientenberatung in zwei besonderen Ausbildungssemestern intensiv in den Gebieten des Sozial- und Aufenthaltsrechts vorbereitet. Darüber hinaus gilt es, ihre Sensibilität fükulturelle Unterschiede, ihre Empathie für die oftmals schwierigen Schicksale und Hintergründe der Klienten und ihre beraterische Kompetenz zu fördern. Während des Beratungsprozesses stehen sie in regelmäßigen Kontakt mit einem Volljuristen, der den Fall mit betreut und die fachliche Richtigkeit der Beratung gewährleistet. Diese Supervision kommt wiederum allen Beteiligten zugute, wie eine studentische Beraterin zusammenfasst: „Nicht nur die fachliche Qualität unserer Beratung wird durch unsere Paten-Anwälte sichergestellt, sondern es gibt uns auch ein gutes Gefühl von Sicherheit, wenn wir in dieser verantwortungsvollen Aufgabe Menschen rechtlichen Rat erteilen.“

Hand in Hand mit anderen ehrenamtlich Engagierten

Im Falle der Familie N. fehlte es für die Beratung noch an einer sprachlichen Hilfestellung. Dank eines Pools von ehrenamtlichen Dolmetschern der GULC fand sich schließlich ein (ebenfalls ehrenamtlicher) Urdu-Übersetzer, der zwischen den Beratenden und der Familie vermitteln konnte. Doch nicht nur Dolmetscher, sondern auch andere Ehrenamtliche und Institutionen kooperieren mit der GULC. So sollen einerseits möglichst viele Ratsuchende auf die GULC aufmerksam gemacht werden, andererseits aber auch eine umfassende Beratung, die auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist, sichergestellt werden. Und damit auch die Ehrenamtlichen im Bereich der Flüchtlingshilfe gut über die Rechtslage informiert sind, in der sich ihre „Schützlinge“ finden, unterstützen die GULC-Studierenden sie mit sog. Street Law Workshops. Darin vermitteln sie Basisinformationen über Aufenthalts- und Bleiberechte, die damit verbundenen Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten, finanzielle Unterstützung durch Sozialbehörden etc. – hilfreiches Wissen etwa für Lehramtsstudierende der Goethe-Uni, wenn diese in Schulen Flüchtlingskinder in sog. DAZ-Klassen in Deutsch unterrichten.

Neues Ausbildungsjahr startet im Wintersemester 16/17

Seit Oktober 2015 engagieren sich nun 13 Studierende in der GULC. Als Pilotgruppe hoffen sie auf ein wachsendes Projekt und zahlreiche motivierte Nachfolger. Interessierte Jura-Studierende der Goethe-Universität können sich noch bis Mitte September für den nächsten Ausbildungsturnus bewerben, der im kommenden Wintersemester beginnt. Dabei können sie auf vielfältige und spannende Herausforderungen hoffen, da die GULC sich ständig weiterentwickelt und nach und nach auch thematische Erweiterungen angedacht sind. Der aktuelle Fokus auf den Bereich des Sozial- und Aufenthaltsrecht ist erst der Anfang dieses aufstrebenden Projektes. In Zukunft soll die Law Clinic auch andere Rechtsgebiete abdecken, um so beispielsweise Uni-Absolventen beim Einstieg in den Beruf oder der Existenzgründung rechtliche Hilfestellung zu geben.

Law Clinics an der Goethe-Universität

  • Law Clinics stammen ursprünglich aus den USA, wo sie fester Bestandteil des Curriculums im Jura-Studium sind.
  • Inzwischen gibt es eine eigene Bewegung europäischer Law Clinics, die sich im Netzwerk ENCLE (European Network for Clinical Legal Education) zusammengeschlossen haben, in unterschiedlichen Rechtsbereichen arbeiten und mit ihrer Arbeit sozial oder finanziell benachteiligte Personengruppen unterstützen.
  • Die Goethe-Uni Law Clinic (GULC) Migration und Teilhabe wurde im WS 15/16 am Fachbereich Rechtswissenschaft eingerichtet und an der Professur Wallrabenstein (Lehrstuhl für Öffentliches Recht mit Schwerpunkt Sozialrecht) aufgebaut.
  • Die Ausbildung an der GULC umfasst zwei Semester, ergänzt durch ein Praktikum in der vorlesungsfreien Zeit. Anschließend beraten die Studierenden selbstständig, halten aber regelmäßig Rücksprache mit supervidierenden Paten-Anwält*innen
  • Den Studierenden des Fachbereichs Rechtswissenschaft werden Leistungen im Rahmen ihrer Ausbildung an der GULC als Schwerpunktbereichsleistungen angerechnet. Bis Mitte September können sich Interessierte unter mut@gulc.uni-frankfurt.de mit Lebenslauf und einem Motivationsschreiben für den zweiten Ausbildungszyklus bewerben.

Kontaktdaten

Goethe Uni Law Clinic (GULC)
Migration und Teilhabe

Theodor-W.-Adorno-Platz 4,
60629 Frankfurt am Main
mut@gulc.uni-frankfurt.de

Eva Bettina Trittmann, Wiss. MA, RuW-Gebäude (Raum 3.148)
Tel: (069) 798-34308

Autorinnen: Helen Tragesser, Silvia Gerlinger

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4-2016 des UniReport erschienen [PDF].